Der letzte Minister, der solche Beteuerungen von Bush zu hören bekam, war Pentagon-Chef Donald Rumsfeld. Wenige Tage später wurde er entlassen, weil Bush einen Sündenbock für die vermasselte Kongresswahl im Herbst brauchte. Mit Gonzales steht nun ein weiterer Architekt von Bushs Anti-Terror-Politik auf der Kippe.
Bush wirft den gegnerischen Demokraten vor, einen "parteipolitische Beutezug" zu veranstalten und dabei auf Gonzales als Haupttrophäe abzuzielen. In der Tat dürfte die Aussicht, einen der Macht-Manager aus dem engen Zirkel um Bush zu Fall zu bringen, für viele Demokraten verlockend sein. Mit anscheinend bedingungsloser Loyalität hat Gonzales seinen Freund und Förderer Bush seit dessen Karrierestart als Landespolitiker in Texas in den 90er-Jahren begleitet. Bush nennt den Sohn mexikanischer Arbeiter auf spanisch liebevoll "mi abogado" - "mein Anwalt". Mit kräftigem Pinselstrich malte Gonzales mit an dem Bild, das Bush den Wählern in den USA so gerne von sich zeigte: als Hardliner, der mit Terroristen und anderen Verbrechern kurzen Prozess macht.
In den 90er-Jahren legte Gonzales den damaligen texanischen Gouverneur Bush darauf fest, Todesurteile vollstrecken zu lassen und nicht in Haft umzuwandeln. Nach den Terroranschlägen im September 2001 schuf der Jurist in Washington die Grundlage dafür, im Umgang mit gefangenen Terrorverdächtigen das Folterverbot aufzuweichen und harte Verhörtechniken zuzulassen. Den Verstoß gegen die völkerrechtlichen Vorgaben der Genfer Konvention nahm er in Kauf. Auch an der umstrittenen Einrichtung von Militärtribunalen im Gefangenenlager Guantánamo war Gonzales beteiligt. Kritiker werfen ihm vor, den juristischen Rahmen für die Misshandlung von Gefangenen in Guantánamo oder im Gefängnis Abu Ghraib bei Bagdad geschaffen zu haben.
Als Bushs Rechtsberater und später als Justizminister vertrat Gonzales eine Rechtsphilosophie, welche die Vollmachten des Präsidenten bis an die verfassungsmäßigen Grenzen ausdehnte. "Jeder Tag ist ein 12. September", sagt er gerne. Im Klartext: Nach den Terroranschlägen vom 11. September braucht das Land einen starken Führer mit freier Hand im Krieg gegen den Terror. Die derzeitige Affäre um Gonzales wurzelt in dem Verdacht, dass die Regierung in ihrem Machtanspruch zu weit gegangen ist: Sein Ministerium soll letztes Jahr acht der 93 hochrangigen US-Bundesanwälte entlassen haben, weil ihre Loyalität zur Bush-Regierung infrage stand. Die Pläne wurden wohl im Weißen Haus erarbeitet. Kritiker sehen die Justiz von der Exekutive bedrängt.
Gegen Rücktrittsforderungen wehrt sich Gonzales mit der Zähigkeit eines Mannes, der sich von ganz unten bis weit nach oben vorgekämpft hat. "Ich habe im Leben viele Hürden überwinden müssen, um Justizminister zu werden", sagte der Minister. "Ich stehe nicht hier, weil ich einer bin, der schnell aufgibt." Das ist eine Anspielung auf seine Abstammung aus kleinsten Verhältnissen. Gonzales' Eltern waren als Wanderarbeiter aus Mexiko nach Texas gekommen. Er wuchs beengt mit sieben Geschwistern auf. Dennoch gelang ihm der Sprung an die renommierte Jura-Fakultät von Harvard und später eine astreine Karriere, die ihn als ersten Latino auf den Posten des US-Justizministers führte.