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| 01:39 Uhr

Windradgegner streiten in Groß Leine mit Minister

Auf Protest-Plakaten sagen die Gegner, was sie von Windenergieanlagen halten. Foto: Taubert
Auf Protest-Plakaten sagen die Gegner, was sie von Windenergieanlagen halten. Foto: Taubert FOTO: Taubert
Groß Leine. Draußen stürmt es am Freitagabend in Groß Leine. Und dennoch stehen viele Windräder auch hier im Dahme-Spreewald-Kreis still. So viel Strom halten die Netze nicht aus. Die Windmühlen werden abgeschaltet. Das Land Brandenburg aber will bis 2020 die installierte Windkraft-Leistung fast verdoppeln. Von Christian Taubert

Die gut 300 Besucher in der Gaststätte "Zur Kastanie" verstehen diesen Widerspruch schon lange nicht mehr. Sie gehören den 25 Bürgerinitiativen von der Uckermark bis zur Lausitz an, die sich in der "Volksinitiative gegen Windräder" zusammengeschlossen haben. Was Wirtschaftsminister Ralf Christoffers an diesem Abend erwartet, kann er auf Transparenten vor dem Gasthof lesen: "Windenergie ist nicht speicherbar, nicht konstant effektiv", "Windenergie macht krank", "Über 3000 Windanlagen in Brandenburg - Rettet unser Land".

Wo kommt der Strom her?

Drinnen, wo Christoffers seine Kabinettskollegin Anita Tack (Umwelt/beide Linke) vertritt, ist die Stimmung aufgeheizt. "Die drückt sich" schallt es aus dem Saal. Dennoch hören auch die mit roten T-Shirts gekleideten Mitglieder der Bürgerinitiativen dem Minister zu, als der die Energiepolitik des Landes erläutert. Später, in der Diskussion, wird klar, dass weder die von Christoffers angekündigte Überarbeitung der Energiestrategie des Landes, noch der Verweis auf die gesellschaftliche Neubewertung der Energieversorgung nach der Atomkatastrophe von Fukushima die angestaute Verärgerung im Saal kanalisieren können. Es hilft auch nicht, dass der Linke-Politiker auf Widerstände gegen Fotovoltaik und Braunkohle, gegen neue Starkstromkabel oder gegen Biomasse verweist und sagt: "Irgendwoher muss die Energie aber kommen. Und techologischer Fortschritt kann auch Belastungen mit sich bringen". An diesem Abend bekommt Christoffers den Frust gegen die Landesregierung in Sachen Windkraft ab.

"Wir sind nicht gegen Windenergie. Aber ohne die Bürger vor Ort darf es keine neuen Windräder geben", fordert der Chef der Volksinitiative Thomas Jacob. Das dies dennoch passiere, ohne dass Landesbehörden eingreifen würden, schildert Olaf Beyer aus Lüdendorf. Die zur Stadt Treuenbritzen (Potsdam-Mittelmark) gehörende Gemeinde, vor deren Toren sich bereits 87 Windräder drehen, soll jetzt noch einmal elf Mühlen (200 Meter hoch) dazu bekommen. 95 Prozent der Lüdendorfer seien zwar dagegen, "aber das Stadtparlament ignoriert diese Ablehnung".

Der Bürgerinitiative aus Hohenbucko (Elbe-Elster) sei nur der Klageweg gegen das Landesumweltamt geblieben, "weil man uns zugesichert hatte, dass es keine Windräder in Wohnortnähe geben wird". Wie ein Sprecher dem Minister schildert, habe man sich vom Amt "verschaukelt" gefühlt, da sich der Standort jetzt nur 600 bis 800 Meter von der Wohnbebauung entfernt befinde. Der Landtag hat sich auf 1000 Meter verständigt.

Verlorenes Heimatgefühl

"Man verliert hier das Heimatgefühl", meldet sich eine Frau aus dem Norden Berlins zu Wort. "Die Investoren fallen über uns her, weil sie in Brandenburg am meisten Rendite machen können." Die störe es nicht, dass die Nauener Platte vor lauter Verspargelung bald nicht mehr zu erkennen sein wird. Und Christoffers muss zur Kenntnis nehmen, dass die Lärmrichtlinie des Bundes einst für kleine Windräder mit gerade mal 15 KW Leistung ausgelegt worden sei. Heute, schildert eine zierliche Mittfünfzigerin im roten T-Shirt, werden Windmühlen so hoch wie der Berliner Fernsehturm und tausendfach größerer Leistung errichtet - die Lärmschutzwerte seien aber nicht verändert worden. Der Lüdendorfer Olaf Beyer fügt hinzu: "Der Infraschall führt zu Herzrasen, Bluthochdruck, Schlafstörungen und Tinitus - fragen Sie die Leute vor Ort."

"Es gibt keinen Grund, alternative Energien in einem Ausmaß auszubauen, dass ganze Dörfer darunter leiden und das Leben dort nicht mehr auszuhalten ist", wendet sich Thomas Jacob an den Minister. Die Volksinitiative fordert deshalb, 2000 Meter Abstand zu Windrädern durchzusetzen. Und, den Ausbau der Windkraft im Land zu stoppen. "Und zwar solange, bis die Speicherung von Windenergie technologisch gelöst ist." Als "Kronzeugen" dafür hat sich die Volksinitiative Michael Limburg eingeladen. Die Thesen des Vizepräsidenten des Europäischen Institutes für Klima und Energie finden reichlich Zustimmung im Saal: Er spricht davon, dass "weder Klimawandel noch Ressourcenknappheit zum Handeln zwingen". Es sei auch nicht nachweisbar, dass Kohlendioxid einen Temperaturanstieg auf der Erde hervorrufe. Beifall und heftiges Kopfnicken lösen die Schlussfolgerungen des Institutes aus, dass "ohne Gas- oder Pumpspeicherwerke zur Energie-Speicherung Wind- und Solarenergie sinnlos ist". Limburg fügt hinzu: "Um zehn Tage Windstille in Deutschland zu überbrücken, braucht man 1500 Pumpspeicherwerke."

Anhörung im Landtag

Minister Christoffers reagiert auf den Wissenschaftler mit nur einem Satz: "Ich vertrete nicht ihre Meinung und halte Klimaschutzziele nicht für eine Manipulation der Bevölkerung." Aber Christoffers bemüht sich gegen die nicht enden wollenden Fragen, Meinungen und Vorwürfe, in die sich auch der energiepolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion Steeven Breetz einreiht ("Die Linke ist in der Energiepolitik zerstritten.") anzukämpfen. Dafür muss er nach Zwischenrufen aus dem Saal auch energisch werden: "Einmal werde ich als Vattenfall-Lobbyist beschimpft, bei Ihnen als Gehilfe der Windkraft-Mafia. Ich sage es deutlich: Ich bin weder gekauft, noch lasse ich mich kaufen."

Christoffers bietet vielmehr an, sich für eine große Anhörung zur Windkraft im Landtag einzusetzen. Vor dem Hintergrund des Energie-Gipfels der Bundeskanzlerin mit den Ministerpräsidenten der Länder am 15. April erklärt er, dass er sich neue Leitlinien in der Energiepolitik erhoffe. Die Volksinitiative schlägt einen Runden Tisch vor. "Windräder dürfen nicht mehr gegen den Willen der Bevölkerung durchgesetzt werden", betont Jacob. Er fügt hinzu, dass der zweite Schritt (Errichten von Windrädern) nicht länger vor dem ersten Schritt (Netzausbau) erfolgen dürfe. Sonst müssen bei Sturm auch künftig die Windmühlen vom Netz.