ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 14:02 Uhr

Windhundrennen und Angstdebatten

Spremberg. Planlosigkeit, Angst und Panik sind denkbar schlechte Ratgeber, wenn es um Strategien für die Zukunft geht. Aber genau das sind die Gefühle, die derzeit viele Zukunftsdebatten in der Lausitz bestimmen. Auch bei einem Unternehmerfrühstück in Spremberg waren sie zu spüren. Christian Taubert

Eine Angst geht um in der Lausitz, die Angst vor dem nahenden Ende des Braunkohle-Zeitalters. Regelrecht zu greifen waren jene Befürchtungen, die mit der Abkehr von fossilen Brennstoffen im Süden Brandenburgs verbunden sind, erneut bei einem Treffen von Mittelständlern in Spremberg. Sie verkaufen Autos und Dienstleistungen, betreiben Gaststätten und bauen Häuser. Wer einigen von ihnen zuhört, spürt regelrecht die Panik vor einer ungewissen Zukunft, die ihnen tief in den Knochen steckt. Der Unternehmerverband Brandenburg-Berlin (UVBB) hatte die Mittelständler zu einem informativen Arbeitsfrühstück eingeladen. Und der Einladung gefolgt waren nicht nur die Firmenchefs und -inhaber, sondern auch Ulrich Freese. Der sozialdemokratische Bundestagsabgeordnete sollte über seine Visionen für einen unausweichlichen Strukturwandel in der Lausitz reden. Gute Nachrichten sollte Freese bringen für die wirtschaftlichen Perspektiven des Landstrichs zwischen Neiße und Elbe.

Heimspiel für Freese

Denn Unsicherheit ist derzeit das bestimmende Gefühl, wenn gerade kleine Mittelständler an die Zukunft denken. Da sind eben nicht nur die Unwägbarkeiten, die mit dem Verkauf der Tagebaue und Kraftwerke durch Vattenfall wie Mehltau über der Lausitz liegen. Da ist vor allem auch der angekündigte komplette Braunkohleausstieg durch die Bundesregierung. Wie soll es weitergehen in einer Region, die bisher so auf Gedeih und Verderb an der Kohle hängt?

Ein Heimspiel für Ulrich Freese, den langjährigen IG BCE-Gewerkschaftsfunktionär und Kohlelobbyisten. Er ist davon überzeugt, dass die Kraftwerke und Tagebaue in der Lausitz noch für 20 Jahre gesichert sind. "Wir werden noch weiter fossile Kraftwerke brauchen, um die Netzstabilität in Deutschland gewährleisten zu können", gab sich Freese vor den Spremberger Unternehmern einmal mehr optimistisch in Sachen Kohle.

Trotzdem weiß der Politiker, der seit 25 Jahren in Spremberg wohnt, dass sich die wirtschaftliche Struktur in der Lausitz mittelfristig verändern wird. "Aber dieser Strukturwandel beginnt nicht heute", sagt Ulrich Freese. In Südbrandenburg habe er bereits vor 25 Jahren begonnen, als hierzulande die Industrie "Schwindsucht" bekam. "Wir stecken mitten drin im Strukturwandel." Für Freese ist daher die viel dringendere Frage, wie die kommenden Veränderungen gemanagt werden sollen. Da sieht der Politiker eher "Unordnung": "Nicht nur der eigene Kirchturm ist zu sehen, sondern die gemeinsame Lausitzer Kirchturmspitze", fordert Freese.

Und damit tritt er in Spremberg seinen Gastgebern einigermaßen uncharmant auf die Füße. Denn es ist gerade der UVBB, der seit Monaten hinter den Kulissen und auf offener Bühne dafür wirbt, noch einen neuen Verein oder eine Gesellschaft zu gründen, die den Wandel in Südbrandenburg und Nordostsachsen führt. "Das ist wieder so ein Windhundrennen", schimpft Freese unverhohlen.

Reinhard Schulze, der Repräsentant des UVBB in der Cottbuser Region, beeilt sich daher vor den Spremberger Unternehmern klarzustellen: "Uns geht es gerade um die Bündelung der Kräfte. Da ist doch bisher viel zu wenig passiert." Tatsächlich arbeiten Initiativen wie die Wirtschaftsinitiative Lausitz, die Energieregion und andere bisher mit voller Kraft und Engagement nebeneinander her.

Festgestellt hat das auch Rainer Schubert. Der Chef der Wirtschaftsförderung im Landkreis Spree-Neiße agiert seit diesem Jahr in Forst. "Das scheint hier eine Krankheit zu sein und bindet viel zu viele Kräfte", sagte Schubert am Spremberger Frühstückstisch. Die Lausitz sei doch keine "Notstandsregion". Es müsse darum gehen, künftig gemeinsam zu handeln. Die Unternehmer hier dürften keinen Hirngespinsten über Neuansiedlungen mit Tausenden neuen Arbeitskräften nachhängen. "Wir müssen es schaffen, zuerst einmal den Bestand an Wirtschaftsunternehmen zu halten und schrittweise auszubauen", ist Rainer Schubert überzeugt.

Absichtserklärung unterzeichnet

Die Debatte beim Spremberger Unternehmerfrühstück ist beispielhaft für viele Diskussionen, die auch von "Lausitz 2030" angeschoben, aber bisher nur mit mäßigen Ergebnissen im Süden Brandenburgs geführt worden sind. Hoffnungen auf die Verbesserung der Lage macht seit Kurzem eine Absichtserklärung. Unterschrieben haben sie Anfang Oktober die Repräsentanten von Industrie- und Handelskammer sowie der Handwerkskammer Cottbus, der Vereinigung der Unternehmerverbände Berlin und Brandenburg (UVB), der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg und der Wirtschaftsinitiative Lausitz (WIL). Unterstützt werden die starken Akteure vom Brandenburger Wirtschaftsministerium. Gemeinsam bringen sie auch finanziell ordentlich "Gewicht auf die Waage", um ernstzunehmende Strategien für den Strukturwandel in der Lausitz auch tatsächlich umsetzen zu können. Dazu wollen die Akteure möglichst noch im Dezember eine Innovationsregion GmbH gründen. So steht es in ihrer Absichtserklärung.

Reinhard Schulze und sein UVBB sitzen nicht unmittelbar mit am "Tisch", seine Konkurrenten vom stärkeren UVB haben den Vorrang erhalten. Schulze wäre zufrieden, wenn der große Wurf gegen die Angst in der Lausitz diesmal doch gelingen könnte. Gleichzeitig bleibt er skeptisch: "Ich hoffe nur, dass die Mühlen der Gremienbürokratie nicht alle Ideen wieder zermahlen."