Für Wilfried Vogel bleibt nur selten Zeit, sein Ränzel zu schnüren. Der Schäfer aus dem Oderbruch, der die traditionelle Hirtentasche trägt, kommt im Monat nur noch drei- bis viermal mit seinen Schafen auf die Weide. "Höchstens", sagt er. "Im Herbst ist ein bisschen mehr Zeit zum Hüten." Andere Arbeiten rund um die Schafzucht erfordern immer mehr Zeit.

A uf seinen Hütestab gestützt, den Filzhut auf dem Kopf, blickt Vogel in die Landschaft, die Frühlingssonne scheint. Der 59-Jährige lässt seine blökende Herde diesmal bei Frankfurt (Oder) weiden. Die Hunde Wachtel und Hexe halten die Tiere, darunter viele Lämmer und ein paar Ziegen, in Schach. Während sich viele Menschen auf einen Lammbraten zu Ostern freuen, drücken Vogel und seine Kollegen Sorgen: Bürokratie, Kosten, Nachwuchs, Wölfe .

"Sich selbstständig zu machen, ist schwierig", sagt Marc Mennle. Der Schäfer ist Manager des Schafzuchtverbandes Berlin-Brandenburg in Groß Kreutz (Potsdam-Mittelmark) und weiß, wovon er spricht. "Die Gewinnchancen tendieren gegen null." Der Verein hat es mal errechnet: Ein Schäfer erwirtschaftet fünf Euro Gewinn pro Mutterschaf im Jahr. "Das ist ein großes Problem." Mennle berichtet von größer werdenden bürokratischen Hürden, steigender Pacht für Flächen und einer fehlenden Lobby. Biogasanlagen, die Pflanzen schlucken, machten den Schäfern das Leben schwer. "Wir verlieren Flächen." Dazu kämen in Brandenburg noch die Wölfe, die zu einem Problem werden könnten.

Die Raubtiere haben sich zwar noch nicht bis zur Schäferei Vogel in Dolgelin (Märkisch-Oderland) verbreitet. "Irgendwann kommen die auch zu uns", ist sich aber Schäfer Vogel sicher. Zwar bekämen die Schäfer derzeit Schäden ersetzt, doch sei der Schutz vor Wölfen, wie Zäune oder Herdenschutzhunde, ziemlich teuer, erzählt Mennle. Nach einem Wolfsangriff sei die Herde verstreut. Die verstörten Tiere müssten eingefangen werden. "Bis jetzt haben wir noch sehr großes Glück gehabt." Noch sei keine Herde in ihrer Panik auf eine Bahnstrecke oder eine Autobahn gerannt. Laut Tierzuchtreport ist die Zahl der Schafe und Schäfer in der Mark rückläufig.

Im Herbst 2011 gab es 78 000 Schafe im Land und 403 Halter. Vor zehn Jahren waren es noch 149 000 Tiere und 540 Halter, berichtet eine Sprecherin des Landesamtes für Landwirtschaft. Schaf-und Ziegenhalter hätten im vergangenen Jahr 1175 Hektar Fläche gepflegt und die Tiere auch auf 621 Kilometer Deichen weiden lassen. Nach Auskunft des Landesbauernverbandes werden die öffentlichen Gelder für die Landschaftspflege aber immer knapper. "Es wird für die Schäfer schwieriger", sagt ein Sprecher.

"Man muss Idealist sein, um Schafe zu halten." Vogel versorgt drei Herden mit zusammen rund 900 Tieren, dazu 80 Ziegen. "Es ist Lammzeit. Da muss man überall sein." Er muss Heu machen, Anträge auf Agrarförderung abgeben, Register bestücken. Da bleibt zum Hüten kaum Zeit. "Tierproduktion bedeutet an jedem Tag im Jahr Arbeit. Da ist es schwer, junge Leute für den Beruf zu begeistern", erklärt der Schäfermeister, der trotzdem einen Azubi hat. Und doch bringt der Beruf viel Freude: "Ich würde auch in meinem nächsten Leben Schäfer werden", sagt der bärtige Mann und lächelt versonnen. Bevor er in seinem Familienbetrieb kürzer tritt, will sich der Brandenburger Landessieger im Leistungshüten noch einen Wunsch erfüllen. "Ich möchte Bundessieger werden."