Zum Musterknaben für die islamische Welt ist Karsai in den vergangenen Jahren von seinen Freunden in Washington aufgebaut worden. Und die Rolle als Held des demokratischen Wandels soll der afghanische Präsident auch behalten. Zwar hatte es zuletzt in den afghanisch-amerikanischen Beziehungen geknirscht. Der Opiumanbau in Afghanistan auf der einen Seite, die Misshandlung afghanischer Häftlinge durch US-Soldaten auf der anderen Seite, sorgten für Missstimmung zwischen den Verbündeten. Dennoch wurde Karsai mit einem freundlichen Empfang im Weißen Haus geehrt - zu wichtig ist der Mann aus Kabul für Bush. Karsai sei eine "großartige Inspiration" nicht nur für sein eigenes Land, sondern auch für die Nachbarstaaten, schwärmte der US-Präsident.

Beide Seiten brauchen einander
Bush und Karsai unterzeichneten ein Memorandum über die strategische Partnerschaft ihrer Länder. Mit ihm unterstreichen die USA ihre Entschlossenheit, über die für September geplanten afghanischen Parlamentswahlen hinaus auf lange Sicht politisch, wirtschaftlich und militärisch am Hindukusch engagiert zu bleiben. In Karsais Sicht wiederum ist das langfristige US-Engagement unabkömmlich, um die fragile politische Neuordnung nach dem Sturz der Taliban vor dreieinhalb Jahren abzusichern: Auch nach der anstehenden Wahl seien die neuen Institutionen noch nicht stark genug, um ohne Hilfe von außen auskommen zu können, sagte er.
Mit 18 000 Soldaten stellen die USA in Afghanistan nach wie vor das mit Abstand stärkste ausländische Kontingent. Die amerikanischen Soldaten werden von der Karsai-Regierung dringend vor allem für den Kampf gegen die radikalislamischen Taliban gebraucht, die Teile des Landes erneut unter ihre Kontrolle gebracht haben. Nicht zuletzt mit Blick auf die Parlamentswahlen versucht Karsai dennoch schon seit einiger Zeit, dem Eindruck allzu großer Abhängigkeit von Washington entgegenzuwirken: "Kein Afghane ist eine Marionette", sagte er kurz vor seinem Besuch im Weißen Haus dem US-Sender Fox. "Schockiert" hatte Karsai zudem schon vor seiner Reise auf einen Bericht der "New York Times" über mutmaßliche Misshandlungen afghanischer Gefangener auf US-Stützpunkten reagiert. Die Zeitung berichtete über zwei Gefangene, die im Dezember 2002 an den Folgen der Quälereien gestorben sein sollen.
Das Memorandum zeigt allerdings, wie stark Karsai weiter auf seine militärische Schutzmacht angewiesen ist. Die Vereinbarung sichert der US-Armee die langfristige Nutzung der Luftwaffenbasis Bagram sowie weit gehend unbeschränkte Operationsfreiheit auf afghanischem Territorium zu. Nur vage werden "Konsultationen" mit Kabul vor jeder US-Militäroperation in Aussicht gestellt. Auch in der Gefangenen-Frage wollte sich Bush nicht zu sehr festlegen. Unsicher blieb seine Zusage, die afghanischen Häftlinge in Guantánamo auf Kuba "mit der Zeit" in afghanische Gefängnisse zu verlegen. Und über die Foltervorwürfe verlor Bush auf der Pressekonferenz kein Wort. Karsai wiederum beeilte sich zu beteuern, dass "diese Dinge überall geschehen" und nicht als Ausdruck amerikanischer Gesinnung missverstanden werden dürften.
Auch das Drogenproblem soll die für beide Seiten so wichtigen Beziehungen nicht allzu sehr belasten. Die "New York Times" hatte berichtet, die US-Botschaft in Kabul mache Karsai dafür verantwortlich, dass die Zerstörung der Mohnplantagen nicht rasch genug vorankomme: Er zögere, gegen lokale Milizenchefs vorzugehen, die die Produktion kontrollieren. Bush zeigte sich aber mit der Zusicherung seines Gastes zufrieden, dass der Mohnanbau in diesem Jahr voraussichtlich um 20 bis 30 Prozent reduziert werden könne.

Um gute Atmosphäre bemüht
Karsai bemühte sich zudem, Befürchtungen zu zerstreuen, die wütenden Proteste der vergangenen Wochen in seinem Land könnten Ausdruck einer wachsenden antiamerikanischen Stimmung sein. Keineswegs seien die Demonstrationen von dem - später zurückgezogenen - Bericht des US-Magazins "Newsweek" über angebliche Schändungen des Koran durch US-Soldaten in Guantánamo ausgelöst worden. Vielmehr würden sie von Kräften gesteuert, die Afghanistan destabilisieren wollten. Das "afghanische Volk" aber verstehe, dass der Koran in den USA respektiert werde, beteuerte Karsai unter den wohlwollenden Blicken seines Gastgebers.