Bei Henry Paulson ist es anders: Der Finanzminister hat einen Handlungsspielraum wie kaum ein anderer US-Minister, sein eisernes Krisenmanagement beim Bankendrama an der Wall Street macht ihn derzeit zur Schlüsselfigur in Politik und Finanzwelt. Der 62-Jährige ist Rettungsleiter im finanzpolitischen Dauereinsatz: Er koordiniert die Aufräumarbeiten im dramatischen US-Finanzbeben.
Mit der Kultur der Wall Street und den Details der Finanzmärkte ist Paulson bestens vertraut: Er war Chef der Investmentbank Goldman Sachs, ehe Bush ihn 2006 ins Kabinett lockte. Sein blankrasierter Schädel ist derzeit immer dort zu sehen, wo die Probleme kochen. Der Minister persönlich trommelte am Wochenende die Finanzelite New Yorks in Manhattan zu einem Reigen von Krisentreffen zusammen, um den Konkurs der angeschlagenen Großbank Lehman Brothers zu flankieren und den Schaden zu begrenzen. Das Wochenende zuvor hatte Paulson mit Krisensitzungen im Weißen Haus verbracht und dabei die staatliche Übernahme der Immobilienfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac durchgezogen.
„Er war die ganze Zeit auf dem Fahrersitz – und genau dort wollte der Präsident ihn haben“, sagte Bushs Sprecher Tony Fratto hinterher der „New York Times“ über Paulsons Rolle. „Die Stimmung war in etwa: Du regelst das, und ich hoffe, es funktioniert.“ Der Weg, den Paulson einschlug, wich freilich weit von Bushs konservativen Prinzipien ab.
Der Präsident scheut aus Prinzip staatliche Einmischungen in die Wirtschaft. Zu Beginn seiner Amtszeit profilierte er sich mit Initiativen zu Steuersenkungen und Deregulierung, die das freie Spiel des Marktes fördern sollten. Damals ließ der Konjunkturboom solche Maßnahmen zu, die Bush stets persönlich vor der Presse verkündete. Nun, in der wohl schwersten Finanzkrise seit Jahrzehnten, lässt er Paulson den Vortritt.
Paulsons Verpflichtung als Finanzminister im Juli 2006 galt als gelungener Schachzug Bushs, dem der Ruf nachhängt, bei der Besetzung von Ämtern oft eher auf persönliche Loyalität zu achten als auf Kompetenz. Paulsons Eignung stand aber nie infrage, als Chef von Goldman Sachs war er einer der Stars der Wall Street. Lange musste Bushs Stabschef Jo shua Bolten um ihn werben. Paulson benötigte das Ministeramt nicht, für das er auf viele Millionen Dollar Gehalt als Bankchef verzichten musste. Bush benötigte freilich einen angesehenen Finanzchef, nachdem seine ersten beiden Ressortminister keine gute Figur gemacht hatten.
Paulson willigte laut US-Medien unter der Maßgabe ein, dass er das Amt unabhängig und nach eigenen Vorstellungen führen dürfe. Eigene Akzente setzte er dann mit dem milliardenschweren Konjunkturpaket vom Frühsommer und seinen engen Kontakten zur neuen Wirtschaftsmacht China. Anders als seine Vorgänger thematisierte er auch das wachsende Einkommensgefälle in den USA, ohne das Problem freilich konsequent anzupacken.
Das Ministeramt ist nicht Paulsons erster Ausflug in die Politik. Nach seinem Studium der Wirtschaft in Harvard hatte er Anfang der 70er-Jahre als Berater im Weißen Haus von Präsident Richard Nixon gedient.
Im Jahr 1974 begann Paulson, der verheiratet ist und zwei Kinder hat, seine Arbeit bei der Investmentbank Goldman Sachs und arbeitete sich dort binnen 25 Jahren zum Konzernchef hoch.
Es ist fast eine Ironie, dass Paulson nun als Finanzminister den Niedergang seiner Konkurrenten von damals beaufsichtigen muss: Von den einstmals fünf großen US-Investmentbanken ist neben Goldman Sachs nur noch Morgan Stanley als eigenständige Kraft übrig. Lehman Brothers, Bear Stearns und Merrill Lynch sind Opfer der Krise.