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| 02:38 Uhr

Braucht die Lausitz McKinsey als Strategieberater?

Um europäisches Pilotprojekt für den Strukturwandel in der Energiewende zu werden, braucht die Lausitz ein überzeugendes Konzept. EU-Parlamentarier Christian Ehler fordert Hilfe von außen.
Um europäisches Pilotprojekt für den Strukturwandel in der Energiewende zu werden, braucht die Lausitz ein überzeugendes Konzept. EU-Parlamentarier Christian Ehler fordert Hilfe von außen. FOTO: dpa
Lübben/Cottbus. "Strukturwandel in der Lausitz fehlt die Struktur" hatte die RUNDSCHAU jüngst getitelt. Zustimmung bestimmte das Echo – bis in den Potsdamer Landtag. Für den Brandenburger Europaabgeordneten Christian Ehler springen die bisherigen Lösungsansätze aber viel zu kurz. "McKinsey soll Leitlinien für die Lausitz nach der Kohle entwickeln", sagt der CDU-Politiker der RUNDSCHAU. Christian Taubert

Eigentlich war Christian Ehler von Brüssel nach Dahme-Spreewald gekommen, um sich ein Bild über die Verwendung von EU-Fördermitteln in der Region zu machen: an der Europaschule in Königs Wusterhausen oder auf der Schlossinsel in Lübben. Dass die Gelder ankommen, auch mit seiner Hilfe, ist nicht nur an der längsten barrierefreien Fußgängerbrücke in der Spreewaldstadt abzulesen. 650 000 Euro aus den EU-Fonds sind hier geflossen.

Und dennoch: Der rot-roten Landesregierung in Potsdam schreibt der CDU-Parlamentarier ins Stammbuch, "dass sie am wenigsten EU-Fördergelder unter den Bundesländern in Anspruch nimmt". Der Mittelabfluss aus dem Leaderprogramm für ländliche Regionen sei bescheiden. "Dabei sind diese Gelder zu dem Zweck aufgelegt", sagt Ehler, "damit sich auch in Deutschland die Entwicklung nicht weiter von der Peripherie wegbewegt."

Auf den bevorstehenden Strukturwandel in der Lausitz angesprochen, nimmt der Christdemokrat das Land noch einmal aufs Korn. Aus seiner Sicht fehle eine Strategie, ein Leitbild, wohin sich die Lausitz nach der Braunkohle - egal, ob in 20, 30 oder mehr Jahren - entwickeln könnte. "Wenn ich Wirtschaftsminister wäre", betont Ehler gegenüber der RUNDSCHAU, "würde ich das Geld in die Hand nehmen und die Top-Strategieberater von McKinsey mit einer Studie für die Zukunft der Lausitz beauftragen."

Der seit einem Dutzend Jahren im EU-Parlament wirkende Ehler sagt dies auch vor dem Hintergrund, dass eine Struktur für den Strukturwandel in der Lausitz noch nicht gefunden sei. Innovationsregion, Lausitzrunde, Wirtschaftsinitiative Lausitz, Wachstumskerne, kommunale Wirtschaftsförderer und viele mehr würden sich kümmern, "aber ohne strategische Ausrichtung".

Deshalb erinnert der Europapolitiker an das von ihm beförderte Treffen von Vertretern der Lausitzrunde Mitte Oktober mit dem Chef der EU-Generaldirektion Energie, Dominique Ristori, in Brüssel. Dort habe das Gremium von Kommunalpolitikern aus Brandenburg und Sachsen erfahren, dass die EU-Kommission in einem Globalisierungsfonds Mittel bereithält, um durch Europa hervorgerufene Verwerfungen auszugleichen.

"Für mich hat die Lausitzrunde einen Spalt in der Tür zu Europa aufgesperrt", schätzt Ehler ein. Die Zusagen des Energieexperten Ristori seien kein Wolkenkuckucksheim gewesen. Vielmehr habe er großes Interesse an einem Pilotprojekt zur Energiewende in einer Region Europas gezeigt. Ristori habe betont, dass die EU einen solchen Prozess mehr als 20 Jahre fördern werde. Doch dafür benötige Brüssel ein Konzept.

Hier kommt für Ehler McKinsey ins Spiel. Die Landesregierungen von Brandenburg und Sachsen brauchen aus Sicht des Europaabgeordneten vier bis fünf Szenarien mit Leitlinien für die Entwicklung im Nachbraunkohle-Zeitalter, um sich damit für ein Pilotvorhaben in Europa zu bewerben.

Polen ist da offenbar schon einen Schritt voraus. Denn in dem Brüsseler Gespräch war von Ristori darauf hingewiesen worden, dass das Nachbarland der Kommission ein Projekt für die Zukunft ehemaliger Steinkohlereviere vorlegen wolle. Laut Ehler gehe es dabei um die Weiternutzung von CO, die Gewinnung des Kohlenstoffes und den Einsatz in der Chemieindustrie. Für Wissenschaftler der BTU Cottbus-Senftenberg, die vor Jahren auf ihrem Weg zu einem Kohlenstoff-Kompetenz-Zentrum in Europa von der Politik ausgebremst wurden, dürfte es dabei in den Ohren klingen.

Für ein europäisches Pilotvorhaben lohnt es sich für Christian Ehler, länderübergreifend die Kräfte zu bündeln und externen Sachverstand einzukaufen. Nach seiner Auffassung bedeutet das nicht, dass die regionalen Player nicht gebraucht würden. Sie seien vielmehr zu integrieren. Eine Chance, diesen Zukunftsprozess in der länderübergreifenden Lausitz voranzubringen, könnte eine von der Lausitzrunde initiierte Konferenz am 9. Dezember im Industriepark Schwarze Pumpe sein.

Europa, der Bund, die Länder und die regionalen Vertreter aus Politik und Wirtschaft kommen hier erstmals zusammen. Es bietet sich die Chance, Klartext zu reden und so manch vermeintliche Fehlinterpretation aus dem Weg zu räumen. So heißt es auf der Homepage der Lausitzrunde, dass sie es erreicht habe, "dass die Bundespolitik die Federführung und Verantwortung für die Folgen des ebenso durch bundespolitische Entscheidungen forcierten Strukturwandels in der Lausitz mit übernimmt".

Bei einem Treffen in Berlin mit Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) hatte dieser die Einrichtung einer Stabsstelle für den Strukturwandel in der Lausitz in seinem Ministerium angekündigt, forderte aber einen Ansprechpartner, der für die ganze Lausitz spricht. Wer das künftig sein soll, dazu könnte Schwarze Pumpe Hinweise geben. Lausitzrunde und Innovationsregion Lausitz GmbH hatten es vor der Enquete-Kommission des Potsdamer Landtages bisher skeptisch gesehen, sich auf eine Lausitzer Stimme und Leitlinien für die Zukunftsentwicklung der Region festzulegen.

Nicht zuletzt gilt es, das Unverständnis über die künftige Wirtschaftsregion Lausitz GmbH zu beseitigen. Der Nachfolger der Energieregion Lausitz GmbH soll künftig erstmals über Ländergrenzen hinweg agieren. Zu den vier Südbrandenburger Landkreisen und Cottbus kommen die sächsischen Kreise Görlitz und Bautzen hinzu.

Wie all das künftig unter einen Hut soll - Hilfe von außen scheint nicht die schlechteste Idee.

Zum Thema:
McKinsey & Company ist eine in 52 Ländern vertretene Unternehmens- und Strategieberatung, die im Jahr 2010 weltweit rund 9000 Berater beschäftigte. In Deutschland ist der Hauptsitz von McKinsey in Düsseldorf, darüber hinaus existieren Büros in Hamburg, Berlin, Köln, Frankfurt am Main, Stuttgart und München. McKinsey bietet strategische Topmanagement-Beratung auf höchstem Niveau. Der Anspruch der Berater besteht darin, die Leistungsfähigkeit der von ihnen beratenen Unternehmen und Organisationen nachhaltig und langfristig zu verbessern. Es werden sowohl strategische und organisatorische Aspekte als auch Fragen des operativen und systemtechnologischen Vorgehens betrachtet.