„Die Übergangsregelungen sind ein Investitionshemmnis.“ Auch der Schwedter Bürgermeister Peter Schauer (SPD) und der Vize-Bürgermeister von Guben, Fred Mahrow (CDU), sprachen sich für flexiblere Lösungen aus. In der Bevölkerung Brandenburgs, dem Bundesland mit der längsten Grenze zum östlichen Nachbarn Deutschlands, sind zwar Befürchtungen vor wachsender Kriminalität und Konkurrenz durch polnische Arbeitskräfte oder Firmen noch weit verbreitet, gibt es noch Ressentiments gegenüber Polen. Doch in den Grenzstädten hat sich die Stimmung inzwischen gewandelt.

Frankfurts OB: Viele Vorteile für beide
„Früher saß man wie das Kaninchen vor der Schlange“, sagt Oberbürgermeister Martin Patzelt – und spricht von einem „Mentalitätswechsel“. Das mag auch daran liegen, dass Frankfurt schon jetzt eng mit dem benachbarten Slubice zusammenarbeitet. So plant Slubice eine Wendeschleife für die einmal aus Frankfurt kommende Straßenbahn. Es gibt gemeinsame Veran-staltungskalender, ein gemeinsames Stadtfernsehen ist geplant. An der Europa-Universität Viadrina studieren 1700 polnische Studenten. Und Patzelt ist sich mit seinem polnischen Amtskollegen einig: „Jede Wirtschaftsansiedlung, ob hüben oder drüben, ist von Vorteil für beide.“
Allerdings gibt es Hürden: So will Patzelt nicht einsehen, dass in seiner Stadt tausende Plattenbauten abgerissen werden, während in Slubice 800 Wohnungen fehlen. Bislang scheiterte sein spektakulärer Versuch, polnische Mieter nach Frankfurt zu holen am Lohn- und Preisgefälle. Dennoch ist für Patzelt klar: Mittelfristig werden Polen und Deutsche auf beiden Seiten der Stadtbrücke leben und arbeiten: „Wenn Frankfurt sich nicht auf diesen Weg macht, könnte die Stadt in Bedeutungslosigkeit verfallen.“
Für Fred Mahrow, den 1. Beigeordnete im Rathaus von Guben sind die „Sprachbarrieren das größte Problem bei der Kooperation“. Auf polnischer Seite sei die Bereitschaft, Deutsch zu lernen, noch immer viel größer als umgekehrt. So seien zweisprachige Speisekarten in den Kneipen des polnischen Gubin längst selbstverständlich, im deutschen Guben aber noch immer die Ausnahme. Dennoch, so Mahrow, ändere sich dies langsam: So büffeln derzeit an der Volkshochschule 60 Gubener polnisch. Die vier Gubener Baumärkte hätten sich schon lange auf polnische Kunden eingestellt, berichtet Mahrow. Es sei selbstverständlich, dass in jedem ein Verkäufer perfekt polnisch spreche. Zudem würden beide Stadträte kooperieren, Vorlagen austauschen, so dass jeder über die Planungen des anderen informiert sei.

Schwimmhalle in Guben und Gubin?
Allerdings gibt es auch negative Beispiele. So habe Guben eine moderne Schwimmhalle, sagt Mahrow. Jetzt werde auch eine in Gubin gebaut. Dabei sei klar, dass sich auf Dauer die Doppelstadt mit 40 000 Einwohnern nicht zwei Schimmhallen leisten könne.
Anders als die nach dem Krieg von ihren Stadtteilen auf der anderen Oderseite getrennten Gemeinden Frankfurt und Guben hat Schwedt auf dem anderen Ufer keine polnische Partner-Kommune – dort liegt weites Land mit vielen kleinen Dörfern. Zwar sieht Bürgermeister Peter Schauer (SPD) den Wegfall der Zollbarrieren und die neuen Märkte als „riesige Chance“ für seine Stadt und ihre Firmen.

Verkehrschaos für Schwedt prophezeit
Schon jetzt suche etwa die große Raffinerie in Schwedt dringend technisches Personal, das sie in Deutschland nicht finde. Und das Klinikum sei akademisches Lehrkrankenhaus der Universität Stettin. Mancher polnische Student bleibe nach Abschluss seines Studiums als Arzt in Schwedt, wo sie dringend gebraucht würden, erzählt Schauer. Dennoch blickt er der EU-Erweiterung mit Sorge entgegen – und prophezeit ein Verkehrschaos. Bislang wurden die 80 bis 100 Lastkraftwagen, die stündlich zum Grenzübergang fahren, auf einem Zollhof vor der Stadt abgefertigt und einigermaßen geordnet zur Grenze gelenkt. Wenn die Zollkontrolle wegfällt, würden die Laster sofort direkt in die Stadt und zur einzigen Brücke weit und breit fahren. Hier hätten Bund und Land wertvolle Zeit verschlafen.