Führende Vertreter der Demokraten kritisierten die Pläne Petraeus', den Einsatz mit verminderter Truppenstärke auf unbestimmte Zeit fortzuführen. Die irakische Regierung erklärte dazu, sie rechne mit rund 100 000 US-Soldaten am Ende des nächsten Jahres.

Der Rest für den Nachfolger
In seiner etwa 15 Minuten langen Rede heute Nacht werde Bush auch auf den Irak-Bericht von Petraeus vor dem US-Kongress eingehen, teilte das Weiße Haus gestern mit. Nähere Angaben zum Inhalt der Ansprache machte der Sprecher des US-Präsidenten, Tony Snow, nicht. Erwartet wird aber, dass sich Bush dem Vorschlag seines Oberbefehlshabers anschließt und rund 30 000 der derzeit 168 000 US-Soldaten im Irak bis Mitte nächsten Jahres abzieht. Über den Verbleib der restlichen Truppen könnte Bush dann seinen Nachfolger entscheiden lassen, der Ende 2008 gewählt wird.
Der Nationale Sicherheitsberater des Irak, Muaffak el Rubaie, sagte, er rechne mit einer Reduzierung der US-Truppen auf 100 000 Mann bis Ende 2008. Mitte 2008 werde die Zahl der Soldaten vermutlich bei 130 000 liegen, sagte Rubaie in Bagdad.
Vor seiner Ansprache traf sich Bush gestern mit führenden Vertretern des US-Kongresses, um die künftige Irak-Strategie zu besprechen. "Es ist sehr wichtig, dass ich mich vor meiner Entscheidung mit den Vorsitzenden des Repräsentantenhauses und des Senats berate", sagte Bush.
Führende Vertreter der Demokraten sprachen sich gegen die Vorschläge von Petraeus aus. "Für mich hört sich das so an, als ob General Petraeus einen Plan für mindestens zehn Jahre starker US-Präsenz im Irak vorstellt", sagte die Vorsitzende des US-Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, nach einem Gespräch mit Bush im Weißen Haus. Sie habe von Petraeus eine Erklärung dafür erwartet, warum ihr Land weiter diesen Einsatz bestreiten solle. "Egal wie erfolgreich unsere Truppen sind, die irakische Regierung weigert sich weiterhin, die notwendigen politischen Veränderungen vorzunehmen, um den konfessionsgebundenen Konflikt zu beenden", sagte Pelosi weiter. Sie versprach, dass die Demokraten dafür "kämpfen" würden, dass "unsere Kampftruppen diesen Bürgerkrieg verlassen".
New Yorks Senatorin und Präsidentschaftsanwärterin Hillary Clinton, die 2002 für den Irak-Krieg gestimmt hatte, bezeichnete Petraeus und Irak-Botschafter Ryan Crocker als Sprecher Bushs. Sie äußerte Zweifel an den Berichten der beiden und versuchte sie mit ihren Zahlen unglaubwürdig zu machen. Ihr Konkurrent um die demokratische Präsidentschaftskandidatur, Barack Obama, schlug in die gleiche Kerbe: "Wir haben die Messlatte so niedrig gelegt, dass schon bescheidenste Verbesserungen in einer vollkommen chaotischen Situation ( . . . ) als Erfolg betrachtet werden", sagte Obama.

Stabilität in gefährlichem Umfeld
US-Außenministerin Condoleezza Rice sagte, die USA würden sich in den kommenden sechs Monaten darauf konzentrieren, die territoriale Integrität des Irak zu schützen. Während die irakischen Truppen mehr Verantwortung übernehmen würden, würden sich die US-Truppen um Stabilität angesichts eines gefährlichen Umfelds bemühen, sagte Rice dem Fernsehsender NBC. Der Iran sei ein "sehr störender Nachbar". Teheran hatte angekündigt, das nach einem US-Abzug entstehende Vakuum zu füllen. Am Mittwoch betonte das iranische Außenministerium, die Irak-Berichte der US-Verantwortlichen würden Washington nicht aus der "irakischen Klemme" befreien.

Zum Thema Experten: Al Qaida bereit zu neuen Anschlägen
 Das Terrornetzwerk Al Qaida hat nach Einschätzung des Instituts für Strategische Studien (IISS) trotz des internationalen Anti-Terror-Kampfes die Kraft für neue große Anschläge im Westen. Al Qaida sei "anpassungsfähig und unverwüstlich", heißt es im gestern in London vorgestellten Strategiebericht . Geplante und versuchte Anschläge der vergangenen Monate in Europa zeigten einen "wachsenden Trend der islamischen Radikalisierung". Al Qaida sei so stark verwurzelt, dass es Jahrzehnte dauern werde, die Organisation zu zerschlagen.
Den USA stellte das IISS ein schlechtes Zeugnis aus. Die USA hätten bei der Terrorbekämpfung versagt. Washington habe insbesondere an Einfluss in der Welt verloren, weil es "gescheitert" sei, im Irak "Stabilität zu schaffen".
Wie zur Bestätigung der IISS-Einschätzung wurden gestern in Österreich zwei Männer und eine Frau mit mutmaßlichem Al-Qaida-Hintergrund festgenommen . Unter ihnen ist nach Informationen des ORF-Fernsehens möglicherweise ein "Schläfer". Der Mann soll in afghanischen oder pakistanischen Trainingscamps trainiert worden sein. "Schläfer" sind ausgebildete Terroristen, die meist völlig unauffällig in einem Land operieren, bis sie bei einem Anschlag eingesetzt werden.