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Wölfe in Deutschland
Wölfin aus Spremberg lebt mit sechs Hybriden in Thüringen

Ein wildernder Hund 19. März .2016 am Standorttruppenübungsplatz „Gotha-Ohrdruf“ unweit des regelmäßigen Rückzugs- und Nachweisgebietes der „Wölfin von Ohrdruf“.
Ein wildernder Hund 19. März .2016 am Standorttruppenübungsplatz „Gotha-Ohrdruf“ unweit des regelmäßigen Rückzugs- und Nachweisgebietes der „Wölfin von Ohrdruf“. FOTO: Foto: S. Böttner, NABU Thüringen / S. Böttner, NABU Thüringen
Berlin/Jena. Der Ton in der Debatte über den Umgang mit Wölfen ist in den vergangenen Monaten schärfer geworden. Das Bundesamt für Naturschutz pocht jetzt auf mehr Sachlichkeit. In Thüringen bahnt sich indes die Lösung des Falls von sechs Hybriden einer Wölfin aus Spremberg an. Von Frank Hilbert

Trotz einiger Gefahren wie dem Straßenverkehr haben sich die Wölfe in Deutschland weiter vermehrt. Inzwischen sind 60 Rudel nachgewiesen, 13 mehr als vor einem Jahr. Das geht aus Daten des Bundesamts für Naturschutz (BfN) und der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Wolf (DBBW) hervor. 13 Wolfspaare und drei sesshafte Einzelwölfe einberechnet, gehe man von 150 bis 160 erwachsenen Wölfen aus, sagte BfN-Präsidentin Beate Jessel. Vor einem Jahr waren es 140.

Die Zahlen werden in den Bundesländern erhoben und kommen den Angaben zufolge durch überprüfbare Nachweise zustande, zum Beispiel Kot und Spuren der Tiere sowie Aufnahmen aus Fotofallen. Mit dem Betonen der eigenen Methoden stellt sich das BfN erneut auch gegen Aussagen von Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD). Er hatte vergangene Woche eine Zahl von rund 650 Wölfen in den Raum gestellt. Auf politischen Druck hin war die ursprünglich schon vor zwei Wochen geplante BfN-Pressekonferenz zum Wolf auch verschoben worden.

Die „Wölfin von Ohrdruf" – der  Erstnachweis eines Wolfes in Thüringen am Standorttruppenübungsplatz „Gotha-Ohrdruf“ vom 11.Mai 2014.
Die „Wölfin von Ohrdruf" – der Erstnachweis eines Wolfes in Thüringen am Standorttruppenübungsplatz „Gotha-Ohrdruf“ vom 11.Mai 2014. FOTO: S. Böttner, NABU Thüringen

Valide belegen könne Backhaus die Zahl nicht, betonte Jessel. Solche Gesamtzahlen seien für Aussagen zum Erhaltungszustand auch nicht ausschlaggebend – dieser sei beim Wolf weiterhin ungünstig, betonte Jessel. Amtlich werden Rudel, Paare und sesshafte Einzelwölfe erfasst, die für die Fortpflanzung eine Rolle spielen. Wolfswelpen hingegen sterben oftmals früh, zudem sei deren eindeutige Erfassung schwierig. Die Zahl der Wölfe pro Rudel kann stark schwanken, zwischen drei und elf im Schnitt.

Diese beiden Hybriden sind bislang der einzig wissenschaftlich belegte Fall von Hund-Wolf-Mischlingen in Deutschland. Die Tiere wurden 2004 eingefangen, mussten aber später aufgrund von Verletzungen in einem Gehege in Bayern eingeschläfert werden.
Diese beiden Hybriden sind bislang der einzig wissenschaftlich belegte Fall von Hund-Wolf-Mischlingen in Deutschland. Die Tiere wurden 2004 eingefangen, mussten aber später aufgrund von Verletzungen in einem Gehege in Bayern eingeschläfert werden. FOTO: Lupus

Nach den Daten von BfN und DBBW hat sich die Wolfspopulation in einem Band von der Lausitz im Osten bis in den Nordwesten verdichtet. Das Verbreitungsgebiet habe sich aber auch für die Experten überraschend nicht in dem Maße ausgeweitet, wie es die Rudelzahlen vermuten ließen, sagte Jessel. Die meisten Wölfe leben in Brandenburg und Sachsen. Zum Verbreitungsgebiet in sieben Bundesländern zählt im Süden nun auch Bayern.

Bislang sind Straßen die größte Gefahr für die Tiere: Bei 140 von rund 200 tot gefundenen Wölfen seit dem Jahr 2000 waren Unfälle der Grund. Allein im vergangenen Beobachtungszeitraum vom 1. Mai 2016 bis 30. April 2017 wurden laut Angaben fünf Wölfe illegal getötet. Damit ist die Zahl dieser Taten auf 26 seit dem Jahr 2000 gestiegen.

In Deutschland gibt es nach langer Phase der Ausrottung wieder Wölfe, seit im Jahr 2000 ein Paar aus Polen zuwanderte. Heute sind die Tiere streng geschützt. Allerdings wollen viele Nutztierhalter und Jäger die Wildtiere legal abschießen dürfen, vor allem, wenn sie Weidevieh gefährlich werden könnten. Umweltschützer fordern verstärkte Prävention, vor allem durch Elektrozäune oder Herdenschutzhunde. Eine pauschale Bejagung von Wölfen lehnen Tierschützer und das BfN ab.

Jessel betonte, dass Wölfe, die Schafe oder Ziegen reißen, nicht automatisch eine Gefahr für den Menschen seien. „Wir kennen keinen einzigen Angriff auf Menschen seit es wieder Wölfe in Deutschland gibt“, sagte Jessel. Wichtig sei, dass Menschen Wölfe als selbstständige und freie Tiere respektierten und das Anfüttern, zum Beispiel für Fotos, unterlassen. Eine Gewöhnung an den Menschen könne sonst tatsächlich zu gefährlichen Situationen führen. Statt einer Diskussion über eine „Obergrenze“ für Wölfe in Deutschland müsse es darum gehen, wie Tierhaltungen besser geschützt werden könnten, betonte Jessel. Für den Wolf sei in Deutschland noch genügend Platz zur Ausbreitung.

Den hat sich auch im Mai 2014 eine Wölfin aus dem Spremberger Rudel gesucht. Im Alter von ein bis zwei Jahren hatte sie sich über Zwickau, wo sie nachgewiesen wurde, in Richtung Thüringen begeben und ist seitdem dort im Bereich des Bundeswehrübungsplatzes Ohrdruf ansässig, wie von Silvester Tamás, dem Wolfsexperten des Nabu Thüringen auf Nachfrage zu erfahren ist. Daher habe man ihr auch den Namen „Wölfin von Ohrdruf“ gegeben.

Und dort sorgt sie seit geraumer Zeit für Schlagzeilen, denn sie hat sich mit einem freilaufenden Hund verpaart und sechs Mischlingswelpen, Hybriden genannt, zur Welt gebracht. Die Vermischung von Wolf- und Hundegenen halten Experten für eine Gefahr für die Wolfspopulation. Deshalb hatte das DBBW dem Thüringer Umweltministerium ein schnelles Töten der jetzt rund sechs Monate alten Jungtiere empfohlen.

Nach Auffassung des Umweltministeriums müssten die Hybriden nicht unbedingt getötet werden. Sie sollten jedoch aus der Natur entnommen werden. „Diese Entnahmegenehmigung liegt jetzt vor“, sagt Tamás. Jetzt gehe es darum, anhand von Kamerabildern und Spuren den genauen Standort der Wölfe ausfindig zu machen. Bis Ende Dezember soll der Fang der Tiere mittels Spezialfallen – Tellereisen mit Kunststoffpolstern an den Bügeln – realisiert sein.

„Die gefangenen Jungwölfe sollen dann im Bärenpark Worbis untergebracht werden“, kündigt Tamás an. Sollten nicht alle Hybriden gefangen werden können, werde wohl die „letale Entnahme“, also der Abschuss, erfolgen müssen. Bei dem ganzen Prozedere hofft der Wolfsexperte, dass es auch gelingt, die Wölfin zu fangen, um sie mit einem GPS-Sender auszustatten.

Deren Vater mit der amtlichen Bezeichnung MT 2 (Karl) wurde 2008 im Nochtener Rudel geboren und im März 2009 als erster Wolf im Rahmen der vom Bundesamt für Naturschutz beauftragten „Pilotstudie zur Abwanderung und zur Ausbreitung von Wölfen in Deutschland“ durch die Biologinnen von Lupus mit einem Sendehalsband ausgestattet, ist aus dem Kontaktbüro „Wölfe in Sachsen“ zu erfahren. Karl ist inzwischen im Wolfs-Himmel – Ende März 2015 wurde er in seinem Revier tot aufgefunden. Die Obduktion des Kadavers ergab, dass er infolge einer Entzündung im Bauchraum gestorben ist, die durch die Perforation des Darmes durch ein großes, scharfkantiges Knochenstück entstanden war.

In Thüringen trat übrigens nicht der erste Fall von Hybriden-Nachwuchs auf. „Im Jahr 2003 hatte sich die Neustädter Wölfin „Sunny“ mit einem Hund gepaart. Anfang 2004 konnten zwei der vier bis dahin überlebenden Hybrid-Welpen eingefangen werden“, sagt Sophia Liehn vom sächsischen Kontaktbüro. Diese beiden wurden in ein Gehege im Bayrischen Wald gebracht, wo sie jedoch innerhalb des folgenden Jahres aufgrund von dort erlittenen Verletzungen eingeschläfert werden mussten. Die sächsischen Wolfsforscher gehen davon aus, dass die beiden anderen Hybriden nicht mehr leben, da sie seit Januar 2004 nicht mehr gesehen und auch genetisch nicht mehr nachgewiesen wurden. Laut Tamás sei dies bislang der einzig wissenschaftlich belegte Fall von Hund-Wolf-Mischlingen in Deutschland.

Was den Vater der sechs Hybriden in Thüringen anbelangt, so weiß Silvester Tamás von drei streunenden Hunden. Zwei konnten Besitzern zugeordnet werden – beide Hunde sind sterilisiert. Als Erzeuger infrage kommen könnte indes ein schwarzer Labrador-Mix, der seit Anfang 2016 in der Region umherwildert, was durch Fotofallen-Aufnahmen belegt sei. (mit dpa)