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| 01:04 Uhr

Britische Regierung nach Kelly-Tod in tiefer Krise

London.. Der britische Premierminister Tony Blair und seine Regierung befinden sich nach dem Tod ihres Beraters und früheren Irak-Waffeninspekteurs David Kelly in der schwersten Krise ihrer sechsjährigen Amtszeit. Der 59-jährige Kelly war die Hauptquelle für einen brisanten BBC-Bericht, wonach die britische Regierung ein Waffendossier über die vom Irak ausgehende Gefahr aufbauschte. Kelly hatte sich nach Berichten vom Wochenende wegen des Drucks von allen Seiten offenbar das Leben genommen. Blair lehnte gestern Rücktrittsforderungen ab. Foto: AFP


Auf einer Pressekonferenz in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul sprach ein sichtlich angestrengter Blair gestern von einer "furchtbaren, furchtbaren Tragödie". Nun müsse aber zunächst das Ergebnis der in Kürze beginnenden richterlichen Untersuchung zu den näheren Umständen des Todes abgewartet werden. Er selbst werde dabei wie andere auch persönlich Rede und Antwort stehen. "Ich glaube, dass ich das Richtige für das Land tue, sonst würde ich diese Arbeit nicht machen", sagte Blair.
Am selben Tag gab die BBC in einer Stellungnahme bekannt, dass Kelly tatsächlich die Hauptquelle für einen Bericht war, wonach die Regierung ein Dossier über mögliche Massenvernichtungswaffen manipulierte, um Argumente für den Krieg gegen den Irak in die Hand zu bekommen. In den vergangenen Wochen habe der Sender versucht, Kelly zu schützen. Nach der Bekanntgabe seines Todes wolle man jetzt den vielen Spekulationen ein Ende bereiten. Die BBC sagte, sie habe die von Kelly erhaltenen Informationen sorgfältig ausgewertet und sachlich verwendet.
Nach einem Bericht der "Sunday Times" fühlte sich Kelly "betrogen", weil das Verteidigungsministerium, für das er arbeitete, seinen Namen an die Öffentlichkeit habe durchsickern lassen und nicht, wie abgesprochen, vertraulich behandelte. Nur Stunden vor seinem Tod soll er in einer E-Mail an einen Journalisten geschreiben haben: "Viele dunkle Akteure spielen ihre Spiele." Verteidigungsminister Geoff Hoon wies im BBC-Fernsehen den Vorwurf zurück, er habe den Namen Kellys im Zusammenhang mit dem Irak-Dossier an die Öffentlichkeit gegeben. Wenige Tage zuvor war Kelly von einem parlamentarischen Ausschuss nach Ansicht von Beobachtern teils übertrieben rüde und nach einem Zeitungsbericht "inquisitorisch" befragt worden.
Nach Angaben der Polizei verblutete Kelly an einer Schnittwunde am linken Handgelenk. Bei einer Autopsie sei dort eine tiefe Wunde festgestellt worden, die von einem Messer herrühre, sagte ein Polizeisprecher. Das Messer sei neben der Leiche gefunden worden, ebenso eine leere Schachtel für starke Schmerzmittel. Es gebe keinen Hinweis auf Fremdeinwirkung.
In einer Stellungnahme der Familie Kellys hieß es: "Die Ereignisse der vergangenen Wochen haben Davids Leben unerträglich gemacht und alle daran Beteiligten sollten lange und sehr ernsthaft darüber nachdenken." Kellys Frau Janice sagte, ihr Mann sei "sehr, sehr gestresst und unglücklich über das gewesen, was passiert ist, und das war wirklich nicht die Welt, in der er leben wollte".
Die Labour-Abgeordnete Glenda Jackson forderte Blairs Rücktritt. "Ich weiß nicht, wie die Regierung weiter funktionieren soll. Der konservative Oppositionsführer Iain Duncan Smith verlangte im Hinblick auf die Krise einen Rückruf der Parlamentsabgeordneten aus der Sommerpause zu einer Debatte und eine Untersuchung, die umfassender sein müsse als die von Blair angekündigte. Sie müsse auch klären, wie die Regierung mit Geheimdienstinformationen zum Irak umgegangen sei. Blair lehnte ein Ende der Parlamentsferien ab. "Das Parlament zurückzurufen, würde mehr Hitze als Licht erzeugen", sagte er. (dpa/kr)