All das wollen zwölf junge Deutsche herausfinden, die im Rahmen des Projektes Stadt-Land-Plus für zwei Wochen in das osteuropäische Land fahren. Wohin sie ihre Reise allerdings führt, wissen sie noch nicht. Das bestimmen Nutzer im Internet. Mit dabei ist auch der Brandenburger Tobias Lehmann.

„Langsam steigt die Nervosität“, erzählt Tobias Lehmann. Nur noch bis Sonntag, dann startet die Entdeckungsreise in die Ukraine. Ein Land, von dem der gebürtige Fürstenwalder bis vor ein paar Wochen kaum etwas wusste, dessen Sprache er nicht beherrscht. Doch genau das fasziniert den 28-jährigen Studenten der Gartenbauwissenschaften. „Mich reizt das Abenteuer. Ich bin nicht sonderlich politisch interessiert, ich will vielmehr wissen, wie es sich in dem Land leben lässt und was das für Menschen dort sind.“

Dieses Ziel verfolgt auch das Projekt, das unter Schirmherrschaft von Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) läuft und vom Berliner Verein Politikfabrik organisiert wird. „Über die Ukraine wissen die Menschen recht wenig“ , erklärt Organisatorin Theresa Kriese. „Das wollen wir mit der Reise ändern.“ Die Teilnehmer sollen einen direkten Einblick in die ukrainische Politik, Kultur und Gesellschaft erhalten und dies zudem weitervermitteln.

Aufgaben im Land erfüllen
Aufgeteilt in vier Teams reisen die jungen Menschen quer durch das Land und müssen dabei Aufgaben erfüllen. Was sie erleben, halten sie in Fotos, Videos und Texten fest, die sie ins Internet stellen. So kann jeder Nutzer die Reise interaktiv miterleben. Zugleich können die Besucher der Internetseite auswählen, welche Orte die Teilnehmer besuchen sollen und welche Aufgaben sie dabei erfüllen müssen.

Tobias Lehmann gehört zum Team Süd. „Ich denke, wir werden auf jeden Fall zur Krim fahren, aber mehr weiß ich nicht“ , sagt er. Dass die Tour keine Urlaubsreise wird, das ist dem Studenten erst nach und nach klar geworden. „Ich bin am Anfang recht blauäugig rangegangen“ , erzählt er. Über die Uni erfuhr er von dem Projekt und bewarb sich. „Man fängt dann an, sich in das Thema reinzulesen, recherchiert im Internet und stellt fest, dass es eher ein kleines Abenteuer wird.“ Sorgen, dass vor Ort etwas schief gehen könnte – auch aufgrund der Kaukasus-Krise – mache er sich aber nicht.

Die aktuelle politische Lage soll auch in die Aufgaben vor Ort einfließen. So wird eine Gruppe zum Krimhafen Sewastopol reisen – dorthin, wo die Schwarzmeerflotte Russlands liegt, deren Abzug die ukrainische Regierung unlängst forderte. „Eine der Aufgaben könnte lauten: Macht eine Bootstour im Hafen und schaut euch die Flotte an“ , erklärt Theresa Kriese. Ebenso sind Treffen mit lokalen Politikern geplant, die auch die Nähe der Ukraine zur EU beleuchten sollen. „Wir haben zum Beispiel einen Gesprächstermin beim Vizepräsidenten von Dne pro petrowsk“ , sagt die Organisatorin. „Von der geografischen Lage her dürfte er eher russlandgerichtet sein.“ Zudem laufe eine Anfrage für ein Interview mit einem Politiker in einer prowestlichen Region. Und natürlich werde auch der Bruch der Koalition der Partei von Präsident Viktor Juschtschenko und der von Regierungschefin Julia Timoschenko eine Rolle spielen. „Wir werden sicher eine Umfrage unter den Ukrainern starten, was sie davon halten und welche Auswirkungen künftige Koalitionen auf das Verhältnis zum Westen haben.“

Möglichst ohne Erwartungen

Die aktuellen Ereignisse haben inzwischen auch Tobias Lehmann gefangen genommen. „Ich muss zugeben, dass ich mir im Fernsehen kürzlich eine Talkshow angesehen habe, in der es um den Kaukasus-Konflikt ging. Früher hätte ich da wohl eher weggeschaltet.“ Dennoch, allzu viel will er jetzt noch nicht über das Land wissen, um möglichst ohne Erwartungen an die Reise zu gehen. „Ich informiere mich eher über allgemeine Dinge, zum Beispiel, welche Währung dort gilt.“ Einige Dinge hat er zudem bei einem dreitägigen Workshop der Politikfabrik erfahren. Auch einen kleinen Sprachkurs in Russisch und Ukrainisch gab es dort.

Um möglichst hautnahe Erfahrungen mit dem Leben in der Ukraine zu machen, sollen die Teilnehmer so oft es geht privat unterkommen, mit einem Tagesbudget von 20 Euro in der Tasche. Kontakte zu örtlichen Kirchengemeinden oder Privatleuten haben die Berliner Organisatoren gemeinsam mit den Kooperationspartnern von der Bundeszentrale für politische Bildung, der Allianz Kulturstiftung und der Robert-Bosch-Stiftung geknüpft. „Dabei haben uns auch viele Städte geholfen, die Partner in der Ukraine haben“ , erklärt Theresa Kriese. Und vor Ort kümmert sich die ukrai nische Organisation „Free“ um die Teilnehmer.
Tobias Lehmann jedenfalls freut sich, dass er es ins Team Süd geschafft hat. „Das hatte ich mir bei den Vorbereitungen gewünscht“ , gesteht er. Und ob er in dem Land wirklich jeden Tag Wodka trinken muss, das will er vor Ort herausfinden. www.stadtlandplus.eu