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| 18:07 Uhr

Interview mit Carsten Leßner
Die Verantwortung der Jäger beim Kampf gegen die Schweinepest

 Wildschweine vermehren sich in Brandenburgs  Wäldern rasant. Auch wenn es keine Bedrohung durch die Afrikanische Schweinepest geben würde – die Schwarzkittel müssen dezimiert werden.
Wildschweine vermehren sich in Brandenburgs  Wäldern rasant. Auch wenn es keine Bedrohung durch die Afrikanische Schweinepest geben würde – die Schwarzkittel müssen dezimiert werden. FOTO: dpa / Gregor Fischer
Cottbus/Potsdam. Als Prävention gegen die Afrikanische Schweinepest schießen Jäger in Brandenburg so viele Wildschweine wie noch nie. Aber können sie es schaffen, die Bestände wirklich langfristig niedrig zu halten? Von Verena Ufer

Die Afrikanische Schweinepest scheint unaufhaltbar. In Belgien und Polen gibt es neue Fälle relativ nah der deutschen Grenzen. Es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, dass die Seuche hierzulande ankommt. Und würde sie auch nur bei einem Hausschwein festgestellt, müsste der Export von Schweinefleisch aus Deutschland eingestellt werden, was mit gigantischen wirtschaftlichen Schäden verbunden wäre. Von dieser Sorge getrieben, werden keinesfalls nur Bauern nicht müde, zu fordern, dass noch mehr und noch mehr Wildschweine getötet werden sollen, um im Fall der Fälle das Risiko einer Weiterverbreitung des Virus’ zu minimieren. Die RUNDSCHAU sprach mit Carsten Leßner, im Brandenburger Fachministerium zuständig für den Landesforst und die Oberste Jagdbehörde, und selbst Jäger über Methoden der Wildschweinjagd sowie über Aufgaben und Verantwortung der Jäger.

Herr Leßner, weniger Wildschweine weniger Ansteckungsgefahr – das leuchtet ein! Aber ist die Bestandsdezimierung durch intensive Bejagung ausreichend leistbar? Drückjagden sind mit erheblichem Aufwand verbunden, organisatorisch und zeitlich. Und vermehren sich Wildschweinbestände aufgrund für sie optimaler Lebensbedingungen nicht sehr viel schneller als sie reduziert werden können?

 Der promovierte Diplomforstwirt Carsten Leßner (51) ist Referatsleiter im Ministerium für Ländliche Entwicklung, Umwelt und Landwirtschaft des Landes Brandenburg. Seit vielen Jahren ist er selbst Jäger und Hundeführer und kennt daher das Schwarzwild-Problem im Land bestens aus eigenem Erleben.
Der promovierte Diplomforstwirt Carsten Leßner (51) ist Referatsleiter im Ministerium für Ländliche Entwicklung, Umwelt und Landwirtschaft des Landes Brandenburg. Seit vielen Jahren ist er selbst Jäger und Hundeführer und kennt daher das Schwarzwild-Problem im Land bestens aus eigenem Erleben. FOTO: Carsten Leßner / privat

Leßner Ich bin schon der Meinung, dass man mit jagdlichen Mitteln die Population einschränken kann. Ja, der Aufwand ist sicherlich immens. Es gibt neben der Drückjagd aber auch noch andere Methoden. Wir genehmigen derzeit fast täglich sogenannte Saufänge. Das sind Lebendfallen, in denen versucht wird, eine ganze Rotte, sprich die Bache mit ihren Jungtieren gemeinsam zu fangen, um sie dann darin zu töten.

Es ist oft zu hören, dass Jäger Probleme mit dem Abschuss von Tieren in diesen Fallen haben.

 Als sehr effektiv erweisen sich „Saufänge“, in denen ganze Schweinefamilien gefangen und anschließend getötet werden können. Sie sind bei Jägern durchaus umstritten.
Als sehr effektiv erweisen sich „Saufänge“, in denen ganze Schweinefamilien gefangen und anschließend getötet werden können. Sie sind bei Jägern durchaus umstritten. FOTO: MLUL

Leßner Ich habe das auch schon gehört und kann es nicht verstehen. Diese Fangmethode ist von Spezialisten geprüft worden. Auch Tierschützer sind mit einbezogen worden. Die Gefahr, dass einem Tier ein Leid zufügt wird, indem man es auf der Jagd anschießt und verletzt, ist um ein Vielfaches höher, als wenn die Tiere in der Falle getötet werden.

Trotzdem, das ist keine so schöne Vorstellung...

 Revierjäger halten Wald und Flur im Gleichgewicht. In Brandenburg und benachbarten Bundesländern gehört massive Reduzierung der Schwarzwildbestände dazu – weil die Tiere enormen Schaden anrichten und als Profilaxe gegen die Afrikanusche Schweinepest.
Revierjäger halten Wald und Flur im Gleichgewicht. In Brandenburg und benachbarten Bundesländern gehört massive Reduzierung der Schwarzwildbestände dazu – weil die Tiere enormen Schaden anrichten und als Profilaxe gegen die Afrikanusche Schweinepest. FOTO: dpa-tmn / Markus Hibbeler

Leßner Mag sein. Aber Jäger sind von der Gesellschaft legitimiert, Waffen zu tragen. Deshalb sind sie aber auch in der Pflicht, diese Aufgabe zu erfüllen. Auch wenn das nicht alles Spaß macht. Ein Jäger trägt viel Verantwortung, wenn er ein Revier pachtet. Und zu seinen Aufgaben gehört momentan auch die tierschutzgerechte Reduktion des Wildschweinbestandes dazu, die auch der Schweinepest-Prävention dient. Andere Tiere, Füchse zum Beispiel, werden auch in Fallen gefangen. Darüber regt sich keiner auf.

Wie viele dieser mobilen Wildschweinfallen sind denn im Einsatz?

Leßner In 39 Revieren werden derzeit solche Saufänge betrieben. Dazu kommen vermehrt Ansitzjagden an Kirrungen – das heißt, es darf Lockfutter ausgelegt werden. Außerdem dürfen Taschenlampen bei dieser Jagd zum Einsatz kommen.

Das intensive Bejagen kann jedoch nicht das Auftreten der Seuche verhindern.

Leßner Das zwar nicht. Aber in dem Moment, in dem es einen Infektionsfall gibt, ist jedes Tier, was wir vorher erlegt und zudem dem menschlichen Verzehr zugeführt haben, ein sinnvoll geschossenes Wildschwein. Der wirkliche, der große Aufwand kommt erst, wenn die ASP ausgebrochen ist. Denn dann gilt es, alle verendeten Schweine zu finden, zu entsorgen und, und und... Denn das Virus bleibt ja viele, viele Monate ansteckend. Wenn der Ernstfall eintritt, ist das eine volkwirtschaftliche Katastrophe.

Die Jäger dürfen also nicht nachlassen...

Leßner Ja, so ist es. Im Winter spielt uns an manchen Tagen das Wetter in die Hände. Wenn etwas Schnee liegt, können Jäger auch die Nächte über durchsitzen und müssen nicht auf den Mond warten. Man sieht, ob die Bache schon Frischlinge hat oder nicht. Denn dann kann auch die Bache geschossen werden. Muttertierschutz geht natürlich vor. Solange die Bache die Frischlinge säugt, ist sie tabu. Aber es müssen natürlich die Zuwachsträger, wie die Bachen im Jägerjargon heißen, geschossen werden. Denn sonst wird die Population mit vielen Frischlingen angeheizt

Ist es richtig, dass sich ein Schwarzwildbestand aufgrund innerhalb eines Jahres glatt verdreifachen kann?

Leßner 300 Prozent, genau. Schwarzwild hat so eine Populationsdynamik. Denn eine Bache bekommt bis zu zehn Frischlinge. Und wenn der Ernährungszustand der Frischlinge des Vorjahres sehr gut ist – wir sagen, wenn sie 20 Kilogramm wiegen – dann können selbst diese Jungtiere, die noch kein Jahr alt sind, schon wieder Nachwuchs bekommen. Daher die hohe Rate.

Schwarzwild muss also auch unabhängig von der Schweinepest, reduziert werden?

Leßner Auf jeden Fall. In Brandenburg und einigen Nachbarländern sind die Bestände in den vergangenen Jahren aufgrund des guten Nahrungsangebotes in der Landwirtschaft so explodiert, dass sie reduziert werden müssen. Sie richten enorme Schäden auf Feldern und an Deichen an und verursachen immer mehr schwere Verkehrsunfälle. Denken Sie an die Bilder von Kleinmachnow und Stahnsdorf, wo Wildschweinrotten mitten durch die Ortschaft rennen. Das geht gar nicht! Da müssen die Jäger noch konsequenter rangehen. . .

Es bleiben die großen Maisfelder, die ganz entscheidend zum Anwachsen der Population beitragen.

Leßner Wir werden es kaum schaffen, die Landwirte von kleineren Flächen zu überzeugen. Aber es müssen künftig standardmäßig Schneisen in die Felder gemäht werden, in denen gejagt werden kann. Was rechtliche Regelungen angeht, haben wir derzeit alle Bremsen bei der Wildschweinjagd herausgenommen. Das Land zahlt zudem Prämien, wenn Jäger mehr Wildschweine schießen als im Vorjahr.

Wie viele Wildschweine wurden 2018 erlegt?

Leßner Das Jagdjahr geht immer bis Ende März. Daher wurden im Jahr 2017/18 insgesamt 90 000 Wildschweine geschossen – so viele wie noch nie zuvor. Auf diese Zahl werden wir dieses Jahr wohl nicht kommen. Ein Zeichen, dass die Population schon etwas weniger dicht geworden ist. Wir müssen die Jäger weiter motivieren, Schwarzwild zu jagen. Da gehört natürlich auch das Thema Wildfleisch-Verwertung dazu.

Wie meinen Sie das?

Leßner Wenn der Wildfleischmarkt zusammenbrechen würde, wäre das ein echtes Problem. Kein Jäger ist gewillt, ein Wildschwein zu schießen, wenn er es dann entsorgen muss.

90 000 Wildschweine, sind eine Menge Fleisch. Wird tatsächlich alles aufgegessen?

Leßner Alles wird verarbeitet. Und es lässt sich sehr gut vermarkten! Wir machen ja auch viel Werbung für das Fleisch, weil es ein gutes natürliches Produkt ist.

Wie viel Geld bekommt ein Jäger für ein Kilo Wildschweinfleisch?

Leßner Bei einem Euro bis 1,50 Euro pro Kilo Wildschwein mit Schwarte und Knochen.

Das ist so viel nicht.

Leßner Ja, drei Euro wären sicher schöner. Aber entscheidend ist, dass es verwertet werden kann. Und viele Jäger verkaufen das Fleisch nicht in der Schwarte, sondern vermarkten selber Edelfleisch. Indem sie Gulasch anbieten und Wurst herstellen. Oder sie arbeiten mit kleinen Schlachtereien zusammen, dann ist die Wertschöpfung höher. Es gibt jedenfalls kein Problem, das Fleisch zu verkaufen, sodass etwa die arme Familie des Jägers nur noch Wildschweinfleisch essen muss. (lacht)

Alle hoffen, dass Deutschland weiter von der Schweinepest verschont bleibt. Wobei das fast ein Wunder wäre, denn sie rückt weiter vor.

Leßner Leider. Auch Belgien bekommt die Seuche nicht richtig in den Griff. In Polen gab es vor Weihnachten 100 neue Ausbruchfälle in Wildschweinbeständen. Die Seuche rückt näher.

Polens Regierung hatte Jägern das Ziel ausgegeben, in betroffenen Gebieten die Wildschweinpopulation auf nahe Null zu reduzieren. Es gab sogar Proteste gegen die Massenjagd, weil selbst Jäger die Meinung vertraten, dass dies nicht so viel bringe. Weil, wenn die Schweine in einem Gebiet verschwinden, andere aus den Nachbarterritorien nachrücken?

Leßner Die Tschechische Republik hat das ganz gut hinbekommen. Dort hat man die betroffenen Gebiete eingezäunt und darin den Wildbestand auf null reduziert. Zudem wurde in einem Puffergürtel intensiv gejagt. Sogar Armee und Polizei waren im Einsatz. Für mich ist Tschechien tatsächlich ein gutes Beispiel, weil es dort geschafft wurde, die Infektionskette zu unterbrechen. So etwas muss, wenn der Seuchenfall eintritt, dann auch bei uns geschehen. Denn ja, die Population nur in einem Gebiet abzuschießen, nützt nichts, weil eine neue von den Rändern einrückt.

Momentan sind wir ja zum Glück noch in der Seuchenprävention. . .

Leßner Und da ist neben Biosicherheit in Landwirtschaftsbetrieben, eingezäunten Parkplätzen für Lkw, gründlicher Entsorgung des Mülls und unübersehbaren Hinweisschildern die Reduktion des Wildbestandes das A und O.

Auch die Sprecherin des Friedrich-Löffler-Institutes, Elke Reinking, sagte der RUNDSCHAU, dass Tschechien eine Blaupause für das Vorgehen im Seuchenfall geliefert hätte. Sie äußerte aber Sorge, ob die andere Rechtslage, die vielfältigen Zuständigkeiten in Deutschland, das Handeln erschweren könnten. In Tschechien hat die Regierung einfach angeordnet…

Leßner ...und der Infektionsfall war auf staatlichem Eigentum. Das ist natürlich einfacher, rasch zu handeln. Hier bei uns gibt es mehr Beteiligte. Doch es findet ein reger Austausch statt – zwischen Jagdbehörden, Landkreisen, dem Bund. Ich denke, wir sind gut aufgestellt. Die Bundesregierung hat das Tierseuchen- und das Jagdgesetz in der Zwischenzeit entsprechend geändert, dass im Seuchenfall das Vorgehen auch angeordnet werden kann. Aber für den Ernstfall gibt es hierzulande kein Beispiel.

Bleibt nur die intensive Jagd. . . Haben Wildschweine eigentlich natürliche Feine in unseren Wäldern?

Leßner Wölfe fressen Frischlinge. Sie trauen sich natürlich nicht an eine Leitbache oder einen Keiler heran. Aber wenn der Wolf keine einfache Beute hat, gehört das Schwarzwild in sein Beutespektrum. Füchse holen sich hin und wieder ganz kleine Frischlinge, wenn die Bache sie im Kessel abgelegt hat. Aber sonst ist da nur der Mensch.