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| 19:26 Uhr

„Schule des Gewissens“
Verantwortung und Versöhnung

Rohre liegen auf der Baustelle des Turms der Potsdamer Garnisonkirche.
Rohre liegen auf der Baustelle des Turms der Potsdamer Garnisonkirche. FOTO: dpa / Bernd Settnik
Potsdam. Wissenschaftler sollen Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche begleiten. Von Benjamin Lassiwe

Auf der Baustelle der Potsdamer Garnisonkirche ruhten am Freitag die Arbeiten. Die 38 Gründungspfähle für den mehr als 80 Meter hohen Kirchturm sind rund 38 Meter tief im Boden, als Nächstes beginnt der Erdaushub. Doch die Pläne für das Potsdamer Großprojekt sind gestern trotzdem einen großen Schritt vorangekommen: Denn der Vorsitzende des Kuratoriums der Stiftung Garnisonkirche, der frühere EKD-Ratsvorsitzende und Bischof Wolfgang Huber, und seine Stellvertreterin, die Präses der Synode der EKD und ehemalige Bundesbauministerin Irmgard Schwaetzer, stellten den wissenschaftlichen Beirat vor, der im Herbst erstmals zusammentritt und das Projekt künftig begleiten soll.

„Uns ist wichtig, dass der Turm nicht nur äußerlich aufgebaut wird, sondern gleichzeitig das inhaltliche Konzept für diesen Ort weiterentwickelt und profiliert wird“, sagte Huber. Im Zentrum solle ein Dreiklang stehen: „Geschichte erinnern, Verantwortung lernen, Versöhnung leben“, so Huber. „Es geht um die ambivalente Geschichte des Ortes, um die Folgen, die wir daraus ziehen wollen und um Versöhnung auch im Blick auf die Herausforderungen, die wir heute haben.“ Dazu zähle beispielsweise die aktuelle Flüchtlingssituation. Fast noch größer waren die Erwartungen, die Irmgard Schwaetzer an das Gremium hatte. Denn keine „noch so engagierte, noch so gut begründete Arbeit“ könne aus ihrer Sicht die kritische Reflexion eines Beirates ersetzen. „Ich erwarte von dem Beirat, dass auch Bestehendes noch einmal quergebürstet und auf Validität und Tragfähigkeit befragt wird“, sagte Schwaetzer. „Dass neue Ideen generiert werden und dass die Garnisonkirche ein Lernort wird, an dem so etwas wie eine Schule des Gewissens etabliert werden kann.“

Vorsitzender des neunköpfigen Gremiums, zu dessen Mitgliedern unter anderen der Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Axel Drecoll und der Göttinger Theologe Christian Polke zählen, wird der Berliner Historiker Paul Nolte. Er nannte die Garnisonkirche eine „Chiffre für die deutsche Geschichte“ sowie eine „Chiffre für den Blick auf die preußische Geschichte, ohne die Weichzeichner, die wir da manchmal haben.“ Preußen sei nicht nur das Kulturerbe, das in zunehmendem Maße restauriert und neugestaltet genossen werden könne. Die preußische Geschichte habe auch Ecken und Kanten, etwa den Militarismus, die Aufklärung oder das Bündnis von Thron und Altar. Der Turm der Garnisonkirche könne ein Erinnerungsort für jene Ecken und Kanten werden, der in Deutschland bislang fehlt.