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| 20:31 Uhr

Interview mit Jörg Steinbach
„Es war der einzig richtige Weg für die BTU“

Professor Jörg Steinbach (62) ist seit Juli 2014 Präsident der BTU Cottbus-Senftenberg. Der promovierte Chemieingenieur hat an der TU Berlin mehr als ein Jahrzehnt Erfahrungen in der Leitung einer Universität gesammelt. Er war von 2010 bis Ende März 2014 TU-Präsident und zuvor 1. Vizepräsident (seit 2002).
Professor Jörg Steinbach (62) ist seit Juli 2014 Präsident der BTU Cottbus-Senftenberg. Der promovierte Chemieingenieur hat an der TU Berlin mehr als ein Jahrzehnt Erfahrungen in der Leitung einer Universität gesammelt. Er war von 2010 bis Ende März 2014 TU-Präsident und zuvor 1. Vizepräsident (seit 2002). FOTO: dpa / Ralf Hirschberger
Cottbus. Die Brandenburgische-Technische Universität (BTU) Cottbus – Senftenberg feiert am Montag den fünften Jahrestag der Neugründung. Zum Festakt wird Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) auf dem Zentralcampus erwartet.

Zur Feier des Tages starten offiziell die beiden Fraunhofer-Projektgruppen „Biofunktionalisierung und Biologisierung von Polymermaterialien“ sowie „Pilzbasierte zellfreie Synthese-Plattformen“ mit der Arbeit. Mit der angewandten Forschung in den Bereichen Biokunststoffe, Biotechnologie und Mikroelektronik soll vor allem der Strukturwandel in der Bergbauregion Lausitz vorangetrieben werden. BTU-Präsident Prof. Jörg Steinbach bewertet Neustart, finanzielle Lage und Perspektiven für die Lausitzer Universität.

Sind fünf Jahre wie im Fluge vergangen ...?

Bei mir sind es vier Jahre, aber sie sind tatsächlich enorm schnell vergangen. Das liegt natürlich an der Kombination von zwei Effekten: Wenn man viel Arbeit hat, rennt die Zeit. Und wenn man ein bestimmtes Alter erreicht hat, kommt ein zusätzliches Beschleunigungsgefühl hinzu. Insofern kommt mir das Hierherkommen am 17. Juli 2014 wie gestern vor.

War es richtig, Fachhochschule und Universität unter ein Dach zu holen?

Davon bin ich felsenfest überzeugt. Ein Grund dafür ist: Der Standort Senftenberg hätte es nicht ausgehalten, komplett auf einen universitären Betrieb umgestellt zu werden. Zudem wäre für die Kolleginnen und Kollegen die Identität völlig verloren gegangen. Schließlich sind viele von ihnen ganz bewusst an eine Fachhochschule gegangen. Umgekehrt waren die Leistungen an der alten BTU so, dass ich eine große Fachhochschule, wie es der Wissenschaftsrat vorsah, nicht hätte mittragen können. Damit wäre hier viel Potenzial verloren gegangen. Die Fusion zur neuen BTU war für mich der einzig richtige Weg.

Sie haben 2015 gesagt, dass das Projekt BTU schon „unter großer Beobachtung steht“ ...

Ich bin meiner Universität extrem dankbar, was sie hier geleistet hat. Denn was wir in nur drei Jahren – denen ein Jahr Strategie vorausgegangen war – auf die Beine gestellt haben, das muss uns erst einmal jemand nachmachen.

Was meinen Sie konkret?

Wir haben innerhalb von neun Monaten eine komplette neue Leitung installiert und einen Hochschulentwicklungsplan für diese neuartige Universität vorgelegt. Schon ein halbes Jahr später gab es den „Segen“ des Wissenschaftsrates. Und wir haben drei Jahre lang in beachtlichem Tempo mit der Umsetzung begonnen. Wie das gelingt, wird nach wie vor bundesweit  beobachtet.

Ein Maßstab für die Akzeptanz einer Universität sind die Studierendenzahlen. Wie bewerten Sie deren Entwicklung?

Es hat eine Weile gedauert, dass wir durch hervorragende Berufungen von Professorinnen und Professoren sowie dem Engagement der außeruniversitären Forschung in Cottbus und in Senftenberg eine Situation erreichen konnten, dass das Vertrauen in die neue BTU wieder gewachsen ist. Ich bin optimistisch, dass wir den zuletzt ansteigenden Trend auch im Herbst fortsetzen können und dann wieder mehr als zurzeit 7600 Studierende haben werden.

Ist das ein fusionsbedingter  Rückgang?

Es wird immer schnell die Demografie ins Feld geführt. Der Rückgang scheint mir aber mit Blick auf andere vergleichbare Universitäten BTU-spezifisch. Nicht die Fusion selbst, sondern die drei Jahre zuvor, als seitens des Ministeriums die Wiederbesetzung von Professuren gestoppt wurde, haben wir  und damit auch unsere Studierenden zu spüren bekommen. Mit Vertretungskräften sind  Studiengänge nicht mehr attraktiv, denn Studierende brauchen für ihre Abschlussarbeiten Verlässlichkeit und Kontinuität in Lehre und Betreuung.

Was hat sich verändert, wie würden Sie das neue Profil der BTU beschreiben?

Wir haben vier profilbildende Forschungsfelder: Smart Regions und Heritage,   Energie-Effizienz und Nachhaltigkeit, Biotechnologie, Umwelt und Gesundheit sowie    Kog-
nitive und zuverlässige cyber-physische Systeme.

Der Ausbau unserer strategischen Partnerschaften mit außeruniversitären Forschungsinstituten ist dabei ein wichtiger Baustein, um diese profilbildenden Forschungsfelder weiter zu schärfen. So entwickeln sich beispielsweise die Kooperationen zwischen der Fraunhofer-Gesellschaft und der BTU im Rahmen der „Perspektive Lausitz – Impulse für den weiteren Strukturwandel“ nachhaltig durch die Etablierung neuer und den Ausbau bestehender Einheiten in Form von Fraunhofer-Projektgruppen und -Außenstellen. Seit dem Frühjahr 2018 haben wir nun in Cottbus auch einen Institutsteil des Fraunhofer-Instituts für Photonische Mikrosysteme (IPMS) unter dem Namen „Integrated Silicon Systems“ (ISS).

Die BTU profiliert sich auch weiter auf dem Gebiet der Historischen Bauforschung und der Erforschung des Weltkulturerbes: Im Mai 2018 hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft die Verlängerung des Graduiertenkollegs „Kulturelle und technische Werte historischer Bauten“ um weitere 4,5 Jahre bewilligt.

Wie sieht es im Energie-Bereich aus?

Er entwickelt sich wieder stärker. Hier werden wir im Herbst weitgehend die fehlenden Professuren ersetzt und den Generationswechsel vollzogen haben. An der BTU sollen Speichertechniken weiter erforscht und ausgebaut werden. Der Ausbau weiterer Speichersysteme muss eine Grundlage für die Infrastruktur der Lausitz werden, wobei die Sektorkopplung eine wichtige Rolle spielt. In diesem Zusammenhang bewirbt sich die BTU um ein „Fraunhofer-Institut für integrierte Netze und Sektorkopplung“ und kommt damit einem Großteil der Erwartungen der Politik nahe.

Auseinandersetzungen mit Flüchtlingen, ausländerfeindliche Demonstrationen in Cottbus – inwiefern bekommt die BTU das angekratzte Image der Stadt zu spüren?

Bislang nicht. Ich sage aber immer: Wehret den Anfängen. Wir haben als Leitung in wirksamer Form eine klare Position bezogen. Es ist deutlich geworden, dass es auf dem Campus keinen Nährboden für Fremdenfeindlichkeit gibt. Bis jetzt ist die Anzahl der Bewerbungen aus dem Ausland weiter steigend.

Hat das Land seine Fusionszusagen eingehalten?

Die Investitionen in den Gesundheitscampus Senftenberg tragen auf jeden Fall Früchte. Aber wir müssen mit dem Land nachverhandeln. Denn die zugesagten Mittel sind bisher noch nicht unserer, vom Wissenschaftsrat bestätigten Struktur angepasst worden. Deshalb sind wir zurzeit etwas knapp bei Kasse. Damit wir das jetzt erreichte Momentum nicht verlieren, muss mit dem Land nachverhandelt werden. Eigentlich stehen wir jetzt vor der Nagelprobe, dass das Land zu seinen Finanzierungszusagen steht.

Steigerung bei Drittmitteln, engere Vernetzung mit regionalen Unternehmen, diverse Auszeichnungen (zuletzt für das Orientierungsstudium College+) – dennoch fehlt ein außeruniversitäres Institut ...

Dieser Prozess braucht langen Atem, viel mehr Vorlauf, als sich mancher Politiker vorstellen mag. Bis auf ein Joint-Lab habe ich hier eine freie Zone für die Verbindung von universitärer und außeruniversitärer Forschung vorgefunden. Heute haben wir drei Joint-Labs und vier gemeinsame Berufungen mit dem IHP – davon den wissenschaftlichen Leiter. Zudem haben wir vier Forschergruppen, aus denen solche Abteilungen entstehen. Hinzu kommt die erste gemeinsame  Berufung mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, die kurz vor dem Abschluss steht. Wir haben in drei Jahren heftig aufgeholt.

Wie würden Sie Ihre Zeit an der BTU im Vergleich zu Ihrer Präsidentschaft an der TU Berlin bewerten?

Viel, viel schöner. Ich habe hier vielleicht sogar noch mehr zu tun  als in dem großen Tanker in Berlin. Was es schöner macht, ist das menschliche Umfeld, die Loyalität, die mir zuteil wird und die Verlässlichkeit über alle Statusgruppen hinweg. Das macht mir das Arbeiten leicht. Und ich bin froh, hier all meine bisherige Erfahrung zur Gestaltung einer Institution mit einbringen zu können. Das ist die schönste Aufgabe, die ich mir zum Ende meiner Berufskarriere vorstellen kann.

Mit Jörg Steinbach sprachen
Christian Taubert und
Daniel Schauff