Um die Zustimmung zu einer Kriegs-Resolution zu erhalten, setzen die USA unterdessen die Uno weiter massiv unter Druck - auch mit Drohungen. Die Weltorganisation werde "irrelevant", wenn sie gegenüber dem irakischen Machthaber Saddam Hussein tatenlos bleibe, hat US-Präsident George W. Bush wiederholt erklärt. Die Drohung ist unmissverständlich: Sollte der Sicherheitsrat die Resolution verweigern, könnten sich die USA veranlasst sehen, künftig ihre Außen- und Sicherheitspolitik komplett außerhalb des UN-Rahmens zu betreiben. Nicht nur die Zukunft Iraks, sondern auch der UN scheint also auf dem Spiel zu stehen. Manche Experten meinen aber, dass die USA auf längere Sicht ohne die Vereinten Nationen nicht auskommen können.

Eine Schicksalsentscheidung
Laut Bush handelt es sich bei der Entscheidung über Irak um nicht weniger als um eine Schicksalsentscheidung für die UN: Lasse der Sicherheitsrat Saddam Hussein weiter gewähren, würde die Uno "als Quelle der Stabilität und Ordnung stark geschwächt". Die "Falken" in Washington verfolgen schon seit längerem mit knirschenden Zähnen den zähen Verhandlungsprozess bei der UN, auf den sich Bush im September auf Anraten von Außenminister Colin Powell einließ. Der von Frankreich angeführte Widerstand gegen eine neue Resolution lasse das Gewicht jener Kräfte in Washington wachsen, die die Uno von jeher für "nutzlos" gehalten hätten, sagt Rachel Bronson vom Rat für Auswärtige Beziehungen in New York.
Einige Experten halten die Drohungen des US-Präsidenten allerdings in erster Linie für Verhandlungstaktik. Damit würden die schwächeren Staaten im Sicherheitsrat "nervös gemacht, da für sie die Uno wichtiger ist als für die USA", sagt James Paul, Direktor des Global Policy Forum in New York, einer auf die UN spezialisierten Denkfabrik. Das Beispiel Kosovo zeigt nach Ansicht dieses Experten, dass die Uno keineswegs zwangsläufig bedeutunglos werde, wenn die USA ohne ihre Genehmigung Krieg führen: 1999 verzichtete US-Präsident Bill Clinton darauf, sich für die Bombardierung Jugoslawiens um eine UN-Resolution zu bemühen, da sich ein Veto der Russen abzeichnete; nach dem Krieg übernahm die Uno dennoch die Übergangsverwaltung im Kosovo. Anne-Marie Slaughter, Völkerrechtsexpertin an der Princeton-Universität, hebt hervor, dass die Uno während de s Kalten Krieges durch die Rivalität zwischen den USA und der Sowjetunion im Sicherheitsrat großenteils lahmgelegt war, seit den 90er-Jahren aber zahlreiche große Missionen übernommen hat: von Somalia bis Kambodscha, von Haiti bis Ruanda, vom Balkan bis Osttimor.
Dass die UN durch einen Irak-Krieg ohne neue Resolution bedeutungslos würde, hält sie deshalb für unwahrscheinlich. Die USA würden die Uno nach dem Krieg "dringender denn je brauchen", so Slaughter in der "Washington Post": für die Flüchtlingshilfe, die Wahrung der Menschenrechte und für eine Übergangsregierung in Irak. Auch UN-Generalsekretär Kofi Annan gibt sich zuversichtlich, dass unabhängig vom Ausgang des Irak-Streits die Vereinten Nationen weiter gebraucht würden. Selbst ein französisches Veto gegen eine neue Irak-Resolution würde nach seinen Worten keineswegs "das Ende der Vereinten Nationen bedeuten". Manche Experten befürchten allerdings, dass ein Waffengang der USA ohne den Segen der Uno die Bereitschaft anderer Staaten sinken lassen könnte, beim Wiederaufbau im Irak zu helfen.

US-Alleingang auch bei Irak-Aufbau?
Der Anreiz, "die Unordnung aufzuräumen, die die USA hinterlassen", wäre dann für die übrigen Staaten im Sicherheitsrat nicht groß, sagt Ted Galen Carpenter vom Cato-Institut in Washington. Dieser Experte meint allerdings auch, dass die USA keineswegs zwingend auf die UN für den Wiederaufbau in Irak und andere künftige Krisenbewältigung angewiesen seien. Die Drohung Bushs an die Uno ist nach Ansicht Carpenters also durchaus ernst gemeint. Die US-Regierung sei bereit, nicht nur im Krieg, sondern auch bei der anschließenden Besetzung Iraks "unilateral vorzugehen".
Welche Rolle die Uno künftig in der Welt spielt, könnte sich also möglicherweise erst nach dem drohenden Krieg herauskristallisieren - wenn darüber zu entscheiden ist, ob die Weltorganisation eine Rolle beim Neuaufbau Iraks erhält.