Am 1. Juli übernimmt ein Politiker die Führung der Europä-
ischen Union, der wegen Korruption vor Gericht und auch sonst als unberechenbarer Kantonist in schlechtem Ruf steht. In Brüssel wächst das Unbehagen. Man stelle sich vor, der Ratspräsident tagt mit den europäischen Staats- und Regierungschefs irgendwo in einem Nobelhotel zwischen Turin und Taormina. Plötzlich betreten Carabinieri den Saal und führen ihn ab. Eine Horrorvision, die derzeit beileibe nicht nur Italiens Regierungschef den Schlaf raubt. Rom übernimmt zum 1. Juli turnusmäßig die Ratspräsidentschaft in der Europäischen Union.
Berlusconi wird dann den Ton angeben und die Richtung weisen. Und zwar in einer Phase, in der die Weichenstellung für das künftige Europa ansteht. Denn bis zum Jahresende wird am Verfassungskleid der Union gestrickt, an ihrer Verteidigungsfähigkeit gebastelt. Zehn neue Mitglieder werden integriert. Eine Herkulesaufgabe, die detaillierte Kenntnisse, diplomatisches Geschick und moralische Autorität erfordert. Genau das, was Berlusconi abgeht. Der Mailänder glänzte bisher kaum durch besonderes Fachwissen. Dass er den Europarat mit dem Europäischen Rat verwechselte, mag man ihm bei der Fülle der Begrifflichkeiten noch nachsehen. Ganz anders die peinliche Forderung, Russland gemeinsam mit den baltischen Staaten in die Gemeinschaft aufzunehmen, just zehn Minuten, nachdem er deren Beitritt in Athen mit der eigenen Unterschrift mitbesiegelt hatte. Der "Cavaliere" nervt. Mit unberechenbaren Alleingängen wie Beitrittszu geständnissen in Richtung Türkei. Mit zahlreichen Vorstößen, italienische Partikularinteressen durchzusetzen. Geradezu "shocking" finden die EU-Partner, dass der Medienzar und Milliardär nichts hält vom höflichen Miteinander. Entgegen südländischer Eleganz und Eloquenz lässt der Self-Made-Man kein Fettnäpfchen aus: Den Finnen sprach er jeden Gusto als Feinschmecker ab, zichtigte sie als Kostverächter des Parmaschinkens, die EU-Außenminister, zu deren Kreis er zeitweise selbst gehörte, führte er auf einem offiziellen Gipfelfoto vor in der Pose des Gehörnten und Dänemarks gutaussehenden Premier pries er öffentlich als potenziellen Lover seiner Ehefrau. Und die Bestechungs- und Korruptionsanklagen? In acht Justizverfahren kam er mit einem blauen Auge davon. Die Schmiergeldvorwürfe für Finanzbeamte und die Anklagen für Bilanzfälschung verjährten oder wurden eingestellt. Nur noch ein Prozess ist offen. Und der könnte ihm zum Verhängnis werden.
In den 80er-Jahren soll sich der Geschäftsmann mehrere Richter gefügig gemacht haben, um seinem alten Rivalen Carlo De Benedetti die Übernahme der staatlichen Lebensmittelkette SME zu vermasseln. Die gehörte damals zur Staatsholding Iri und an deren Spitze stand Romano Prodi. Mit seltsamen Korruptionsvorwürfen trachtet jetzt Berlusconi den inzwischen zum Kommissionspräsidenten avancierten Professor mit in die Affäre zu ziehen - ausgerechnet seinen wichtigsten Kooperationspartner in Brüssel. Aus dem könnte ihm nämlich auf dem heimischen Terrain bald der schärfste Konkurrent erwachsen: Prodi ist der einzige ernst zu nehmende Herausforderer Berlusconis in den Niederungen der römischen Politik.
Das alles betrachtet man auf der Brüsseler Bühne nicht wie schlechtes Schmierentheater, sondern mit zunehmendem Bauchweh. "Wir sehen dieser Präsidentschaft mit Sorge entgegen", sagt etwa ein hoher Kommissionsbeamter. Auch das Wirtschaftsblatt "Economist" konstatierte, Berlusconi ist "nicht fit, Europa zu führen". In gut einem Monat ist Stabübergabe und noch immer fehlt jede Spur von Vorbereitung. Das Ratsprogramm, üblicherweise ein lange im Vorfeld schon vorgelegtes 20- bis 40- Seiten-Dokument, steht aus. Selbst in Italien klagt man, dass Rom keine Ideen habe.
Und nicht nur Berlusconi fürchtet, dass sich der Showdown von Neapel wiederholen könnte. Im November 1994 erhielt er dort die Schockmeldung, dass die Staatsanwaltschaft gegen ihn ermittelt. Und das ausgerechnet auf einer Uno-Konferenz zur organisierten Kriminalität.