Mit der Macht des Militärs versucht Ägypten die Gewaltspirale zu stoppen, die ein Jahr nach den schlimmsten Fußballkrawallen seiner Geschichte Dutzenden Menschen das Leben gekostet hat. Todesurteile gegen 21 rabiate Fußballfans lösten am Wochenende blutige Krawalle aus – mindestens 31 Menschen starben allein in der Stadt Port Said.

Das Militär schickte Panzer an die Brennpunkte. Dennoch gingen die Ausschreitungen auch bei einer Trauerkundgebung am Sonntag weiter. Deshalb verhängt Präsident Mohammed Mursi am Sonntagabend den Ausnahmezustand. Auslöser der jüngsten Gewaltwelle unmittelbar nach dem zweiten Jahrestag der Revolution war die Verhängung der Todesstrafe gegen Anhänger des Fußballklubs Al-Masri aus Port Said. Ihnen wird vorgeworfen, am 1. Februar 2012 im Fußballstadion mit brachialer Gewalt auf Fans des Kairoer Vereins Al-Ahli losgegangen zu sein. Damals hatten unmittelbar nach Abpfiff Fans der Heimmannschaft das Spielfeld gestürmt und waren mit Brechstangen, Messern und Schusswaffen auf die Unterstützer des rivalisierenden Klubs losgegangen. 74 Menschen starben.

Von den Al-Masri-Fans wurden später 61 wegen Mordes angeklagt. Neun Polizisten wurden wegen Nachlässigkeit im Dienst vor Gericht gestellt, weil sie die Fans vor dem Spiel nicht gründlich nach Waffen durchsucht hätten. Für die Polizisten und die übrigen Angeklagten fällt der Richterspruch am 9. März.

Anhänger des Vereins Al-Ahli feierten die Entscheidung der Richter am Samstag. In Port Said eskalierte dagegen die Gewalt, als eine wütende Menschenmenge versuchte, ein Gefängnis zu stürmen und die Verurteilten zu befreien. 31 Menschen starben, darunter auch zwei Polizisten.

Bei einem Trauermarsch für die Opfer der Krawalle mit Tausenden Teilnehmern in Port Said kam es am Sonntag erneut zu Ausschreitungen. Es gab heftige Zusammenstößen mit den Sicherheitskräften, Schüsse waren zu hören, Tränengas wurde eingesetzt. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums wurden mindestens 110 Menschen verletzt.

Die Fans in Port Said werfen den Richtern ein politisches Urteil vor. Fußballfans würden geopfert, um die Ultras aus Kairo zu besänftigen, beklagten einige. Jüngst hatte die Staatsanwaltschaft neue Beweise eingebracht, die in diesen Richterspruch nicht eingeflossen sind. Der schwarze Tag des ägyptischen Fußballs gilt längst als Symbol für die desolate Lage im Land. Präsident Mohammed Mursi zählte die 74 Toten vor wenigen Tagen zu den offiziellen "Märtyrern der Revolution".

Mursi sagte wegen der Krise in seinem Land die Teilnahme am Afrika-Gipfel in Äthiopien ab und beriet sich mit seinen Ministern für Verteidigung, Justiz und Information über das weitere Vorgehen. In einer anschließend vom Staatsfernsehen übertragenen Erklärung des Rates zur Verteidigung des Landes hieß es, dass alle nötigen verfassungsgemäßen Maßnahmen zur Herstellung der Sicherheit ergriffen werden sollten. Dies könne auch Ausgangssperren und die Ausrufung des Notstands bedeuten.

Auch in Kairo kam es am Wochenende immer wieder zu Zusammenstößen zwischen Regierungsgegnern und der Polizei. Am Sonntag blieben aus Sicherheitsgründen ausländische Vertretungen geschlossen.

Ägyptens wichtigster Oppositionsblock machte den Präsidenten für das brutale Vorgehen von Sicherheitskräften gegen Demonstranten verantwortlich. Zugleich drohten die Oppositionellen mit einem Boykott der im Frühjahr geplanten Parlamentswahl.

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Großer Bahnhof für Präsident Mohammed Mursi am Mittwoch in Berlin. Dem ersten Islamisten an der Spitze des ägyptischen Staates geht es bei seinem Antrittsbesuch vor allem darum, sein Land als modernen Staat und sicheren Investitionsstandort zu präsentieren. Doch die Krawalle und Toten vom Wochenende zeigen: Die Realität sieht noch etwas anders aus. Ägyptens erster islamistischer Präsident ist ein Mann mit vielen Facetten. Spricht Mursi vor Gleichgesinnten, gefällt er sich in der Rolle des Predigers. Vor westlichem Publikum gibt er sich tolerant.