In welchem Alter wenden sich die Mädchen und Jungen an Sie? Früher als früher?

Die Leserschaft von „Bravo“ liegt in der Altersgruppe der Elf- bis 19-Jährigen. Analog dazu bewegen sich die Anfragen ans Dr.-Sommer-Team in dieser Altersgruppe. Die meisten Anfragen erhalten wir im Kern nach wie vor von Mädchen und Jungen im Alter zwischen zwölf und 15 Jahren. Daran hat sich in den vergangenen 40 Jahren seit Start der Rubrik im Jahr 1969 nichts verändert. Allerdings schreiben uns heute seltener 20- und 21-Jährige als noch 1969.

Haben sich die Fragen geändert?

Im Großen und Ganzen: Nein. Aus einem einfachen Grund. Jedes heranwachsende elfjährige Mädchen und jeder elfjährige Junge stellt sich seit 40 Jahren immer wieder neu dieselben Fragen. Für sie beginnt alles von vorn. Und für sie dreht sich dann alles ums erste Mal: das erste Mal schwärmen, das erste Mal verliebt sein, der erste Kuss, der erste Liebeskummer und auch das berühmte „erste Mal“.

Haben sich die Art und der Stand der Aufklärung geändert?

Verändert hat sich, dass Jugendliche heute offener und mit angemessenen Begrifflichkeiten informiert und aufgeklärt werden. Sie bekommen die nötigen Informationen zu Körper und Sexualität früher als vor 30 oder 50 Jahren. Also anstatt über „Bienchen und Blümchen“ wird relativ offen darüber gesprochen, wie zum Beispiel eine Schwangerschaft entsteht und damit auch, wie man sie verhindern kann. Das ist ein großer Fortschritt. Die Aufklärung von Jugendlichen in Sachen Sexualität ist in der Gesellschaft enttabuisiert. Das zeigt auch unsere Studie aus dem Frühjahr 2006: Jugendliche fühlen sich allgemein gut aufgeklärt und informiert. Auf der anderen Seite ist Sexualität heute allgegenwärtig – morgens in der Tageszeitung, in Talkshows am Nachmittag, im Vorabendprogramm in der Lieblings-Soap und rund um die Uhr im Internet. Durch das Überangebot an Informationen gehen wir Erwachsenen fälschlicherweise davon aus, dass Jugendliche über alles Bescheid wissen. Was sich nicht verändert hat, sind die Unsicherheiten des Einzelnen im Umgang mit der sachlichen Information und vor allem die Gefühlswelt der Mädchen und Jungen rund um Sexualität. Die Jugendlichen wissen, ein Kondom schützt vor ungewollter Schwangerschaft und sexuell übertragbaren Krankheiten. Aber wie genau wendet man es richtig an? Oder: Wie sage ich meinem Freund, dass ich ohne Kondom nicht mit ihm schlafen möchte? Sie wissen spätestens aus dem Biologie-Unterricht, wie Geschlechtsverkehr rein technisch funktioniert, aber die Frage, ob sie sich emotional schon bereit dazu fühlen, ist nicht geklärt. Und wie gehe ich mit dem Druck innerhalb der Schulclique um, in der alle meine Freunde sagen, sie hatten schon Sex, ich aber noch nicht. Die emotionale Begleitung der Mädchen und Jungen in ihrer pubertären Entwicklung darf auch im Jahr 2009 nicht außer Acht gelassen werden.

In der Studie sagen Sie, dass die Jugend keine „Generation Sorglos" ist, sondern eher eineGeneration „Ich weiß nicht so genau". Wer könnte in der Gesellschaft die Rolle derer übernehmen, die für mehr Klarheit sorgen – und wenn, wie?

Die Eltern und die Schule leisten in Sachen Informationsvermittlung den wichtigsten Beitrag. Wenn es darüber hinaus dann um Gefühle, Unsicherheiten und konkrete Beratung rund um Sexualität geht, bleiben Jugendliche mit ihren Fragen auch heute noch oft allein. Natürlich wäre es wünschenswert, dass Eltern, Familie und Schule in dieser Phase weiter eine „Adresse“ bleiben. Das setzt eine vertrauensvolle Basis voraus. Oft verlieren diese Ansprechpartner durch ein Abgrenzungsverhalten und ein in der Pubertät ausgeprägtes Schamgefühl diese Funktion. Wir machen die Erfahrung, dass unsere Beratungsgespräche an Schulen deshalb besonders gut ankommen, weil wir vorbeikommen, Fragen beantworten und wieder gehen. Das berichten auch die Mitarbeiter von Pro Familia, die ebenfalls als externe Jugend- und Sexualberater an Schulen und Jugendeinrichtungen gehen.

Warum sind Gesprächspartner von außen so wichtig?

Es entlastet die Jungen und Mädchen, wenn sie der Person, die sie etwas sehr Privates, Intimes oder möglicherweise Peinliches gefragt haben, nicht in der nächsten Biologie-Stunde gegenüberstehen. Und in unseren Aufklärungsstunden werden auch pikante Details erklärt, die als Information im Unterricht sicher unangemessen wären, aber trotzdem erklärt werden sollten. Das können aus unserer Sicht nur „Berater von außen“ leisten, und davon bräuchten wir mehr. Es wäre wünschenswert, wenn in unserer Gesellschaft diesen Faktoren in der Aufklärung von Jugendlichen eine größere Aufmerksamkeit geschenkt würde und über Gefühle, Unsicherheiten und Sexualität in einer besseren Qualität gesprochen würde. Aufklärung ist nicht nur reines Vermitteln von Fakten.

Mit Marthe Kniep

sprach Heidrun Seidel