Nicht, dass es darin lauter Neuigkeiten gebe. Eine mangelnde Ausstattung der Soldaten, die permanente Überforderung der Truppe in Auslandseinsätzen sowie akute Defizite bei der inneren Führung hatten schon Robbes Amtsvorgänger aufgelistet. Genau darin steckt jedoch die Brisanz der aktuellen Bestandsaufnahme. "Warum beklagen wir Jahr für Jahr dieselben Defizite und Mängel, und warum hat sich bis heute nichts geändert?", fragte Robbe gestern bei der Vorstellung des Berichts und lieferte die Antwort, die ihm viele Soldaten gaben, gleich mit: "Sie bezweifeln", dass die Mängelberichte überhaupt bis ins Bundesverteidigungsministerium "durchdringen". Ein geradezu vernichtendes Urteil der Betroffenen.

Viele Gründe für Soldaten-Frust
Für den Frust der Soldaten führte Robbe mehrere Beispiele an. Bei einem unangemeldeten Besuch in einer norddeutschen Kaserne erwiesen sich alle Eingaben als traurige Wirklichkeit: Schimmelbefall in Kellern und Stuben, marode Dächer, vollkommen durchgelegene Matratzen. So etwas entsteht nicht von heute auf morgen. Ein Grund war der große Investitionsbedarf in ostdeutschen Kasernen, der besonders in den 90er-Jahren zu Lasten westdeutscher Liegenschaften ging.
Doch auch in den neuen Bundesländern häufen sich die Probleme. Bei einem Truppenbesuch im Osten wurde Robbe über erhebliche Mängel bei der medizinischen Versorgung berichtet. Hauptursache sind die wachsenden internationalen Verpflichtungen der Truppe. Von rund 2400 Ärzten im Sanitätsdienst waren im Vorjahr durchgehend etwa 700 durch Auslandseinsätze der Bundeswehr gebunden. Derweil fehlten in den Bundeswehrkrankenhäusern daheim vor allem Chirurgen und Anästhesisten.

Umfassende Fehleranalyse gefordert
Die Soldaten "leiden darunter, dass die der Bundeswehr zur Erfüllung ihres Auftrages zur Verfügung gestellten Mittel schon lange nicht mehr ausreichen", sagte Robbe. Dabei sind auch die Auslandseinsätze von einer versorgungstechnischen Perfektion weit entfernt. So war die Mission zur Sicherung der Wahlen im Kongo zwar politisch ein Erfolg, aber organisatorisch eine Katastrophe. In dem von einer Privatfirma errichteten Feldlager waren die Zelte undicht. Bei starkem Regen schwammen die Fäkalien durch die Unterkünfte. Robbe forderte eine umfassende Fehleranalyse des Kongo-Einsatzes, "damit sich Derartiges auf gar keinen Fall wiederholt".
Spätestens mit der juristischen Aufarbeitung von körperlichen Misshandlungen am Bundeswehrstandort Coesfeld ist auch das Prinzip der inneren Führung wieder ins Blickfeld geraten. Nach Robbes Erkenntnissen ließ die Vorbildfunktion der Vorgesetzten auch in zahlreichen anderen Fällen zu wünschen übrig. Die Vorwürfe reichten von "unangemessenem Umgangston über den Missbrauch der Befehlsbefugnis bis zu tätlichen Übergriffen. Häufig ist Alkohol im Spiel", heißt es in seinem Bericht. "Mich erschreckt, mit welcher Selbstverständlichkeit sogar Vorgesetzte über die Stränge schlagen", betonte Robbe. Zugleich räumte er ein, dass viele Vorkommnisse wahrscheinlich gar nicht gemeldet würden, weil die Soldaten dann erst recht Unannehmlichkeiten durch ihre Vorgesetzten befürchteten.
Von den Rekrutenmisshandlungen in Coesfeld waren immerhin 120 Soldaten betroffen. Aber keiner hatte sich an den Wehrbeauftragten gewandt. Der Fall kam eher durch Zufall ans Licht.