An einem heißen Augusttag vor 21 Jahren verlässt Petra Born aus Uebigau eine Familienfeier in Falkenberg (beide Elbe-Elster), um ihre Mutter zu besuchen. Die wohnt nur wenige Minuten Fußweg entfernt. Dort kommt die 35-jährige, selbst Mutter von drei Kindern, jedoch nie an. Eine Woche später wird sie in einem Wald gefunden, seit Tagen tot, erstochen.

Die Akten zu diesem Verbrechen liegen seit Monaten in Eberswalde auf dem Tisch von Axel Hetke. Er gehört zu einem speziellen Team, das sich für ganz Brandenburg mit nicht aufgeklärten Kapitalverbrechen beschäftigt, die lange zurückliegen. Der Tod von Petra Born ist einer von 19 derartigen Fällen, die vor wenigen Jahren von der Cottbuser Mordkommission nach Eberswalde abgegeben wurden. Darunter sind auch fünf Vermisstenfälle, hinter denen die Kriminalisten ein Verbrechen vermuten.

Peter Augustin, langjähriger Chef der Mordkommission bei der Polizeidirektion Cottbus, ist froh, dass es das Team um Axel Hetke gibt. 15 bis 20 neue Fälle bekommen die Cottbuser Mordermittler jährlich auf den Tisch, denn sie sind auch zuständig für alle versuchten Tötungen und Selbstmorde. "Bei jedem neuen Fall mussten wir die alten Akten, an denen wir arbeiteten, erst mal beiseitelegen", sagt Augustin. Wenn dann wieder Zeit dafür war, fingen die Ermittler noch mal von vorn an, sich in die Ergebnisse einer jahrelangen vergeblichen Ermittlungstätigkeit einzulesen.

Axel Hetke und seine Kollegen in Eberswalde können dagegen ohne Unterbrechungen nach neuen Ansätzen in den Ermittlungsakten forschen. Was wurde vielleicht übersehen? Wo gibt es inzwischen neue Analysemethoden zur Spurenauswertung? Welche Zeugen sollten noch mal befragt werden?

Doch auch die Ermittler in Eberswalde gehen nach bestimmten Kriterien vor. Bearbeitet werden zunächst die Fälle, bei denen die größten Erfolgsaussichten bestehen, weil zum Beispiel noch Spurenmaterial vorhanden ist. Das ist auch bei dem Mord an Petra Born der Fall. "Wir sind aber noch bei der Sichtung der Akten", so Axel Hetke.

Schlechter sieht es dagegen bei einem mysteriösen Vermisstenfall aus, der im Dezember 1981 in Kiekebusch bei Cottbus beginnt. Ein aus Dresden stammender Cottbuser Student feiert mit Kommilitonen und verlässt im Laufe des Abends die Gaststätte. Trotz der winterlichen Temperaturen lässt er seine Jacke im Gastraum zurück. Er taucht nie wieder auf.

"Es gibt bis heute keine Erklärung für sein Verschwinden", so Hetke. Sogar dem Verdacht, die Staatssicherheit könnte ihre Hände im Spiel gehabt haben, waren die Ermittler bereits nachgegangen. Ohne Erfolg. Neue Ansätze für weitere Recherchen hat auch die nochmalige Beschäftigung mit den Akten nicht gebracht.

Ebenso wenig war das bei den Akten zum Tod eines NVA-Soldaten in der Lausitz der Fall. Der war in den 80er-Jahren auf dem Weg von einer Tanzveranstaltung zurück in seine Kaserne. In einem Park in Guben wurde er am nächsten Morgen tot gefunden. Sein Mörder ist bis heute unbekannt.

Dass Mordfälle jedoch auch nach Jahren und Jahrzehnten noch geklärt werden können, belegen zwei andere Fälle. 2012 wurde öffentlich bekannt gemacht, dass eine DNA-Spur vom 21 Jahre zurückliegenden Mord an einer 15-Jährigen in der Uckermark noch mal untersucht und Vergleichsproben von allen Männern in der Gegend genommen werden sollen. Drei Tage später nahm sich ein 63-Jähriger das Leben. Sein Abschiedsbrief belegte für die Kriminalisten, dass er der Mörder des Mädchens war.

In Neuruppin steht zurzeit die 74-jährige Erna F. vor Gericht. Sie soll im November 1974 in Schwedt ihren achtjährigen Sohn mit Gas vergiftet haben. Zu DDR-Zeiten galt der Tod des Kindes als Unfall. Fast 40 Jahre später brachte eine anonyme Anzeige die Ermittlungen gegen die Rentnerin in Gang, die mit der Anklage endeten.

Dieser Fall ist für Kriminalhauptkommissar Axel Hetke auch ein Beleg dafür, dass Zeugen sich nach vielen Jahren durchaus noch sehr präzise an Ereignisse erinnern können. Das Aussageverhalten könne sich aber auch im Laufe der Zeit ändern, weil auch soziale Bindungen und Beziehungen anders geworden sind. Deshalb mache es durchaus Sinn, auch Zeugen zu lang zurückliegenden Fällen erneut zu vernehmen.

Für den Chef der Cottbuser Mordkommission Peter Augustin lässt es sich kaum abschätzen, ob Mordermittlungen schnell - oder über Jahre gar nicht - zum Ziel führen: "Jede Tat hat ihre Besonderheiten." Schwierig seien jedoch häufig die Taten, bei denen das Opfer zufällig ausgewählt wurde, es keine persönliche Beziehung zum Täter gibt.

Dass manchmal auch ein Umweg zum Ziel führt, zeigt ein Fall aus Forst. Wegen Raubmordes an einer Rentnerin wurde dort 2014 ein Nachbar der Frau verurteilt. "Fünf Wochen lang hatten wir anfangs keine Idee, wer die Frau in ihrer Wohnung getötet haben könnte", gesteht der Chef der Cottbuser Mordkommission. "Wir haben dann geschaut, was die häufigste Alltagskriminalität in der Stadt war: Fahrraddiebstahl, Einbruch und Rauschgiftdelikte."

Einbruchsspuren gab es nicht an der Tür des Opfers, ein Fahrraddieb wäre kaum in der Wohnung aufgetaucht, ein Nachbar im Haus war jedoch durch Drogendelikte aufgefallen. Bei einer gründlichen Durchsuchung des Kellers fanden die Polizisten dann einen entscheidenden Beweis für die Täterschaft des Nachbarn.

Noch nicht aufgegeben haben die Cottbuser Ermittler zwei Fälle, die für große Aufmerksamkeit in der Region sorgten. Im August 2011 verschwand Dirk Lunkwitz aus Zeckerin bei Finsterwalde, ein alleinerziehender Vater zweier Kinder. Noch immer sucht die Cottbuser Mordkommission nach einer Erklärung für sein Verschwinden.

Noch immer bearbeitet wird auch das brutale Tötungsverbrechen an Steffen Meyer, einem Polizisten in Lauchhammer. Er war 2009 in seiner Garage umgebracht worden, sein Auto tauchte einen Tag später in Sachsen auf. "Wir haben in Lauchhammer jeden Stein umgedreht", versichert Peter Augustin, Chef der Cottbuser Mordkommission. Auch eine ausgesetzte Belohnung von 10 000 Euro brachte bisher nicht den Durchbruch.

Wie schwer nicht aufgeklärte Mordfälle auf Angehörigen lasten, erlebte Gottfried Lindner im Fall Petra Born, mit dem sich jetzt die Ermittler in Eberswalde erneut befassen. Bis zu seiner Pensionierung vor knapp fünf Jahren hatte Lindner Kontakt zur Mutter des Opfers. Der gewaltsame Tod der Frau aus Uebigau war der einzige Fall auf seinem Schreibtisch, den er in 20 Jahren Arbeit bei der Cottbuser Mordkommission nicht erfolgreich abschließen konnte.

"Ich musste der Mutter versprechen, dass ich nie aufhören werde, nach dem Mörder ihrer Tochter zu suchen", sagt Lindner. Die Frau habe nur einen Wunsch gehabt, dem Täter in die Augen sehen zu können. Für Angehörige sei das ungeheuer wichtig, so seine Erfahrung: "Die können erst dann wirklich mit der ganzen Sache abschließen."

Doch auch Gottfried Lindner hat das Verbrechen an Petra Born nicht mehr losgelassen. Er kann noch heute sofort aus dem Gedächtnis umfangreich erzählen, wie intensiv die Ermittlungen geführt wurden, was alles unternommen wurde, um dieses Verbrechen aufzuklären. "Das ist schlimm für mich, dass wir das nicht lösen konnten", bekennt er. Schließlich sei damit auch die Gewissheit verbunden, dass irgendwo ein Mörder herumläuft, von dem niemand weiß, ob er nicht noch mal zum Täter wird.

Vielleicht, so eine leise Hoffnung von Lindner, taucht in der zentralen DNA-Datei des Bundeskriminalamtes doch noch mal eine Übereinstimmung mit der Spur auf, die an der toten Petra Born gesichert werden konnte.

Mit Axel Hetke in Eberswalde, der die Akten jetzt auf dem Tisch hat, hat Lindner schon telefoniert und ein Angebot unterbreitet. "Wenn er eine Frage zu unseren alten Untersuchungen hat, kann er mich jederzeit anrufen."

Zum Thema:
Mord verjährt nicht. Das war jedoch nicht immer so. Bis 1969 betrug in der Bundesrepublik die Verjährungszeit 20, danach 30 Jahre. Seit 1979 gibt es keine Verjährung mehr für Mord.In der DDR verjährte Mord bis 1968 nach 20, danach bis zur deutschen Einheit nach 25 Jahren.Mit der deutschen Einheit endete auch auf dem bisherigen DDR-Gebiet die Verjährung für Mord. Kam es danach zu einer Verurteilung, musste jedoch das mildere DDR-Strafrecht angewendet werden. Danach wurde Mord nicht grundsätzlich mit lebenslanger Haft bestraft. Der Strafrahmen begann bereits bei zehn Jahren Gefängnis. Heute wird Mord zwingend mit lebenslanger Haft bestraft, wovon mindestens 15 Jahre zu verbüßen sind.Nicht jedes Tötungsverbrechen ist ein Mord. Dafür gibt es Kriterien wie Heimtücke, Grausamkeit, Verdeckung einer Straftat, Befriedigung des Sexualtriebes und andere. Totschlag verjährt nach 20 Jahren.Strafklageverbrauch. Niemand darf laut Grundgesetz wegen des selben Deliktes zweimal vor Gericht gestellt werden. Die Staatsanwaltschaft, die Herrin jedes Ermittlungsverfahrens ist, muss sich deshalb gut überlegen, ob die vorliegenden Beweismittel mit hoher Wahrscheinlichkeit für eine Verurteilung ausreichen. Tauchen nach einem Freispruch später neue belastende Indizien auf, kann nicht erneut angeklagt werden, es sei denn, der Verdächtige gesteht die Tat. Jüngstes Beispiel: der Mord an einer 17-Jährigen in der Nähe von Celle in Niedersachsen. Ein deshalb angeklagter Mann war 1982 wegen des Mordes verurteilt, nach erfolgreicher Revision beim Bundesgerichtshof aber 1983 wegen nicht ausreichender Beweise freigesprochen worden. Mit neuen Analysemethoden wurde 2015 seine DNA in gesichertem Spurenmaterial vom Tatort nachgewiesen. Ein neuer Prozess ist nicht möglich. sim