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Wo die Bäume laufen können

Friedrichswalde. Einst war sie vor allem auf dem Land verbreitet – Fußbekleidung aus Holz. Ihre Fertigung war weit verbreitet, ist inzwischen aber fast vergessen. In Friedrichswalde ist man stolz auf das Handwerk und feiert alljährlich den Holzschuhmachertag. Jeanette Bederke

Die einstige Pfarrhofscheune von Friedrichswalde (Barnim) duftet intensiv nach frischem Holz. Hier stehen altertümliche, gusseiserne Maschinen, auf dem Boden liegen jede Menge Späne, dazwischen hölzerne, nach vorn spitz zulaufende Schuhe, wie sie eigentlich aus Holland bekannt sind. Doch auch in der Schorfheide gibt es eine Holzschuhmacher-Tradition, einst galt das 1748 von Preußenkönig Friedrich II. begründete Kolonistendorf als einer der wichtigsten Orte dieser fast vergessenen Handwerkskunst in Deutschland.

Bis in die 50er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts wurde das aus einem Stück gefertigte, preiswerte Schuhwerk der Landbevölkerung in dem Ort sogar industriell gefertigt. Zwar ist diese Tradition zu DDR-Zeiten in Vergessenheit geraten, lebt seit einigen Jahren dank eines aktiven Heimatvereins aber wieder auf. Der Verein wirbt selbstbewusst mit dem Slogan "Wo Bäume laufen können" und veranstaltet am 12. August den nunmehr 9. Holzschuhmachertag in Friedrichswalde. Mit Spielen und Tanz rings um das einst praktische Schuhwerk wird daran erinnert, dass die ersten Kolonistenfamilien einst aus der Pfalz und Rheinhessen kamen, einige von ihnen mit flämischen Wurzeln und den Fertigkeiten des Holzschuhschnitzens.

"Pfälzer Erbe" nennt sich so auch der Heimatverein, der vor zehn Jahren damit begonnen hat, eine Schauwerkstatt für das aussterbende alte Handwerk aufzubauen. "Es wird nicht mehr ausgebildet. Holzschuhmacher gibt es nur noch einige wenige im Münsterland", erzählt der Friedrichswalder Bürgermeister Bernhard Ströbele (parteilos). Es sei deshalb für die Friedrichswalder mühsam gewesen, sich das vergessene Wissen wieder anzueignen. "Die Werkzeuge waren ja noch da, aber wie sie benutzt wurden, wusste hier keiner mehr."

Ein guter Holzschuhmacher schaffte den Überlieferungen nach per Hand mit Löffel- oder Kreuzbohrer sowie Putzhaken maximal drei Paar Schuhe pro Tag. Jede zweite Familie in Friedrichswalde schnitzte einst Holzschuhe, wie die Vereinsvorsitzende Ute Schulz recherchiert hat. Das Fußkleid aus Holz sei aufgrund der ausgearbeiteten Sohle der erste orthopädische Schuh gewesen, luftdurchlässig und gesund.

Dabei habe das Holzschuhmachen im 18. Jahrhundert in Preußen unter Strafe gestanden, der Alte Fritz persönlich hatte es verboten, erfuhr Schulz aus alten Dokumenten. Ungeachtet dessen nutzten die Friedrichswalder weiche Hölzer wie Pappel, Weide, Erle oder Linde aus der benachbarten Schorfheide für das robuste Schuhwerk. "Wir sind bis heute Pfälzer geblieben, etwas stur, aber auch pfiffig und schaffensfreudig", meint der Bürgermeister, merklich stolz darauf, "mütterlicherseits" direkter Nachfahre einer der Kolonistenfamilien zu sein. Erst 1934, so haben die Friedrichswalder recherchiert, war das Holzschuhmachen als Handwerk anerkannt worden. "Der offizielle Lehrfilm dazu war ein Jahr später hier bei uns im Ort gedreht worden", erzählt Ströbele.

Holzschuhe seien in der Uckermark, der Schorfheide und im Oderbruch bis in die 1960er-Jahre weit verbreitet gewesen, bestätigt Regionalhistoriker Reinhard Schmook, Leiter des Oderlandmuseums in Bad Freienwalde. "Kaum jemand besaß damals teure Lederschuhe. Hölzerne Alternativen trug man auf dem Feld, beim Fischen, in der Schule, im Winter zusätzlich mit Stroh ausgestopft oder mit Rosshaarsocken."

Holzschuhmacher habe es auf den Dörfern überall gegeben, nicht nur in Friedrichswalde, erläutert Schmook. Die Fabrik hingegen sei schon etwas Besonderes gewesen. Möglicherweise stammten aus dem Betrieb auch jene hölzernen Arbeitsschuhe, die in der DDR bis in die 1980er-Jahre hinein in der Stahl- und Chemieindustrie getragen wurden.

"Was die Friedrichswalder ausmacht, ist das Bewahren dieses alten Handwerks, das ansonsten wie viele andere Zünfte ausstirbt", lobt Schmook. Das gelte es zu verhindern, meint das Dorfoberhaupt und verweist auf das Ortswappen, in dem natürlich ein Holzschuh dargestellt ist. Die in der Friedrichswalder Schauwerkstatt stehenden Maschinen, Baujahr 1928, hatten seinerzeit die schwere Handarbeit ersetzt. "Binnen viereinhalb Minuten war ein Holzschuh-Paar fertig", sagt Ströbele und tritt sogleich den Beweis an. Um den Tragekomfort zu erhöhen, wurde das Holz am Spann später durch Leder ersetzt. In dieser Variante gibt es die Friedrichswalder Holzschuhe heute wieder, für 20 Euro je Paar.