Von Ellen Hasenkamp
und Mathias Hausding

Von der CDU-Parteizentrale in Berlin bis zu den Uckermärkischen Bühnen in Schwedt sind es ziemlich genau 100 Kilometer. Das ist eigentlich gar nicht so weit. In eineinhalb Stunden ist man da. Und doch liegen an diesem sonnigen Frühlingsabend Welten zwischen dem Adenauer-Haus am Tiergarten und dem Großen Haus an der Oder. In der Hauptstadt kochen gerade mal wieder die politischen Emotionen hoch: Zerlegt es die GroKo? Fliegen einige Minister? Schmeißt Merkel hin?

Auch in Schwedt herrscht Rummel, aber mit Politik hat das weniger tun. Die Kanzlerin hat sich angesagt, doch als ihr Wagen um kurz nach 16 Uhr vor dem Theatergebäude parkt, sind die Bürger ein wenig abgelenkt: Gleich nebenan nämlich präsentieren auf dem traditionellen Family-Day die örtlichen Vereine ihre Angebote für Kinder. Abends ruft die Gastro-Mai-Le, also der Tanz in den Mai. Und das alles bei 18 Grad und wolkenlosem Himmel. Herrlich.

Drinnen im Foyer herrscht Arbeitsatmosphäre. Es wird geprobt für den Bürgerdialog mit Angela Merkel. „Bitte warten Sie immer, bis der Kollege mit dem Mikro bei Ihnen ist“, sagt MOZ-Chefredakteur Claus Liesegang, der Moderator.

Hört man sich um, was die Leute erwarten und was sie fragen wollen, werden meist soziale Themen genannt; die Probleme in der Pflege und der Medizinermangel zum Beispiel. Das Schicksal der Koalition, die Länge der Amtszeit von Merkel treiben hier kaum jemanden um. Gekommen sind die Bürger auch aus einem ganz einfachen Grund: Neugier. „Ich bin einfach sehr gespannt, wie es wird“, sagt Katrin Wallura, eine Schwedter Unternehmerin.

Während oben geübt wird, zieht sich Merkel zunächst zu einem Gespräch im kleinen Kreis zurück. Rund eine Stunde redet sie mit Schwedter Theaterleuten, Künstlern und Technikern über deren Arbeit und Wünsche.

Um 17.15 Uhr kommt die Kanzlerin dann ins Foyer und wird mit freundlichem Applaus begrüßt. Auch sie ist neugierig: „Dann wollen wir mal schauen, was der Tag so bringt.“

Und dann sind Kanzlerin, Bürger und Moderator auch schon mitten drin. Es geht um gleichwertige Lebensverhältnisse – und Merkel räumt ein, dass sie sich darum nicht zuletzt wegen internationaler Ablenkungen wie Bankenkollaps und Flüchtlingskrise nicht immer intensiv genug gekümmert hat. „Auch mein Tag hat nur 24 Stunden“, sagt sie ein bisschen entschuldigend, „da sind Sachen liegen geblieben“. Es geht auch um Identitäten: Eine junge Studentin, im Jahr 2000 in Schwedt als Kind von Eltern aus Nordrhein-Westfalen geboren, fragt: „Bin ich nun Ossi oder Wessi?“ Merkel lacht, antwortet dann: „So, wie Sie sich fühlen“. Und setzt hinzu: „Ist doch schön, wenn es zusammenwächst und man das nicht mehr eindeutig sagen kann.“ Und Merkel selbst? Fühle sie sich als Ossi, hakt Moderator Liesegang nach. Die Kanzlerin antwortet trocken: „Das ist eine absolut zutreffende Beschreibung.“ Noch wichtiger aber ist ihr eines: „Ich bin Brandenburgerin.“ Windkraft, Klima, Kitagebühren, Strukturwandel – das Themenkarussell dreht sich immer weiter. Merkel hört zu, fragt nach, erklärt und ist in vielen Fällen dann doch gar nicht direkt zuständig. „Ich nehme das mit“, versichert sie ein ums andere Mal.

Nach anderthalb Stunden sind 16 Leser zu Wort gekommen. Katrin Wallura ist ihre Frage zum Fachkräftemangel nicht losgeworden, aber trotzdem hoch zufrieden. „Die Antworten waren sehr präzise, die Kanzlerin ist authentisch.“ Betriebswirt Dennis Singert lobt die Stimmung. „Es war ein echter Dialog, etwas völlig anderes als die ständigen gegenseitigen Beschimpfungen in den sozialen Netzwerken.“

Und die Kanzlerin? Am Morgen war Kabinettssitzung, am Mittag kam der irakische Ministerpräsident, jetzt noch der Bürgerdialog und Mittwochfrüh ins Flugzeug nach Afrika. Merkel hat alle Hände voll zu tun – und im Theaterfoyer von Schwedt lässt sie keinen Zweifel daran, weiter anpacken zu wollen. „Ich fliehe nicht“, versichert sie einem Frager, der am Schluss doch noch das Flüchtlingsthema anschneidet.

Fliehen ist tatsächlich nicht Merkels Stil. Das wissen auch diejenigen in Berlin, die die Kanzlerin allmählich ganz gerne los wären und die finden, dass die Europawahl Ende Mai ein guter Anlass für den Wechsel sein könnte.

Der nächste Bürgerdialog mit der Kanzlerin findet übrigens in rund zehn Tagen am anderen Ende der Republik in Wuppertal statt. Dann jedenfalls dürfte Merkel noch im Amt sein.