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| 17:24 Uhr

Gesundheit
Zu wenig Hilfe für depressive Mütter

Wenn für Mütter Glücksgefühle ausbleiben und dunkle Wolken aufziehen, brauchen sie möglichst rasch Hilfe. In Brandenburg muss ihre Betreuung verbessert werden.
Wenn für Mütter Glücksgefühle ausbleiben und dunkle Wolken aufziehen, brauchen sie möglichst rasch Hilfe. In Brandenburg muss ihre Betreuung verbessert werden. FOTO: Julian Stratenschulte / dpa
Potsdam. Bei der Betreuung psychisch kranker Menschen hat das Land Brandenburg Nachholbedarf. Defizite gibt es vor allem bei der Betreuung von Müttern, die an einer postnatalen Depression erkranken. Von Benjamin Lassiwe
Benjamin Lassiwe

Es ist die neue Volkskrankheit: In Berlin und Brandenburg werden immer mehr Menschen aufgrund von psychischen Erkrankungen arbeitsunfähig. 15 bis 18 Prozent aller Fehltage von Arbeitnehmern in der Region gehen auf ihr Konto.

So hatte es Anfang des Jahres der „Länderübergreifende Gesundheitsbericht“ des Clusters Gesundheitswirtschaft Berlin-Brandenburg vermeldet. Für die Gesundheitsexpertin von Bündnis 90/Die Grünen im Potsdamer Landtag, die Fraktionsvorsitzende Ursula Nonnemacher, war das Anlass genug, am Dienstagabend zu einem Fachgespräch zu laden. „Was müssen wir ändern? Wo geht die Reise hin?“ wollte die Politikerin, die selbst Ärztin ist, von Experten aus der Praxis wissen. Denn bei der psychiatrischen Versorgung in der Mark scheint es Licht und Schatten zu geben. „Mit 18 Kliniken und 49 Tageskliniken steht Brandenburg im Vergleich zu anderen Bundesländern extrem gut da“, sagte Ulrich Niedermeyer, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der psychiatrischen Fachkliniken in Brandenburg.

Doch gleichzeitig sei Brandenburg das Land mit der geringsten Facharztdichte bei niedergelassenen Psychiatern und der höchsten Fallzahl in den Praxen. Schwierig sei auch die Versorgung durch den sozialpsychiatrischen Dienst der Kommunen: In einigen Landesteilen würden überdurchschnittlich viele Patienten von Notärzten zwangseingewiesen, auch weil es dort an Experten fehle.

„Die Forderung, dass jeder sozialpsychiatrische Dienst einen Psychiater haben muss, wird nicht überall erfüllt“, sagt Niedermeyer. „Das ist etwas, worüber sich die Kommunen Gedanken machen müssen.“ Fehlen würden auch wohnortnahe geschlossene Pflegeheime für chronisch kranke Psychiatriepatienten. Die rund 40 Patienten, bei denen eine solche Unterbringung angeordnet werde, würden „teilweise nach Mecklenburg-Vorpommern oder in den Vorharz verfrachtet.“

Auf ein anderes Problem machte ein im Publikum sitzender Chefarzt einer psychiatrischen Klinik aufmerksam. Wenn eine Mutter nach einer Geburt an postnatalen Depressionen erkrankt und sich zum Beispiel nicht dazu durchringen kann, das eigene Baby anzufassen, gebe es im Land kaum Einrichtungen, in denen das Baby zusammen mit der Mutter aufgenommen werden kann. „Es gibt für die Betreuung des Kindes keinen Cent“, sagte der Mediziner. „Ich kann meiner Geschäftsführung nur in Einzelfällen abringen, dass wir die Betreuung des Kindes mit übernehmen, damit die Mutter die Therapie macht.“

Und Heiko Piekorz, seines Zeichens Betriebsratsvorsitzender am Asklepios-Klinikum in Lübben und Mitglied einer der gesetzlich vorgeschriebenen Besuchskommissionen, die einmal im Jahr alle psychiatrischen Einrichtungen besuchen und die Einhaltung der Rechte der dort Untergebrachten überprüfen sollen, wies auf den eklatanten Personalmangel in der Krankenpflege hin. Für 20 bis 30 Patienten seien mancherorts tagsüber nur zwei und nachts nur ein Pfleger zuständig.

„Die Ökonomisierung des Gesundheitswesens ist in einem rasenden Tempo vorangeschritten“, sagte Piekorz. „Wenn wir uns diesem Thema nicht stellen, werden wir in zehn Jahren niemand mehr finden, der Krankenschwester werden will.“

Brandenburgs Gesundheitsstaatssekretärin Almuth Hartwig-Tiedt (Linke) kündigte an, dass das Brandenburger Psychisch-Kranken-Gesetz demnächst novelliert werden solle. Dabei sollten unter anderem die Patientenrechte gestärkt und gemeindepsychiatrische Verbünde neu aufgebaut werden. Die Defizite etwa bei der Versorgung psychisch kranker Mütter wolle sie sich noch einmal ansehen, sagte die Staatssekretärin. „Wir wissen, dass wir im ambulanten Bereich tatsächlich Versorgungslücken haben.“ Man befinde sich deswegen in ständigen Auseinandersetzungen mit der Kassenärztlichen Vereinigung. Und die Grünen-Abgeordnete Ursula Nonnemacher war schließlich überzeugt davon, dass auf Brandenburgs Politik an dieser Stelle noch einiges an Arbeit wartet. „Das Thema muss sowohl in der Öffentlichkeit als auch im Landtag breiter diskutiert werden“, sagte die Landtagsabgeordnete. „Und der deutlichen Zunahme der psychischen Erkrankungen muss mit mehr Ursachenforschung und Versorgungsangeboten begegnet werden.“