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| 17:47 Uhr

Gedenkplatz in Jamlitz
Zur Erinnerung an Tausende ermordete Juden

 Martin Herche (l), Generalsuperintendent für den Sprengel Görlitz der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, spricht zur Einweihung eines Gedenkplatzes auf dem Gelände des früheren KZ-Außenlagers in Jamlitz. An die Opfer eines Massenmordes in einem früheren KZ-Außenlager in Jamlitz erinnert seit Montag ein neuer Gedenkplatz. Im Beisein von rund 50 Gästen, darunter waren auch ehemalige KZ-Häftlinge, wurde dieser eröffnet. Er befindet sich dort, wo einst eine Lagerbaracke stand und wo sich das Massaker ereignet hatte.
Martin Herche (l), Generalsuperintendent für den Sprengel Görlitz der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, spricht zur Einweihung eines Gedenkplatzes auf dem Gelände des früheren KZ-Außenlagers in Jamlitz. An die Opfer eines Massenmordes in einem früheren KZ-Außenlager in Jamlitz erinnert seit Montag ein neuer Gedenkplatz. Im Beisein von rund 50 Gästen, darunter waren auch ehemalige KZ-Häftlinge, wurde dieser eröffnet. Er befindet sich dort, wo einst eine Lagerbaracke stand und wo sich das Massaker ereignet hatte. FOTO: Patrick Pleul / dpa
Jamlitz. Im ehemaligen Außenlager Lieberose des Konzentrationslagers Sachsenhausen ermordete die SS zwischen dem 2. und 4. Februar 1945 im Rahmen eines furchtbaren Massakers 1342 zumeist jüdische Häftlinge. Am exakten Tatort dieses Massenmordes in Jamlitz im Landkreis Dahme-Spreewald wurde in einem ersten Bauabschnitt ein Gedenkplatz geschaffen, der heute Nachmittag feierlich eröffnet wurde.

Der von dem Berliner Architekten Martin Bennis gestaltete Gedenkort ist der topographischen Markierung einer historischen Lagerbaracke zugeordnet, heißt es in der Pressemitteilung der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Stelen, die sich beidseitig der Markierung befinden, sind mit Zitaten von Augenzeugen und Tätern des Massenmordes versehen. Der Gedenkort ist als Endpunkt einer Abfolge von Ausstellungsstegen geplant. In einem zweiten Bauabschnitt, der noch in diesem Jahr realisiert wird, wird der Gedenkort mit einem von Informationstafeln flankierten Steg an die bestehende Open-Air-Ausstellung angeschlossen.

Diese und die bisherige Gedenkarbeit sind von der Evangelischen Kirchengemeinde Lieberose und dem Land getragen, die einen großen Anteil daran hatte, dass die Erinnerungsarbeit vor Ort lebendig geblieben ist. Der neue Gedenkort und die Erweiterung der bestehenden Ausstellung sollen in die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten integriert werden, die im Rahmen eines Kooperationsvertrages gemeinsam mit der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und dem Zentralrat der Juden für die Gedenkstätte in Jamlitz verantwortlich sein wird.

Dr. Ulrike Gutheil, Staatssekretärin des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg: „Mit der heutigen Eröffnung des Gedenkortes zur Erinnerung an die Opfer der Shoah und der Erweiterung des Gedenk- und Erinnerungsortes Jamlitz-Lieberose geben wir ein klares Bekenntnis ab, dass dieser Ort, an dem Tausende von Häftlingen während der NS-Herrschaft litten und starben, eine herausgehobene Bedeutung in der Erinnerungskultur des Landes hat. Die Erweiterung ist auch eine Reaktion auf die Anschläge in den vergangenen Jahren – wir machen damit deutlich, dass solche Attacken keinen Erfolg haben werden: Dieser Erinnerungsort bleibt und wird gestärkt.“

„Die Gemeinde Jamlitz und das Amt Lieberose/Oberspreewald seien dankbar, dass durch die Bereitstellung der finanziellen Mittel durch das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg sowie durch den Landkreis Dahme-Spreewald die Errichtung des ersten Bauabschnittes des Gedenkortes des Außenlagers Lieberose möglich wurde, betonte Bernd Boschan, Direktor des Amtes Lieberose/Oberspreewald. Nach vielen Jahren des Ringens um eine würdige Form des Gedenkens sei nun ein erster Schritt zur Nutzung dieses Ortes auch für die nachfolgenden Generationen vollzogen worden.

„Ich freue mich, dass nach lange andauernden Bemühungen unsere Freiluftausstellung am historischen Ort um eine würdige Gedenkstätte für die jüdischen Opfer ergänzt wird. Das Gedenken an die Opfer unmenschlicher Gewaltherrschaft ist in unserer Zeit, in der Demokratie und Toleranz von manchen in Frage gestellt werden und es neue antisemitische Tendenzen in Deutschland und Europa gibt, wichtiger denn je“, sagte Martin Herche, Generalsuperintendent für den Sprengel Görlitz der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz.

Prof. Dr. Günter Morsch, Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, verwies darauf, dass mehr als 70 Jahre nach der Tat diese Gedenkstätte die meist jüdischen Opfer gewürdigt werden. Sie seien bei einer der größten Massenmordaktionen in einem KZ-Außenlager von der SS brutal ermordet worden. Umso dringlicher sei es daher, am Tatort diesen Gedenkplatz zu schaffen. „Dass der Ort, an dem mehr als 700 Tote des Massakers verscharrt wurden, bis heute unbekannt ist, bleibt eine schmerzliche Wunde“, sagte er.

Das Außenlager Lieberose des KZ Sachsenhausen in Jamlitz wurde 1943 während des Aufbaus des SS-Truppenübungsplatzes „Kurmark“ errichtet. Die rund 6000 bis 10 000 Häftlinge, die hier bis zur Auflösung des Lagers Anfang Februar 1945 unter mörderischen Bedingungen Zwangsarbeit leisten mussten, waren überwiegend Juden. Arbeitsunfähige wurden nach Auschwitz deportiert. Bei der Auflösung des Lagers Anfang Februar 1945 wurden 1342 kranke und marschunfähige Häftlinge von der SS erschossen. Rund 1500 Häftlinge trieb die SS auf einen etwa 200 Kilometer langen Todesmarsch in das Hauptlager Sachsenhausen, in dessen Verlauf weitere Häftlinge erschossen wurden. Nach der Ankunft im Hauptlager selektierte die SS erneut Hunderte Häftlinge und ermordete sie.

In Jamlitz, wo sich das Lager befand, gibt es seit 2003 eine Dokumentationsstätte mit einer Freiluftausstellung zum früheren KZ-Außenlager sowie zum 1945 vom sowjetischen Geheimdienst NKWD eingerichteten Speziallager Nr. 6 Jamlitz, in dem bis 1947 mehr als 10 000 Personen inhaftiert waren. Im Jahr 2009 wurde ein jüdischer Friedhof für die Opfer des KZ-Außenlagers Lieberose in der benachbarten Gemeinde Schenkendöbern (Landkreis Spree-Neiße) eingeweiht. In der ehemaligen Kiesgrube bei Schenkendöbern waren in den 1950er- und 1970er-Jahren die sterblichen Überreste von insgesamt rund 600 Opfern des KZ-Außenlagers Lieberose gefunden worden. Bei der Suche nach einem weiteren Massengrab mit Opfern des Massakers vom Februar 1945 konnte der Bereich der „Schonungsblocks“ als Tatort nachgewiesen werden. Hier wurde der neue Gedenkort angelegt.

(red/fh)