In der Nacht zum Freitag brannten zwei Bagger auf einer umzäunten Baustelle. Nachts um zwei wachten Anwohner auf, sie hatten das Knallen der zerborstenen Scheiben gehört. Bereits Mittwochfrüh hatte es in Lindenau einen Brandanschlag gegeben. Auf dem Parkplatz eines Jaguar-Autohauses gingen mehrere Fahrzeuge in Flammen auf.

Nach den ersten Ermittlungen und Ergebnissen gehen die Beamten von vorsätzlicher Brandstiftung aus. Die Kriminalpolizei ermittelt, ein Polizeisprecher vermutet, dass "Gentrifizierungskritik eine Rolle spielt". Inzwischen haben sich linke Aktivisten auf der Szeneplattform Indymedia im Internet zu der Tat bekannt. Hinzu kamen kleinere Anschläge im Viertel. Gegen ein frisch saniertes Haus flog ein Teerbehälter, auf ein Auto wurde das Wort "Bonzen" gekratzt.

Stadtteilladen geschlossen

Es sind die neuesten Auswüchse einer breiten Aggression, die sich im hippen Lindenau breitgemacht hat. Da flogen auch schon Steine gegen den Stadtteilladen in der Karl-Heine-Straße, der Lebensader Lindenaus.

Im Laden werden Investoren und Hauseigentümer über Sanierungen beraten. Über den Stadtteil-Manager Volly Tanner heißt es, er habe inzwischen aus Angst vor Attacken die Gegend verlassen. Tanner ist eine bekannte Szene-Figur, der 46-Jährige schreibt Bücher und einen Blog und entstammt der Hausbesetzer-Szene der 90er-Jahre. Weil er aber den Steinewerfern die Leviten las, geriet er selbst in die Schusslinie.

"Volly Tanner macht mein Leben kaputt", steht auf Aufklebern, die neuerdings überall im Viertel auftauchen. Das Baudezernat im Rathaus schloss den Stadtteilladen letzte Woche erstmal. Was in Lindenau abgeht, lässt sich grob beschreiben als Klassenkampf und Generationenkampf in einem. Beliebter Kampfbegriff dabei ist die sogenannte Gentrifizierung. Was bedeutet: Eine Gegend wird beliebter und nachgefragter und damit teurer für junge Leute mit schmalem Budget.

Dabei ist Lindenau seit Jahren das Zentrum der Leipziger Bohème. Die beliebten Bröckel-Quartiere der Nachwendezeit, Südvorstadt und Plagwitz, sind längst saubere Familienwohngegend. Das verruchte Connewitz zieht langsam nach. Also haben sich Punks und Kapuzenträger in den Westen der Stadt verkrümelt, über dem noch vor zwölf Jahren dicker Industriestaub lag.

Lindenau präsentiert sich gern als aufregender, kulturvoller und beweglicher Stadtteil. Breite Straßen, großzügige Gründerzeithäuser, wiederbelebte Industriebrachen, alles mit charmanter Patina. Aber auch hier zieht langsam die Moderne ein. 2012 beschloss das Rathaus den Umbau Lindenaus. Damit sollten auch die privaten Investitionen angekurbelt werden, gerade an den Häusern der Haupt- und Geschäftsstraßen.

Das Szeneleben Lindenaus bestimmten sieben Theater, darunter die Musikalische Komödie, das Theater der Jungen Welt und die Schaubühne Lindenfels. In den lange verwaisten Hallen der Baumwollspinnerei und des Tapetenwerks entstanden moderne Kunst-Tempel, die internationales Publikum nach Leipzig ziehen. Aber wo viel Geld auf Szene trifft, wächst das Unbehagen.

Steigende Mieten mobilisieren

Angst vor steigenden Mieten mobilisiert viele junge Leute, wie jüngst für das Aktionscamp "Soziale Kampfbaustelle", das sich kürzlich im öffentlichen Raum aufbaute. Den Campern geht es um "kollektive solidarische Widerstandsstrategien" gegen die Gentrifizierung des Westens.