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BTU-Reallabor auf dem Scharmützelsee

Erste Testbeprobungen auf dem neuen Forschungskatamaran. Das Schiff wird mit Solarenergie betrieben, ist acht Meter lang und 2,55 Meter breit.
Erste Testbeprobungen auf dem neuen Forschungskatamaran. Das Schiff wird mit Solarenergie betrieben, ist acht Meter lang und 2,55 Meter breit. FOTO: hil
Der Lehrstuhl für Gewässerschutz der BTU Cottbus-Senftenberg kann ab sofort mit einem neuen, eigens konzipierten Forschungskatamaran in See stechen. Der "KlimaKat" soll helfen, die Auswirkungen von Klimawandel und Nährstoffeinträgen in hiesige Gewässer zu untersuchen. Andrea Hilscher

Cottbus. Dienstsitz Bad Saarow, Blick auf den Scharmützelsee: Die Mitarbeiter der BTU-Forschungsstelle vom Lehrstuhl Gewässerschutz haben es wahrlich nicht schlecht getroffen. Ab sofort steht ihnen - neben verschiedenen kleinen und größeren Booten - ein nagelneuer, nach eigenen Vorstellungen konzipierter Forschungskatamaran zur Verfügung. Ingo Henschke, von Haus aus Fischerei-Ingenieur und seit 1993 als Geländetechniker beim Lehrstuhl, hat die Entwicklung des KlimaKats von Anfang an begleitet. "Ich bin ja hier derjenige, der zu jeder Tageszeit und bei jedem Wetter mit den Booten unterwegs ist, um Proben zu nehmen." Also weiß Henschke auch am besten, welche Instrumente sich an Bord bewährt haben, welche Fahreigenschaften ein Forschungsschiff braucht und wie die Probenentnahme am besten zu organisieren ist. "Auf unseren alten Booten müssen wir uns über die Schiffswand lehnen, um Wasser zu entnehmen", sagt er. "Auf dem Katamaran lassen sich verschiedene Schächte im Boden öffnen, um so problemlos an die Proben zu kommen."

Auch für mitfahrende Studenten oder Doktoranden ist das neue Forschungsschiff praktisch. "Sind Tag-Nacht-Schwankungen zu untersuchen, kann darauf auch mal jemand übernachten", sagt Prof. Brigitte Nixdorf, Leiterin des Lehrstuhls. Mit dem KlimaKat können die Forscher erstmals auch im Winter bei Eisbedeckung rausfahren und die entnommenen Proben ohne Zeitverlust an Bord "quasi online" untersuchen.

Proben nach Starkregen

Die Gewässerökologen sind auf 14 Seen rund um den Scharmützelsee unterwegs, beproben Fließgewässer und die Tagebauseen. In der Regel werden alle 14 Tage Proben aus dem Gewässer entnommen, bei Starkregen oder außergewöhnlich heftigen Klimaereignissen soll dies jetzt häufiger erfolgen. Die Wissenschaftler untersuchen die Proben in Hinblick auf Phytoplankton, Zooplankton, im Flachwasser auch tierische Bodenorganismen und Makrophyten, größere Wasserpflanzen. In Hinblick auf die chemischen Bestandteile sind vor allem Stickstoff und Phosphor interessant. "Gerade durch die Landwirtschaft werden zu viele Nährstoffe ins Wasser eingebracht, darunter leidet die Gewässerqualität", so Brigitte Nixdorf. In enger Zusammenarbeit mit Umwelt- und Naturschutzbehörden der Region wird derzeit versucht, die Landwirte davon zu überzeugen, weniger Dünger zu benutzen, um die Gewässer zu schützen. Hilfreich hierbei ist auch Jacqueline Rücker, seit 1993 am Lehrstuhl. Als echte Bad Saarowerin pflegt sie den Kontakt zu den Wassernutzern der Region, koordiniert die Forschung und erforscht neben den Blaualgen auch die Besonderheiten der Muscheln und Makrophyten.

Brigitte Nixdorf: "Nach der EU-Wasserrahmenrichtline müssten die Seen und Flüsse Europas eigentlich in diesem Jahr einen guten Zustand erreichen, mindestens zwei Drittel der Gewässer in Deutschland schaffen diese Hürde derzeit noch nicht." Neben dem Überangebot an Nährstoffen beeinflusst der Klimawandel die Gewässerqualität: Häufige Stark regen, Stürme und lange Hitzeperioden belasten die Ökosysteme. "Was genau dabei in den unterschiedlichen Wasserschichten passiert, können wir mit dem KlimaKat zeitnah beobachten", so die Forscherin.

Ingo Henschke verweist derweil auf ein neues Untersuchungsgerät, einen sogenannten Profiler. Er kann selbstständig in vorgegebenen Zeitabständen Proben aus bis zu 30 Metern Tiefe nehmen und analysieren. "So wissen wir nach einem heftigen Regen, bis in welche Wassertiefe Verwirbelungen aufgetreten sind."

360 000 Euro hat das Forschungsschiff gekostet, das in einer Werft in Havelberg gebaut wurde. "Für ein Großgerät in der Forschung ist das nicht besonders viel Geld", sagt Brigitte Nixdorf, in deren Lehrstuhl insgesamt 20 Mitarbeiter beschäftigt sind. 15 davon werden über Drittmittel finanziert. "In den vergangenen Jahren haben wir 13 Millionen Euro eingeworben, darauf sind wir schon ein wenig stolz", sagt die Forscherin. Auch mit über 500 Publikationen müsse sich ihr Lehrstuhl nicht verstecken. "Schade ist nur, dass es so schwer ist, unsere guten Absolventen zu halten, sie werden meist sofort von solventen Instituten abgeworben."

Stickstoff reduzieren

Gewässerökologie ist ein Zukunftsthema. Einer der großen Forschungsaufträge der vergangenen Jahre ist das Berlin-brandenburgische Nitrolimit-Projekt, mit dem sich Nixdorfs Mitarbeiter intensiv befassen. Berlin bezieht einen Großteil seines Wassers aus Brandenburg, möchte gern den Stickstoffgehalt dieses Wassers senken, bevor es in die Havel geleitet wird. "Wir prüfen nun, wie man den Stickstoff-Eintrag senken kann, welche Auswirkungen das auf die Organismen hat - und was solche Maßnahmen kosten würden", erklärt die Forscherin. An Arbeit mangelt es in Bad Saarow jedenfalls nicht. Eine zünftige Schiffstaufe ließen sich die Ökologen dennoch nicht entgehen. Zusammen mit der BTU-Vizepräsidentin Christiane Hipp, Honoratioren der Region und frischem Fisch aus dem Scharmützelsee wurde der KlimaKat am gestrigen Freitag feierlich getauft. Den Namen durften sich die Männer der Forschungsstation aussuchen. Sie entschieden sich für den Namen "Astacus", lateinisch für Krebs. "Und Krebse sind Indikatoren für besonders klares Wasser", sagt die Professorin. Ein gutes Omen für den neuen Forschungskatamaran.

Zum Thema:
Der Lehrstuhl für Gewässerökologie mit der Forschungsstelle Bad Saarow befasst sich mit der Trophieentwicklung von Standgewässern, mit Freilandaspekten der Blaualgenentwicklung und Toxinproduktion, der Klassifizierung und Bewertung von Stand- und Fließgewässern, der Limnologie extrem saurer Tagebauseen und ihres ökologischen Entwicklungspotenzials sowie mit der Sanierung von Seen innerhalb eines integrierten Flussgebietsmanagements.