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Reformationsjubiläum
Zwischen Playmobil und Luthersocken

Martin Luther als Playmobil-Figur.
Martin Luther als Playmobil-Figur. FOTO: Daniel Karmann / picture alliance / Daniel Karman
Berlin/Wittenberg. Eine hunderttausendfach verkaufte Lutherfigur der Spielzeugfirma Playmobil, eine Sonderbriefmarke, dazu Lutherbiere und Luthersocken. Das Jahr 2017 stand und steht im Zeichen des Reformators Martin Luther. Was bleibt davon? Von Benjamin Lassiwe

Zuletzt am Dienstag in Berlin und Wittenberg: Am Vormittag feierte die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz in der Spandauer Nikolaikirche, wo Kurfürst Joachim II. Hector 1539 das Abendmahl in beiderlei Gestalt empfing, und damit die Reformation in Brandenburg einleitete. Am Nachmittag gab es dann einen Festgottesdienst und einen staatlichen Festakt mit einer Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in der Lutherstadt Wittenberg. Damit endete zugleich die zehnjährige, von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ausgerufene Reformationsdekade – und das im letzten Herbst im schwedischen Lund von Papst Franziskus und den Spitzen des Lutherischen Weltbundes eröffnete Jubiläumsjahr.

Socken mit Luthermotiven liegen am 15. Mai 2017 in einem Geschäft in Wittenberg (Sachsen-Anhalt).
Socken mit Luthermotiven liegen am 15. Mai 2017 in einem Geschäft in Wittenberg (Sachsen-Anhalt). FOTO: Sebastian Willnow / picture alliance / Sebastian Wil

Und wer angesichts zehntausender Veranstaltungen, in der Kirchengemeinde oder der Volkshochschule über nationale und lokale Sonderausstellungen bis hin zu einem extra zum Jubiläum komponierten Pop-Oratorium, das quer durch Deutschland tourte, immer noch nicht mitbekommen hat, wer Martin Luther war und warum nun so groß gefeiert wird, der muss sich fragen lassen, wo er eigentlich in den letzten 365 Tagen lebte. Denn Deutschland wurde geradezu zugeluthert. Und ja, die Evangelische Kirche hatte mit ihrem Lutherjahr zumindest teilweise Erfolg. Das galt vor allem auf der Ebene der Gemeinden und Landeskirchen. Und es galt dort, wo man zusammen mit externen Partnern vor die Mauern der Gotteshäuser trat, und neue Dinge ausprobierte. Zum Beispiel für den Reformationstruck, der quer durch Europa rollte und dabei auch in Kerkwitz Station machte. Es galt für die von tausenden Jugendlichen besuchten Konfirmandencamps in Wittenberg und es galt für die Ökumene: Während die Katholiken zunächst protestantische Selbstüberhöhung und Siegesjubel fürchteten, erwies sich 2017 nicht als ein Jahr der Abgrenzung. Im Gegenteil. Beide Kirchen waren miteinander unterwegs, und die Hoffnung auf noch mehr Gemeinsamkeiten, etwa beim Abendmahl von Katholiken und Protestanten, wurde im Verlauf des Jahres immer lebendiger, auch wenn einzelne Kirchenvertreter, etwa der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki, dem immer noch skeptisch gegenüberstehen. Dazu kommt die Neuübersetzung der Lutherbibel, eine gelungene, zeitgemäße Übersetzung der Heiligen Schrift der Christen, die sich mit Recht zu einem Renner in den Buchläden entwickelte. Und schließlich findet sich auch eine gründliche Auseinandersetzung mit den kritischen Punkten im Leben des Reformators, etwa dem Antisemitismus des späten Luther, auf der Habenseite des Jubiläums.


Doch die von der kirchlichen Prominenz, allen voran dem EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm, in den letzten Tagen angestimmte, fast kindliche Begeisterung über den guten Verlauf des Jubiläums ist trotzdem unangebracht. Dafür nämlich wurde – mit Verlaub – in den letzten 365 Tagen zu viel kirchliches und staatliches Geld auch schlicht zum Fenster herausgeworfen. Eine fehlgeplante Weltausstellung in der Lutherstadt Wittenberg, die statt der erwarteten 500.000 Besucher auf gerade einmal 294.000 Gäste kam, aber trotzdem 25 Millionen Euro kostete. Oder die Kirchentage auf dem Weg, die unsinnigerweise parallel zum Berliner Kirchentag stattfanden, ebenfalls Millionen kosteten, aber nicht nachgefragt wurden. Etwas mehr Bescheidenheit und Demut wäre hier angebracht gewesen. Die Aufgabe der in wenigen Tagen in Bonn beginnenden EKD-Synode wird es sein, hier eine genaue Ursachenforschung zu betreiben – im Blick auf die Frage, wer für die Pleiten verantwortlich war, aber auch im Blick auf die Frage wie solche Pleiten künftig verhindert, und im Fall des Falles auch rechtzeitig abgebrochen werden können. Wer jetzt versucht, zum Beispiel mit dem Verweis auf „gute Gespräche in kleinem Rahmen“ solche Geldverschwendungen nachträglich zu rechtfertigen, wie es manche Kirchenvertreter derzeit tun, macht sich schlicht unglaubwürdig.

Zumal für die Kirche nun ohnehin andere Aufgaben anstehen: Nun nämlich gilt es, den Schwung des Reformationsjahres in die nächsten Jahre mitzunehmen. Wie gelingt es den Protestanten, angesichts wegsterbender Gläubiger im Gespräch zu bleiben? Wie gelingt es ihnen, die Kirche attraktiv für junge Menschen zu machen? Wie gelingt es, auch Menschen, die sich eigentlich schon von Kirche und Glauben verabschiedet haben, wieder dafür zu interessieren? Deutschlands Protestanten stehen nun vor der Herausforderung, dafür zu sorgen, dass die Aufbruchsstimmung des Reformationsjahres nicht verfliegt und die Kirchen in Deutschland in den kommenden Jahren nicht in einem schwarzen Loch versinken. Und wie erfolgreich das Lutherjubliäum wirklich war, wird man wohl erst in einigen Jahren feststellen können, wenn man mit etwas Abstand und auch etwas Augenzwinkern auf Lutherfiguren, Luthersocken und Lutherbiere zurückblicken kann.