Ja, die FDP lebt noch. Das war für einige Liberale offenbar das wichtigste Signal. Auf einem Sonderparteitag in Potsdam versuchte die gebeutelte Partei am Samstag, ihr Debakel bei der Landtagswahl zu verarbeiten. Immerhin 163 stimmberechtigte Delegierte kamen zum kollektiven Wundenlecken in einem Hotel am Seeufer zusammen. Also genug Mitglieder, um wenigstens beschlussfähig zu sein, bemerkte ein Liberaler zynisch.

Mit 1,5 Prozent der Stimmen war die märkische FDP im September aus dem Landtag geflogen. Schon Monate zuvor schien die Lage aussichtslos - der Wahlkampf erwies sich als "Höllenritt", klagte der bisherige Parteichef Gregor Beyer. Er und sein Stellvertreter Andreas Büttner machten nun Platz für einen grundlegenden Neuanfang. "Ich melde mich ab von Bord", sagte Beyer vor den Delegierten. Das Schiff FDP hat aber weiter starke Schräglage.

Dabei ist es nicht so, als sei die bürgerliche Partei in Brandenburg von der Bildfläche verschwunden: Zahlreiche Liberale sind in der Kommunalpolitik aktiv und sitzen in Kreis- und Gemeindeversammlungen. Sogar sieben Bürgermeister stellt die märkische FDP, darunter Friedhelm Boginski: Als seine Kollegen am 14. September jäh aus dem Landtag flogen, verteidigte er mit fast 70 Prozent seinen Bürgermeisterstuhl in Eberswalde.

In einer leidenschaftlichen Aussprache machten viele Delegierte keinen Hehl daraus, dass sie der alten Parteiführung keine Träne nachweinen. Auf die Meinung der Basis sei kaum Rücksicht genommen worden, beschwerte man sich. Auch die umstrittene Strategie im Wahlkampf kam zur Sprache. Als sich das schlechte Abschneiden längst andeutete, hatten sich Beyer, Büttner & Co. entschlossen, mit dem ironischen Slogan "Keine Sau braucht die FDP" in die Endphase des Wahlkampfs zu ziehen. Eine Werbeagentur half bei der Formulierung mit, doch die Idee ging völlig daneben.

Der Slogan habe bei den Wählern überhaupt nicht gezogen, kritisierte ein Delegierter, im Gegenteil: Man habe so gegenüber den Bürgern gar nicht mehr argumentieren können. Außerdem werde die FDP sehr wohl gebraucht im Land, rief ein anderer: "Ich glaube an diese Partei!" Da gab es Applaus von überwiegend älteren Herren mit Jackett. Junge Leute verirrten sich nur wenige zum Parteitag der FDP.

Den Neuanfang soll Axel Graf Bülow gestalten. Der 62-Jährige wurde mit satten 89 Prozent der Stimmen zum neuen Landesvorsitzenden gewählt. Bülow ist seit über 30 Jahren Hauptgeschäftsführer beim Bundesverband Freier Tankstellen (BFT). Damit habe er den Vorteil von Wettbewerb und Freiheit "in der Praxis" kennenlernen dürfen, sagte er.

Ein radikaler Bruch ist von Bülow nicht zu erwarten. Er kündigte bereits an, an den "urliberalen Themen" wie Bürgerrechten und Marktwirtschaft festhalten zu wollen. Sein Amt wird der Parteichef ehrenamtlich ausüben.

Nach dem Ausscheiden aus dem Landtag muss die FDP nämlich auch finanziell kleine Brötchen backen: Die repräsentative Geschäftsstelle in der Potsdamer Behlertstraße wird die Partei aufgeben und in ein kleineres Domizil ziehen. Die staatliche Parteienfinanzierung sei nach dem Landtags-Aus zusammengeschmolzen, erklärte Ex-Schatzmeisterin Marion Vogdt. Bis auf weiteres sei man aber "zahlungsfähig".

Das Schlimmste an der Außerparlamentarischen Opposition sei, so bilanzierte ein FDP-Vorstandsmitglied, dass die Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit wegbreche. Die Nichtpräsenz sei aber auch eine Chance: Die FDP habe zwar jetzt keine Aufmerksamkeit mehr - aber jede Menge "Zeit für sich selbst".