Herr Brie, wie erklären Sie sich Ihre Niederlage?

Für die Parteiführung und den Bundesausschuss zählten offenbar andere Kriterien als europapolitische Erfahrung und Kompetenz. Stattdessen ging es um den Ausbau der Gewerkschaftsorientierung der Partei und darum, das Ost-West-Gleichgewicht personell auszutarieren. Bislang war unserer Partei im Europaparlament stark ost-lastig. Eine Rolle hat auch das beträchtliche Desinteresse an der Arbeit im Europaparlament gespielt.

Sie stehen für einen pro-europä ischen Kurs. Ist das bei den Linken ein Makel?

Nein. Die Ablehnung meiner Person ist nicht in meiner europapolitischen Arbeit begründet, sondern in meiner kritischen Haltung innerhalb der Partei und gegenüber gesellschaftspolitischen Fragen.

Andererseits atmet das Wahlprogramm einen überwiegend europakritischen Geist. Könnten Sie es guten Gewissens vertreten?

Ich kritisiere ja auch die Vertragsgrundlagen und die Politik der EU. Aber ich hätte mir schon gewünscht, das Bekenntnis zur europäischen Einigung viel stärker in den Vordergrund zu stellen, als das geschehen ist. Die Ablehnung von Europa ist zumindest unterschwellig vorhanden. Andererseits sehe ich in dem Programm auch positive Ansätze, und ich wäre ein schlechter Politiker, würde ich das nicht nutzen.

Wird die Linkspartei durch ihre Europaskepsis nationalistischer?

Das wäre verheerend. Aber das glaube ich auch nicht, denn der Internationalismus, der die Linke ausgezeichnet hat, wird sie genauso zu einer pro-europäischen Politik zwingen, wie die aktuelle Realität – die Finanzkrise ist nur europäisch zu lösen.

Was bedeuten die europapolitischen Entscheidungen für eine Koalitionsfähigkeit der Linken im Bund?

Der Parteitag hat gezeigt, dass auf diesem Weg noch sehr viel zu tun bleibt. Das gilt nicht nur europapolitisch. In allen politischen Fragen haben wir noch Diskussions- und Klärungsbedarf. Derzeit verfügen wir allerdings ohnehin nicht über einen Koalitionspartner.

Wie sehen Sie Ihre politische Zukunft?

Ich werde mit großem Engagement mein Europa-Mandat zu Ende bringen und weiterhin um den Charakter dieser Partei streiten.