Zeichnen sich Krisen ab, verschwindet Buchweizen zuallererst aus den Regalen. Als sich Russland im vergangenen Jahr mit dem Embargo für westliche Lebensmittel Autarkie verordnete, setzten umgehend Hamsterkäufe ein und der Preis schnellte in die Höhe.

Im Vergleich zum September des Vorjahres verteuerte sich Buchweizen im Landesdurchschnitt um 94,8 Prozent, in der Republik Tuwa stieg er gar um das 2,6 fache. Zucker, Reis und Sonnenöl legten dagegen nur um 40 Prozent zu. Mit mehr als 830 000 Tonnen baut Russland weltweit den meisten Buchweizen an. 2014 fiel die Ernte mager aus, die guten Erträge in diesem Jahr führten jedoch nicht zu einem Preisrückgang. Russlands Importembargo heizt die Inflation auch für heimische Produkte kräftig an. Die Menschen stöhnen, nehmen die Verteuerung aber widerspruchslos hin - als Opfer für etwas Höheres, sozusagen. Zum ersten Mal sanken auch die Realeinkommen in der Amtszeit Wladimir Putins. Neun Prozent in elf Monaten hintereinander. Unabhängige Analysten gehen für 2015 unterdessen von noch höheren Einbußen aus.

Mehr als zwei Drittel der Russen gaben in einer Umfrage des Lewada-Zentrums an, sie würden nur noch billigere Lebensmittel kaufen und nur noch das Nötigste. Einst galt der russische Verbraucher als hemmungsloserer Genießer. Inzwischen räumen 77 Prozent ein, dass das Land in einer wirtschaftlichen Krise stecke. Auch Wladimir Putin gab das zu. Der Tiefpunkt der Krise sei jedoch erreicht, sprach er vor kurzem den Menschen Mut zu. Den Nachsatz, dass die Entwarnung nicht für alle Sektoren gelte, hörten die meisten Bürger nicht mehr.

Auf den diesjährigen Nobelpreisträgers für Ökonomie, Angus Deaton, geht die Einsicht zurück, dass Glücksgefühle in der Wirtschaft ein wichtiger Faktor sein können. Der russische Analyst Andrei Kolesnikow wandte dies auf Russland an und stellte fest: auch beim russischen TV-Zuschauer verfängt die These. Solange er auf die Erfolge der russischen Luftwaffe in Syrien stolz ist und gebannt vor dem Fernseher verharrt, vergisst er den knurrenden Magen. Glücksgefühl als Nahrungsersatz macht satt.

Ein Bürger, der aus Stolz den Gürtel enger schnallt, lehnt sich nicht auf. Mehr als ein Drittel der Russen glauben ohnehin, das Ausland sei für die wirtschaftliche Talfahrt verantwortlich. Wenn sie früher in ähnlicher Lage nach Lösungen suchten, der wirtschaftlichen Malaise individuell zu entkommen, bewegen sie sich heute kaum noch. Die Krise entmutigt, da fast alle Bereiche betroffen sind. Als hätte sich eine Eisschicht über alles gelegt.

Nur wenn der Ölpreis steigt oder das Investitionsklima von neuem anzieht, lässt sich die Krise überwinden. Ausländische Direktinvestitionen sind im ersten Halbjahr 2015 mit 2,5 Milliarden Euro fast zum Erliegen gekommen. Auch ein Wunder könne die Krise noch aufhalten, scherzte ein russischer Wirtschaftswissenschaftler. Diese Möglichkeit halte er für die wahrscheinlichste. Kurzum: weder makroökonomische Faktoren noch soziale Akteure werden in den nächsten Jahren etwas zur wirtschaftlichen Genesung beitragen. Die Depression wird sich über einen längeren Zeitraum hinziehen. Für den Kreml besteht auch kein Handlungsbedarf. Rund 60 Prozent der Bevölkerung sind überzeugt, Russland befände sich auf dem richtigen Weg. 62 Prozent schauen vertrauensvoll in die Zukunft. Je jünger desto zuversichtlicher sind sie. Besonders vertrauensselig gibt sich die Generation Putin, die Altersgruppe bis 40 Jahre, die angesichts der imaginierten Weltmachtrolle jubelt. Deren Sicherheitsgefühl entspräche aber keinem Grundvertrauen in die eigenen Kräfte, meint der Soziologe Alexej Lewinson vom Lewada-Zentrum. Wahrscheinlich verberge sich dahinter die Wirkkraft der Ideologie.

Besonders düster sind die Aussichten für die Unterschichten, die das System Putin stützen. Sie werden weiter verarmen. Schon jetzt leben 23 Millionen unterhalb der Armutsgrenze. Doch auch sie werden kaum rebellieren. Vor den nächsten Wahlen wird der Kreml sie mit Almosen und säbelrasselndem Patriotismus ruhigstellen.

Auch die Mittelschicht hält still, die 2011 noch wegen gefälschter Dumawahlen protestierte. Sie bescheidet sich mit dem, was sie hat. Nach der Devise: alles ein paar Nummern kleiner. Statt einen Neuwagen anzuschaffen, wird nun der alte gepflegt. Statt Unmut zu bekunden, wird die schrumpfende Mittelschicht strampeln, um den Klassenerhalt zu wahren. Schon deswegen wird sie sich nicht gegen jene auflehnen, denen sie den vorübergehenden Wohlstand zu verdanken hatte. Politisch und wirtschaftlich nimmt Russland eine lange Auszeit.

War es zunächst das Wohlstandsversprechen, das Putin die Herrschaft sicherte, so ist es nun der Stolz auf das eigene Land, der die freiwillige Unterwerfung des Souveräns garantiert. Ihm gefällt das messianische Gemisch, Trutzburg der letzten Aufrechten zu sein. Russland litt schon immer an Phantasmagorien.