Mit ruhiger Hand klebt der 45-Jährige einen dünnen Holzstreifen auf einen winzigen Fensterrahmen. Vor sich hat er die Miniatur-Ausgabe des Albrechtshauses in Stiege, einem alten Kirchenbau. Bald kann er die Mini-Bleiverglasung einsetzen. Sie ist kaum größer als eine Briefmarke. Seit mehr als sieben Monaten arbeiten Seidel und weitere frühere Arbeitslose an Teilen für den 1,5 Hektar großen Miniaturenpark "Kleiner Harz". Am 1. Mai 2009 soll das Projekt auf dem ehemaligen Landesgartenschaugelände in Wernigerode eröffnet werden. Deutschlands nördlichstes Mittelgebirge schrumpft hier auf eine handliche Größe: Der 1142 Meter hohe Brocken ist mit Antennenmast noch knapp 3,70 Meter hoch und die Burg Falkenstein 5,80 Meter lang. Mini-Ausgaben der Harzer Schmalspurbahn und der Seilbahn Thale gehören ebenso dazu wie Rathaus und Schloss Wernigerode, der Halberstädter Dom sowie Privathäuser, Brunnen, Türme und Kapellen. Alles im Maßstab 1:25. Gebaut werden die etwa 50 Gebäude-Miniaturen in der Oskar-Kämmer-Schule in Wernigerode. "Wir haben mehr als 120 Harz-Motive zusammengetragen und dann nach Machbarkeit sortiert", sagt Projektleiter Jan Lühr, der Zimmermeister und Restaurator ist. "Aber unser Plan ist fließend. Es kommen neue Gebäude dazu, und andere fallen dafür weg." Da viele Sehenswürdigkeiten sehr alt sind, existieren mitunter keine Baupläne. Ein Vermessungsteam fotografiert und misst dann vor Ort und füttert den Computer mit Daten, der daraus 3D-Modelle erstellt. Rund 150 Menschen arbeiten in einer gemeinnützigen Gesellschaft am Mini-Harz. Für ein Jahr haben sie einen Arbeitsvertrag bekommen, um danach vielleicht einen festen Job zu finden. Von den großen Ausdrucken der 3D-Modelle und den Skizzen mit den vielen Strichen, Zahlen und Maßen ist niemand irritiert. "Das ist wie Lego", sagt der 36-jährige Lühr. Projektierung und Bau eines Gebäudes nehmen gleich viel Zeit in Anspruch. Meistens Monate, manchmal auch Jahre. Großen Wert legt Lühr auf die Detailtreue. Jeder schiefe Ziegel, jede Verzierung wird in das Modell übernommen. Sogar das Aussehen der Steine wird im Anstrich so realistisch wie möglich gehalten. Allein für die Halberstädter Martinikirche haben die Bastler 38 000 kleine Ziegel aufgeklebt, so Lühr. Sein Wunsch ist es, den Miniaturenpark bis 2015 auf 120 Motive zu erweitern. Auf dem Gelände des künftigen Mini-Harzes sind 30 Mitarbeiter mit der Gestaltung beschäftigt. Im Bodetal schichten sie Erde auf, auf der Spitze des Brockens steht eine Schubkarre. Für Frank Schröder, Chef des Bürgerparks, ist der "Kleine Harz" ein Baustein, der die Attraktivität des Geländes erhöht. Auch ein putziges Maskottchen hat der Miniaturen-Park schon: Zwergenkönig Minibald hat einen roten Bart und trägt eine große Krone.