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Buch der beispiellosen IBA-Werkstatt

Das Potenzial einer durch den großflächigen Bergbau brutal zerstörten Landschaft ist mit der Internationalen Bauausstellung (IBA) "Fürst-Pückler-Land" beispiellos kreativ gehoben worden. Das bescheinigt Friedrich Wolters den Lausitzern. Der ehemalige Geschäftsführer der Regionale 2004, die der IBA Emscher Park in Nordrhein-Westfalen folgte, hält in Großräschen sichtlich stolz das Buch "Verwundete Landschaft neu gestalten – die IBA-Werkstatt in der Lausitz" in den Händen. Kathleen Weser

Großräschen. Das letzte große Werk der Internationalen Bauausstellung (IBA) "Fürst-Pückler-Land" erzählt die Geschichte eines hart errungenen und besonderen Erfolgs. Friedrich Wolters hat daran mitgearbeitet und als Jury-Mitglied im Wettbewerb um die Landmarke am Sedlitzer See (Oberspreewald-Lausitz) gewichtige Argumente für den "Rostigen Nagel" geliefert. Der Aussichtsturm ist inzwischen das Wahrzeichen des Lausitzer Seenlandes geworden. "Die kolossale Plastizität, die klare Form und die Zeichenkraft, die in die Lausitz ausgeht, hatten mich sofort überzeugt", sagt er mit dem Blick zurück, der auch einer nach vorn ist. Denn die große Kraft, die die IBA in der Lausitz mobilisiert habe, sei bisher beispiellos. "Hier haben die Einwohner am Sedlitzer See die gigantische Licht- und Klangskulptur gebildet, die anderswo teuer eingekauft wurde", stellt Wolters anerkennend fest. Die Lausitzer IBA habe bürgerschaftliches Miteinander gelebt, sich vom eingekauften Event abgewendet. "Das ist beachtlich und eine tolle Sache", schätzt Friedrich Wolters ein.

Nie zuvor sei mit einer IBA aus einem Krisenmanagement heraus mit geringem Finanzbudget und riesiger Experimentierfreude eine geschundene Landschaft so nachhaltig umgestaltet worden. Das bestätigt auch Wolfgang Kil, einer der zehn Autoren des Buches, die diese Lausitzer Bauausstellung sowohl aus der Sicht der Begleiter als auch der in der Region lebenden Menschen betrachten - aus dem Blickwinkel von Politik, Kultur, Zeitgeist, Kunst und Planern.

Den freien Architekturkritiker und Publizisten hat besonders beeindruckt, dass die Lausitzer "aus der Armut der Landschaft heraus und den einzigen steil nach oben zeigenden Kurven der Abwanderung und der Arbeitslosigkeit trotzend" echte Perspektiven für die Lausitz aufgezeigt und geschaffen haben.

Den Machern aus der Region, die beherzt und mit Verstand angepackt haben, gibt das letzte IBA-Buch deshalb breiten Raum. Die Soziologin Katja Sophia Wolf, die im Job bei der IBA und für diese von Anfang an die Werbetrommel gerührt hat, und der Fotograf Frank Döring haben Lausitzer Protaganisten porträtiert: die Mutter der F 60 Elke Löwe (Hörlitz); den Seenmacher Walter Karge (Senftenberg); den Wüstengänger Karsten Feucht (Welzow) und den unerwarteten Gast Tommaso Lana ebenso wie die Friedensstifterin Irmgard Schneider (Guben), die Offensive Kathrin Winkler (Senftenberg); die Unternehmerin Karin Mietke (Klein Partwitz) und die Heimatkundige Carola Meißner (Plessa), die Lebenskünstlerin Gesine Carlitscheck wie auch den Ton angebenden Marcel Friedrich (beide Großräschen).

Die druckfrische Rückschau auf die IBA "Fürst-Pückler-Land" zeichnet aber auch "Zehn Jahre Umbruch und Aufbruch" nach (Prof. Rolf Kuhn und Reiner Müller). Die "Geschichte der Industrieregion" (Petra Kabus) und "Alles auf Anfang" (Holger Bartsch) liefern den Einstieg in die Aufgabe, die die riesige Bergbaufolgelandschaft den Lausitzern stellt. "Spannend wie ein Krimi ist das knackige Kapitel der IBA-Vorgeschichte zu lesen", bescheinigt IBA-Geschäftsführer Prof. Rolf Kuhn den Autoren. Das "Landschaftslabor Lausitz" (Oliver G. Hamm und Brigitte Scholz) widmet sich besonders dem einen Projekt, das nicht am Ziel angekommen ist: der Wüste Oase in Welzow, die scheiterte. Die "Insel der besonderen Freiheiten" (Wolfgang Kil) lässt den beherzten Neubeginn nach dem Strukturbruch in der Lausitz mit allen politischen, sozialen und ökonomischen Folgen greifbar werden.

Im Kapitel "Wie man eine Schleuder baut" (Tina Veihelmann) werden unterhaltsam und emotional die Geschichten von Menschen der IBA-Region erzählt. Jürg Montalta, der Regisseur, der mit "Paradies 2" mehr als 7000 Lausitzer zum Mitmachen an einem einzigartigen Kunstprojekt bewegte, ist es zwar als Autor nicht gelungen, die Gebrauchsanweisung für das drei Jahre bearbeitete Werk aufzuschreiben. Und trotzdem ist dem Schweizer Theatermann nach der Lektüre bereits bestätigt worden, dass seine Arbeitsmethode nunmehr zu verstehen sei. Das IBA-Buch gewährt den Einblick.

Zum Thema:
"Verwundete Landschaft neu gestalten - die IBA-Werkstatt in der Lausitz" (ISBN: 978-3-86859-141-5, Jovis Verlag Berlin 2012), das neue Buch der Internationalen Bauausstellung (IBA) "Fürst-Pückler-Land", ist druckfrisch erschienen und am heutigen Sonnabend und morgigen Sonntag beim "Wochenende des offenen IBA-Studierhauses" am Großräschener See (Seestraße) erstmals zu haben. Der Wissensspeicher der IBA wird jeweils ab 10 Uhr für die breite Öffentlichkeit geöffnet. Der Fundus der Bauausstellung ist weitgehend erschlossen. Das Lese-, Film-, Foto- und Dokumentations-Archiv stehen Studierenden und interessierten Lausitzern zur Verfügung.

Friedrich Wolters, ehemaliger Geschäftsführer der Regionale 2004 nach der IBA Emscher Park und Förderer der IBA "Fürst-Pückler-Land", bescheinigt den Lausitzern einen beispiellosen Erfolg. Foto: Steffen Rasche/str1
Friedrich Wolters, ehemaliger Geschäftsführer der Regionale 2004 nach der IBA Emscher Park und Förderer der IBA "Fürst-Pückler-Land", bescheinigt den Lausitzern einen beispiellosen Erfolg. Foto: Steffen Rasche/str1 FOTO: Steffen Rasche/str1