Barbara S. schafft nur die ersten paar Worte ihrer Geschichte, ohne dass ihre Stimme an ihren Tränen erstickt. Grauenhaft muss das gewesen sein, was der 22-Jährigen vor knapp zweieinhalb Jahren auf einem abgelegenen Feldweg im Schönefelder Ortsteil Kleinziethen widerfahren ist. Noch heute, sagt Barbara S., habe sie Albträume, kaue an ihren Fingernägeln. Ob sie noch immer als Prostituierte arbeite, fragt sie der Vorsitzende. Ja, sagt sie.

Benjamin H. sitzt wenige Meter von ihr entfernt. Justizbeamte hatten den 34-Jährigen in Handschellen in den Gerichtssaal im obersten Stock des Cottbuser Landgerichts geführt. Als Barbara S. spricht, bleibt sein Blick gesenkt. Er notiert sich etwas in seinen Prozessunterlagen. Sagen wird er nichts. Das hatte er seinen Anwalt ausrichten lassen. Warum? Weil er sich an die Oktobernacht 2012 nicht mehr erinnern könne. Benjamin H. soll laut Anklage Barbara S. entführt und brutal vergewaltigt haben. H. weiß nichts mehr davon, sagt er. Nicht einmal zum Auto, das er in der Tatnacht gefahren haben soll, kann er Angaben machen.

Barbara S. weiß dafür umso genauer, aus welchem Wagen der Angeklagte sie kurz vor Mitternacht am 6. Oktober auf der Berliner Kurfürstenstraße angesprochen hat. Ein schwarzer oder dunkelblauer Golf sei es gewesen, sagt die Ungarin Barbara S., die kaum Deutsch spricht und einen Dolmetscher braucht. Sie habe sich mit dem Angeklagten auf einen Preis geeinigt und wollte mit ihm in die nahegelegene Pension fahren. Dort fahre sie mit ihren Freiern immer hin, sagt Barbara S. Ihren Verlobten rufe sie immer an, wenn sie mit ihrem Kunden an der Pension angekommen sei. Damit der Verlobte wisse, dass alles in Ordnung sei, und dass sie ein Zimmer bekommen hat.

Der Anruf bleibt aus in der Tatnacht. Benjamin H. ist mit der 22-Jährigen an der Pension vorbei in Richtung Schönefeld gefahren. Barbara S. will aussteigen. Als ihr Verlobter anruft, um zu fragen, warum sie sich nicht melde, reißt ihr der Täter das Handy aus der Hand, schaltet es aus. Er sei Polizist, sagt der Mann im schwarzen Golf, zeigt ihr eine Waffe, die in der Türverkleidung liegt. "Ich hatte große Angst", sagt Barbara S. Der Täter zeigt der Frau ein Bild seiner beiden Kinder auf seinem Mobiltelefon. Sie brauche keine Angst haben, sagt er. Er sei ein ganz normaler Mensch. Als die junge Frau aus dem Auto steigen will, boxt der Mann ihr in den Magen und verriegelt die Türen. In Kleinziethen kommt der Wagen des Täters zum Stehen. Er zwingt sie zum Sex. Die Einzelheiten, von denen Barbara S. im Zeugenstand berichtet, sind grauenhaft. Sie habe sich nicht getraut, ihn zu schlagen, weil der Mann so viel stärker gewesen sei als sie. Barbara S. bettelt den Täter an, das Kondom, das sie in der Handtasche mit sich führt, überzustreifen. Der Mann stimmt zu, wirft zehn Minuten später das gebrauchte Kondom aus dem Autofenster und fährt die 22-Jährige zu einer Bushaltestelle. Handy und Geldbörse behält er. Nur ihren Ausweis gibt er ihr wieder.

Barbara S. klingelt an einer Haustür, bittet mit ihren wenigen Worten Deutsch um Hilfe. Ein Mann lässt sie ins Haus, verständigt die Polizei.

Die Vernehmung unmittelbar nach der Tat ist schwierig. "Die Geschädigte war psychisch angeschlagen", berichtet ein Polizist, der als Zeuge geladen ist. Trotzdem gelingt es Barbara S., die Brille des Täters auf ein Papier zu zeichnen. Ebenso eine Tätowierung, die der Vergewaltiger auf dem Oberarm tragen soll. Die Zeichnung, die der Vorsitzende zeigt, entspricht der Tätowierung, die H. auf der rechen Schulter trägt. Am Kondom, das die Polizei nach der Tat auf dem Feldweg in Kleinziethen findet, wird DNA von Benjamin H. gefunden. Den schwarzen Golf hat er vor der Tat in einem Autohaus nahe Berlin geklaut.

Der Ermittlungsleiter von der Polizeidirektion Süd in Cottbus berichtet, wie Barbara S. in Tränen ausgebrochen sei, als ihr das Bild des Täters vorgelegt wurde. Ermittlungen im Umfeld des Angeklagten hätten zudem ergeben, dass der Mann am Tag vor der Tat mit seinen zwei Kindern unterwegs gewesen sei, von dem ein Kind lange blonde Haare habe. Lange blonde Haare hatte auch Barbara S. auf dem Handyfoto gesehen, dass ihr der Täter im Auto gezeigt hat. Benjamin H. habe sich wenige Stunden vor der Tatzeit mit seiner Ex-Frau gestritten, so der Ermittlungsleiter.

Barbara S. will sich den nächsten Verhandlungstermin am Montag nicht mehr antun. Zur Urteilsverkündung in zwei Wochen aber wolle sie noch einmal nach Cottbus kommen.