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Prozess
„Das Fluchtauto kam an wie ein Geschoss“

Polizeifahrzeuge sperren die B 87 zwischen den Orten Oegeln und Beeskow in Oder-Spree ab. Den Ermittlern bot sich
am zweiten Tatort ein Bild des Schreckens.
Polizeifahrzeuge sperren die B 87 zwischen den Orten Oegeln und Beeskow in Oder-Spree ab. Den Ermittlern bot sich am zweiten Tatort ein Bild des Schreckens. FOTO: Patrick Pleul / dpa
Frankfurt (Oder). Der Mordprozess gegen einen Mann, der seine Großmutter und zwei Polizisten getötet haben soll, dreht sich derzeit um das Geschehen am zweiten Tatort. Ein Zeuge schildert, dass der Täter mit voller Absicht auf die Männer zugefahren sein soll. Von Anna Ringle

Im Prozess gegen einen jungen Mann, der in Ostbrandenburg seine Großmutter getötet und dann auf der Flucht zwei Polizisten totgefahren haben soll, haben Augenzeugen die Momente vor dem Aufprall geschildert. „Der kam an wie ein Geschoss“, sagte ein Fahrlehrer am Dienstag vor dem Landgericht Frankfurt (Oder).

Dieser war Ende Februar auf der Bundesstraße im Bereich Oegeln (Oder-Spree) mit einer Fahrschülerin unterwegs gewesen, als das Fluchtauto aus der entgegengesetzten Richtung auftauchte. Wie ein Pfeil sei es angekommen, betonte der Zeuge. „Mein ganzes Auto hat gewackelt.“ Im Rückspiegel habe er dann gesehen, wie der Wagen mit „dem vollen Tempo“ und „mit voller Absicht“ auf die Polizisten, die am Straßenrand standen, zugefahren sei. Bremsleuchten habe er nicht gesehen. „Den Knall höre ich heute noch“, sagte der Zeuge.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem 25 Jahre alten Angeklagten vor, seine Großmutter in ihrem Wohnhaus in Müllrose (Oder-Spree) nach einem Streit mit einem Messer getötet zu haben. Danach soll er mit ihrem Auto auf der Flucht vor der Polizei die beiden Beamten überfahren haben. Der Angeklagte soll unter dem Einfluss von Drogen und Psychopharmaka gestanden haben. Die Männer starben sofort. Sie sollten das Fluchtauto mit einem Nagelbrett stoppen. Laut Staatsanwaltschaft war der Angeklagte mit bis zu 160 Stundenkilometern unterwegs.

Am sechsten Verhandlungstag sagten der Fahrlehrer als auch ein Autofahrer übereinstimmend aus, sich nicht erinnern zu können, auf der Straße das Nagelbrett gesehen zu haben, als sie vorbeifuhren. Das Landgericht ließ auch ein Video abspielen, das aus einem Lastwagen stammt und die Momente vor dem Aufprall zeigen soll. Auf diesem sind zwei Polizisten am Kofferraum des Streifenwagens zu sehen. Den Aufnahmen zufolge lag das Nagelbrett zu diesem Zeitpunkt nicht auf der Straße.

Zum Prozessauftakt am 17. Oktober hatte der Beschuldigte geschildert, dass er auf der Fahrt gehupt habe. Fahrlehrer und Fahrschülerin sagten aus, kein Hupen gehört zu haben. Darauf meldete sich der Angeklagte zu Wort und präzisierte, dass sich seine Aussage zum Hupen auf den Stadtverkehr in der Ortslage Beeskow bezogen habe.

Im Prozess hatte der Beschuldigte, der Deutscher ist und auch in dem Haus seiner Großmutter lebte, an früheren Verhandlungstagen den Tattag aus seiner Sicht geschildert.

Seine Mutter, die im Haus nebenan lebte, will im Prozess selbst nicht als Zeugin aussagen. Am Dienstag sprach ein Kriminalbeamter aber über ihre damaligen Aussagen. Dabei habe die Frau niedergeschlagen, aber gefasst gewirkt. In der Vernehmung habe sie ihren Sohn nicht beschuldigt. „Es ging eher darum: Das Geschehene hätte man verhindern können, wenn man reagiert hätte“, sagte der Beamte. Der Angeklagte soll als psychisch auffällig bekannt gewesen sein.

Seit seiner Festnahme ist er in einer Psychiatrie in Brandenburg/Havel untergebracht. Die Staatsanwaltschaft geht von verminderter Schuldfähigkeit aus. Der Prozess wird heute fortgesetzt. Geplant ist, dass zwei Gerichtsmediziner zur Obduktion der beiden Leichen der Polizisten gehört werden.