. Wenn der Chef des Tourismusverbandes Spreewald, Peter Stephan, auf die Spree schaut, hat er in letzter Zeit ein mulmiges Gefühl. Immer mehr Eisenhydroxid gelangt in den Fluss. Er färbt sich braun. Es kommt zur Verockerung. "Die braungelbe Brühe hat erste Randbereiche des Spreewaldes erreicht", warnt Stephan. Auch aus diesem Grund will er gemeinsam mit anderen Lausitzer Touristikern und Umweltschützern das Aktionsbündnis "Saubere Spree" gründen. "Hier steht eine einzigartige Landschaft auf dem Spiel", ist sich Stephan sicher.

Auch bei den Grünen in Berlin ist man hellhörig geworden. Neben Eisenhydroxid gelangt auch Sulfat an die Erdoberfläche und belastet über diffuse Wege das Trinkwasser - auch in der Hauptstadt. Davon geht zumindest die Grüne Bundestagsabgeordnete Cornelia Behm aus. Verantwortlich für die sulfatbelastete braune Suppe sei der Braunkohletagebau in der Lausitz. Laut Behm habe das eine Antwort auf eine Kleine Anfrage ihrer Fraktion zur Gewässerqualität der Spree an die Bundesregierung ergeben. Nun kritisiert die Politikerin, dass trotz offensichtlicher Belastung der Fließgewässer im Spreewald weitere Tagebaue in der Lausitz genehmigt werden sollen. Unverantwortlich, da derzeit niemand wisse, was man gegen diese Verunreinigung tun könne. Das Biosphärenreservat Spreewald sei in akuter Gefahr, so Behm in einer Mitteilung.

Für den Präsidenten des Landesamtes für Bergbau, Geologie und Rohstoffe (LBGR) sind solche Äußerungen plumpe Panikmache. "Der Spreewald ist nicht in Gefahr. Die Belastung ist nicht akut", sagt Klaus Freytag. Außerdem werde das Problem nicht gelöst, wenn man plötzlich alle Tagebau schließen würde. Denn über die Tagebaue in der Lausitz werden zwischen 10 und 15 Kubikmeter gereinigtes Grubenwasser pro Sekunde in den Spreewald geleitet. "Der noch aktive Tagebau ist also ganz im Gegenteil ein wichtiger und stabilisierender Faktor. Das Problem sind die Altlasten, die Sanierungstagebaue", so Freytag weiter.

Denn die braune Sulfatbrühe hat ihre Ursache im Boden der Lausitz. In den tertiären Bodenschichten lagern die Mineralien Markasit und Pyrit. Durch den Bergbau, wenn die Erde abgebaggert und umgekippt wird, kommen diese Mineralien mit der Luft in Berührung - Eisenhydroxid und Sulfat entstehen und schlummern in den Kippenböden. Wenn das Grundwasser in stillgelegten Tagebauen und benachbarten Böden wieder ansteigt, wird die problematische Fracht ausgewaschen und gelangt über diffuse Wege in große Wasseradern wie Spree und Schwarze Elster und damit auch in den Spreewald und irgendwann auch in die Hauptstadt.

Eisenhydroxid färbt das Wasser nur braun, ist aber ungefährlich. In großen Konzentrationen kann es für Kleinstlebewesen bedrohlich werden oder kann die Kiemen von Fischen verkleben. Umweltschützer befürchten, dass so eine gefährliche Kettenreaktion in Gang gesetzt werden könnte, an deren Ende Flora und Fauna der Spree zugrunde gehen. Noch setzt sich der Großteil des Eisenhydroxids an der Talsperre in Spremberg ab. Ende des Jahres will das Brandenburgische Umweltministerium (MUGV) Zahlen veröffentlichen, die klären sollen, ob die Talsperre auch künftig einen Großteil der Fracht abhalten kann, oder ob zusätzlicher Schutz nötig ist.

Nicht braun, aber gefährlicher für den Menschen ist das Sulfat. Allerdings wird derzeit der zulässige Grenzwert von 240 Milligramm pro Liter nicht einmal annähernd erreicht. In einer Stellungnahme der brandenburgischen Landesregierung heißt es, dass der derzeit größte Teil der Sulfatbelastung in der Spree wahrscheinlich vom aktiven Tagebau in Nochten komme. Laut MUGV-Zahlen sind die noch aktiven Tagebaue für 80 000 Tonnen Sulfatfrachten pro Jahr verantwortlich. Jedoch sinke diese Zahl kontinuierlich. Im Bereich Sanierungsbergbau, also den Altlasten, sind es 70 000 Tonnen pro Jahr.

Unsicher sind sich Experten derzeit, wie man die Belastung der Flüsse minimieren oder gar verhindern kann. Im MUGV werden im Wesentlichen zwei Möglichkeiten durchgespielt. Szenario eins sieht eine Reinigung des Grundwassers vor. So könnte es etwa in der Nähe von Fließgewässern gehoben, gereinigt und in die umliegenden Gewässer abgeleitet werden. Vorrichtungen, die das leisten, können beispielsweise Brunnenriegel, Horizontalfilterbrunnen oder Tiefendränagen sein.

Ein zweites Szenario dreht sich um die Reinigung von belasteten Flüssen. "Eine Möglichkeit wäre die Verdünnung", erklärt Kurt Augustin vom MUGV. Dafür wird sauberes Wasser benötigt. Falls dieses nicht in ausreichender Menge zur Verfügung steht, müsste das belastete Wasser chemisch behandelt werden. "Dies würde allerdings einen stärkeren Eingriff in die Fließgewässer erfordern", so Augustin weiter. Möglich wäre der Bau von Reinigungsanlagen. Im MUGV wird in diesem Zusammenhang über naturräumliche Flusskläranlagen nachgedacht. "Vorteil wäre die sichere und unterhaltungsarme Betriebsweise", erläutert Augustin. Das sieht auch Bergamts-Chef Freytag so. Er plädiert dafür, dass an bestimmten Stellen Reinigungsanlagen gebaut werden. "Dafür müssen wir dem Bund das Geld aus den Rippen schneiden", sagt er. Um solche Filter flächendeckend zu installieren, wären Investitionen im zweistelligen Millionenbereich nötig.

Touristiker Peter Stephan plädiert dafür, ein breites Bündnis zu bilden. "Wir müssen gemeinsam überlegen, was wir tun können. Auch wenn die Ansichten unterschiedlich sind, sollte allen daran gelegen sein, der nachfolgenden Genration einen intakten Spreewald zu hinterlassen." Stephan ist Mitorganisator einer Podiumsdiskussion am morgigen Dienstag (siehe Infobox) in Vetschau. Er fordert auch, dass sich an der Diskussion mehr Menschen beteiligen. "Wo sind eigentlich die Experten unserer beiden Hochschulen? Da ist zu diesem Thema erstaunlich wenig zu hören", sagt er.

Zum Thema:
Die Podiumsdiskussion zur drohenden Verockerung der Spreefließe findet ammorgigen Dienstag, 18 Uhr, im Hotel Radduscher Hafen an der Radduscher Dorfstraße 10 in Vetschau/Spreewald statt. Es diskutieren mit: Jana Eitner (Tourismusverein Burg), Kurt Augustin (Brandenburgisches Umweltministerium), Dr. Klaus Freytag (Landesamtes für Bergbau, Geologie und Rohstoffe), Jürgen Kaiser, Eckhard Schulz (beide (Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau Verwaltungsgesellschaft) und Winfried Böhmer (Förderverein für Naturschutz im Spreewald). Die Veranstaltung wird von RUNDSCHAU-Chefredakteur Johannes M. Fischer moderiert.