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| 06:17 Uhr

Erster Spatenstich am 5. September 2006
Zwölf Jahre BER – ja, wo fliegt es denn?

Autos statt Flugzeuge - so sieht die Gegenwart am BER aus.
Autos statt Flugzeuge - so sieht die Gegenwart am BER aus. FOTO: dpa / Wolfgang Kumm
Schönefeld . Zwölf Jahre ist es her, dass in Schönefeld der Erste Spatenstich für den Berliner Großflughafen erfolgte. Geflogen ist seitdem noch kein Flugzeug vom BER. Muss ja auch nicht, der Nicht-Flug-Hafen ist auch so in aller Munde. Von Burkhard Fraune

Damit hat 2006 keiner gerechnet: Dass das Prestigeprojekt neuer Hauptstadtflughafen BER international zur Lachnummer wird, dass sich die Kosten verdreifachen und es einen Start frühestens im Herbst 2020 geben wird - jedenfalls nach dem aktuellen Zeitplan.

Beim ersten Spatenstich am 5. September vor zwölf Jahren waren die Verantwortlichen sicher, dass fünf Jahre später die Flugzeuge abheben. Missmanagement und Planungsfehler, Technikprobleme und sechs geplatzte Eröffnungstermine - wer hätte es für möglich gehalten? Unwahrscheinlich schien auch, wie der Flughafen inzwischen genutzt wird.

Lkw fahren in Selchow bei einer Demonstration des Platooning im autonomen Fahren auf der nichtgenutzten Südbahn des Flughafens Schönefeld.
Lkw fahren in Selchow bei einer Demonstration des Platooning im autonomen Fahren auf der nichtgenutzten Südbahn des Flughafens Schönefeld. FOTO: dpa / Bernd Settnik

Als Parkplatz

Läufer nehmen am 12. Airport Night Run auf dem zukünftigen Hauptstadt-Flughafen Berlin Brandenburg teil.
Läufer nehmen am 12. Airport Night Run auf dem zukünftigen Hauptstadt-Flughafen Berlin Brandenburg teil. FOTO: dpa / Jörg Carstensen

Klingt paradox: Eine Parklücke zu finden, ist am BER nicht leicht. Denn in den Parkhäusern stehen Hunderte VW - Neuwagen, die Volkswagen noch nicht verkaufen kann. Die Zulassung lässt auf sich warten, weil sich das Abgastestverfahren ändert. Der BER als VW-Parkplatz - „Es ist zwar nicht unsere Kernaufgabe“, meint Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup. Aber ein lohnendes Geschäft lasse man sich nicht entgehen.

In diesem Jahr überweist VW eine Million Euro Parkgebühr für 8000 Plätze. Nicht wenig, aber auch nicht viel verglichen mit den 6,5 Milliarden Euro, die der Flughafen bis 2020 verschlingt. Vor zwölf Jahren war noch von zwei Milliarden Euro die Rede gewesen.

Besucher der Baustelle des Hauptstadtflughafens BER stehen im Hauptterminal und schauen auf das Rollfeld.
Besucher der Baustelle des Hauptstadtflughafens BER stehen im Hauptterminal und schauen auf das Rollfeld. FOTO: dpa / Ralf Hirschberger

Als Konzertbühne

 Eine Clownin kommt zum Familienfest auf den Flughafen.
Eine Clownin kommt zum Familienfest auf den Flughafen. FOTO: dpa / Patrick Pleul

„Heldenleben“, das war keine Hommage an all die, die das „Monster“ BER schufen und zu bändigen suchten, nicht an die Aufsichtsräte Klaus Wowereit und Matthias Platzeck, nicht an die Geschäftsführer Rainer Schwarz und Hartmut Mehdorn. Mit Richard Strauss’ „Heldenleben“ machte das Deutsche Symphonie-Orchester die Terminalvorfahrt zur Konzertbühne. Drinnen Schrauber, draußen Streicher.

Fluglärm störte den Auftritt 2015 kaum, auch wenn einen Kilometer entfernt Flugzeuge abhoben. Denn im benachbarten Terminal des früheren DDR-Zentralflughafens Schönefeld checken jährlich rund zwölf Millionen Passagiere ein. 21 Millionen sind es am überlasteten Innenstadtflughafen Tegel, dem „abgenagten Möhrchen“ (Mehdorn).

Als Laufstrecke

Eben und mit viel Platz: Für Läufer ist die Start- und Landebahn des BER eine ungewöhnliche Herausforderung. Einmal im Jahr gibt der Flughafenchef im Sonnenuntergang den Startschuss für den Airport Night Run. Dann werden auch die Leuchten an den Pisten eingeschaltet, die Piloten nachts beim Landen helfen sollen. Mehr als 6000 Läufer waren in diesem Jahr unterwegs, auf 4 mal 4000 Metern, auf zehn Kilometern und - passend zur Dauerbaustelle - im Halbmarathon.

Läufer statt Jets - für Anwohner ist das wohl die beste Lösung. Denn erst gut 3000 von 26 000 Haushalten haben auf Flughafenkosten Schallschutzfenster einbauen lassen. Weitere 6000 bekamen Geld als Entschädigung. Viele warten ab, etwa weil sie auf höhere Ansprüche hoffen. Gerichte haben schon für höhere Standards gesorgt - und die Kosten des Programms verfünffacht auf rund 730 Millionen Euro.

Als Ausflugsziel

Berlin wäre nicht Berlin, schlüge man aus der Flughafen-Blamage nicht Kapital. Tausende Menschen buchen jedes Jahr Touren über die Baustelle. Zehn Euro kostet die Bustour „Erlebnis BER“. Rund 14 000 Besucher gab es nach Betreiberangaben im vergangenen Jahr. Als 2012 die Eröffnung spektaktulär platzte, waren es sogar mehr als 60 000 gewesen. „Höhepunkt der Tour ist der Ausstieg im Terminal und die Besichtigung des Check-in-Bereiches“, wirbt die Flughafengesellschaft. Auch für Radfahrer gibt es Touren um das Terminal. Fotografieren ist ausdrücklich erlaubt.

Als Möbellager

Unter Folie und Staub: Seit Jahren stehen die Wartebänke an den BER-Gates ungenutzt herum. Vor drei Jahren fand sich für einen Teil eingelagerter Sitzmöbel doch schon eine Verwendung: Die Berliner Verwaltung kaufte die Bänke für eine neue Registrierungsstelle für Flüchtlinge. Bundeswehrsoldaten brachten die Bänke nach Wilmersdorf. Den Flughafen selbst als Flüchtlingsunterkunft zu nutzen, lehnten die Betreiber ab - aus Sicherheitsgründen und weil er eben noch Baustelle ist.

Als Lkw-Testfeld

Männer mit Elektronen am Kopf. Lastwagen, die teilautonom und durch WLAN verbunden dicht hintereinander fahren. Diese Szenerie bot sich erst vor einigen Wochen auf der BER-Südbahn. Die Bahn-eigene Spedition DB Schenker und der Lkw-Bauer MAN testeten, wie ihre Fahrzeuge möglichst effizient im Konvoi fahren können. Mit Hilfe der Elektronen untersucht die Hochschule Fresenius, was das mit der Aufmerksamkeit des Fahrers macht.

Als Filmkulisse

Die 18-Jährige Cindy lebt im Flughafen-Vorort Schönefeld. Im Leben der Außenseiterin geht ebenso wenig voran wie auf der Großbaustelle - bis sie den Flughafen-Ingenieur Leif trifft. 2014 machte der Kinofilm „Schönefeld Boulevard“ (2014) den BER zur Filmkulisse - eine Zeit, in der auf der Baustelle tatsächlich kaum etwas voranging, wie Berlins Regierungschef Michael Müller (SPD) später zugab.

Inzwischen scheint der Weg zur Eröffnung klar - sofern nicht wieder ein neues Technikproblem aufploppt, wie so häufig. „Wann kommst Du wieder nach Schönefeld?“, fragt Film-Cindy ihren Flughafen-Ingenieur. „Hängt von den Problemen ab.“ – „Dann hoffe ich, dass ihr wieder Probleme haben werdet.“