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"BTU muss Motor und Denkfabrik der Region werden"

Jürgen Türk: Nicht nur den Ist-Stand aufzeigen.
Jürgen Türk: Nicht nur den Ist-Stand aufzeigen. FOTO: pr
Stand der Debatte. Wie sieht die Lausitz 2030 aus? Welche Weichen müssen jetzt gestellt werden? Weitere sieben Gastautoren haben sich in der von der RUNDSCHAU angeschobenen Debatte über Zukunftskonzepte und Visionen für die brandenburgisch-sächsische Region geäußert. Allesamt haben sie keine Patentlösungen – ein neuerlicher Zwischenstand der Debatte. Christian Taubert

Der Kolkwitzer Jürgen Türk liest alles, was zum Thema "Lausitz 2030" gedruckt und online kommentiert wird. "Alles richtig", sagt er gegenüber der RUNDSCHAU. "Aber es fehlen seit Jahren die konkreten Weichenstellungen." Und dem Prognos-Chef Christian Böllhoff, der die Politik zum Reden über die Folgen des bevorstehenden dramatischen Bevölkerungsrückgangs aufruft, entgegnet er: "Es ist nicht fünf vor, sondern fünf nach zwölf! Wir müssen endlich Gas geben."

Was Türk, der zwei Legislaturperioden Lausitzer Liberaler im Bundestag war, meint: "Es reicht nicht, sich immer weiter hinter der Landesregierung und der Braunkohle zu verstecken oder in unabgestimmten Kreis- und Stadtentwicklungskonzepten lediglich den Ist-Stand zu beschreiben." Es müssten regionale Entwicklungskonzepte mit konkreten Beispielen, auch Modellregionen, auf den Tisch. In seiner Mail an die RUNDSCHAU unterstützt er die Gründung eines "Institutes für innovative Entwicklungen der Lausitz", wie es die Wirtschaftsinitiative Lausitz vorschlägt.

Die sinnvollste Lösung wäre seiner Ansicht nach, es als An-Institut bei der BTU Cottbus-Senftenberg anzusiedeln. "Denn die BTU kann und muss Motor und Denkfabrik der Region werden", schreibt der Forster Kreistagsabgeordnete Jürgen Türk. Angewandte Forschung heiße das Zauberwort. Es müssten Entwicklungsprojekte gesammelt, verteilt, koordiniert und in Ausgründungen überführt werden. "Zu den Entwicklungsprojekten müssen logischerweise auch und gerade die der Energiewirtschaft gehören", schreibt Türk. Damit entfernt sich der Liberale keineswegs von den Gastautoren der RUNDSCHAU-Zukunftsserie, Normen Müller, Geschäftsführer der Energieregion Lausitz-Spreewald, und Hartmuth Zeiß, Vorstandsvorsitzender von Vattenfall Europe Mining & Generation. Für Müller ist die Energiewirtschaft die prägende Branche der Lausitz, "die wir aus gutem Grund Energieregion nennen".

Kennzeichen der Region sei eine hohe Einspeisung sowohl fossiler als auch erneuerbarer Energien. Eine Vielzahl an Forschungsaktivitäten bietet die Chance, eine zentrale Rolle in Forschung und Anwendung einzunehmen. "Wird diese Entwicklung konsequent fortgeschrieben", betont Müller, "dann werde sich die Lausitz bis 2030 als ein überregionales Kompetenzzentrum für Technologien der Energiewende etablieren". Lausitzer Know-how würde dann weltweit gefragt sein. Zukunftsvisionen, denen Vattenfall-Vorstand Hartmuth Zeiß nur zu gern folgen möchte. Doch er verweist auch auf immer neue Vorschläge zur Verdrängung der Braunkohle aus dem Energiemix. An die Braunkohlegegner gerichtet betont er, dass sich leicht fordern lasse, "was die Politik, was die Uni, was die großen Unternehmen tun sollten". Doch: Wer Plan B sage, "sollte sich in die Pflicht nehmen, diesen in realistischer Weise zumindest zu skizzieren. Wer dem Wegzug Einhalt gebietet, sollte ein Konzept haben, wie die Menschen hier Lohn und Brot finden".

In aller Klarheit betont Zeiß, dass viele Anstrengungen an Wert verlieren würden, wenn die Bundesregierung die Weichen anders stellen sollte. Im Koalitionsvertrag sei die Braunkohle noch eine feste Bank gewesen. Das Vertrauen in die energiewirtschaftliche Vernunft schwinde jedoch. "Stattdessen wächst die Verunsicherung", erklärt Zeiß, um darauf zu verweisen, dass es in einer so ungewissen Situation seriös nicht möglich sei, die Chancen der Lausitz für 2030 zu bemessen.

Während der Chef der Wirtschaftsinitiative Lausitz, Michael von Bronk, die Zukunft nicht durch die Glaskugel betrachten will, "so gibt es doch Dinge, die wir wissen können: Auch 2030 wird kein Unternehmer ein Geschäft betreiben, bei dem er nicht das Geld verdient, mit dem er seine Mitarbeiter und die Investitionen bezahlt". Auch 2030 würden sich Firmen nur dann behaupten, wenn sie kluge, motivierte Köpfe an Bord haben. Auch 2030, so von Bronk, würden nur dann Industriebetriebe hier sein, wenn ihnen zuverlässig und bezahlbar Energie geliefert wird.

Die Cottbuser Vorsitzende des Stadtmarketing- und Tourismusverbandes, Gabi Grube, lässt sich bei ihren Zukunftsvisionen mehr vom Cottbuser Ostsee und den daraus erwachsenden Chancen für die Stadt inspirieren. Sie lässt ihren Fantasien freien Lauf: "An der Straße von der Stadt an den See haben junge Firmengründer ihre Adresse, die sich in diesem Umfeld wohlfühlen und auf nachhaltige Produkte und Dienstleistungen setzen. Nirgendwo finden sie bessere Bedingungen und mehr Unterstützung zum Ausprobieren, denn der Ostsee ist seit der Bundesgartenschau 2020 Pilotregion und Sonderförderzone der Bundesrepublik in Sachen Technologien für nachhaltige Ferienregionen. Die jungen Unternehmer bauen Solarflugzeuge und planen nachhaltige Feriensiedlungen für verschiedene Ansprüche. Hier lebt es sich einfach schöner als in der lauten abgasschwangeren Luft Berlins, wo sie zu Hause waren, bevor sie an der BTU studiert haben." Liebe Gabi Grube, verbünden Sie sich mit Jürgen Türk. Denn auch für die Ostsee-Träume tendiert der Zeiger in Richtung fünf nach zwölf.

Zum Thema:
Ende Januar hat die LAUSITZER RUNDSCHAU ihre große Zukunftsserie "Lausitz 2030" gestartet. Seither haben eine Reihe von Gastautoren aus Wirtschaft, Wissenschaft, Landes- und Kommunalpolitik ihre Visionen dazu aufgeschrieben, wie die Lausitzer in 15 Jahren leben werden. Sie haben Fragen aufgeworfen, ihre Träume öffentlich gemacht und Versäumnisse benannt.Mischen auch Sie sich ein und diskutieren Sie mit!