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| 19:01 Uhr

Affäre um den „Lügenbaron“
Woidke findet Zustand der SPD „sehr gut“

 Brandenburgs SPD-Chef Dietmar Woidke mit der wohl chancenlosen Ersatzkandidatin für die Europawahl, der in Cottbus geborenen  Maja Wallstein.
Brandenburgs SPD-Chef Dietmar Woidke mit der wohl chancenlosen Ersatzkandidatin für die Europawahl, der in Cottbus geborenen  Maja Wallstein. FOTO: dpa / Bernd Settnik
Potsdam. Nach dem Debakel um den Europakandidaten Simon Vaut treten Ministerpräsident Dietmar Woidke und Generalsekretär Erik Stohn vor die Presse. Von Benjamin Lassiwe

Es war der Tag danach. 24 Stunden, nachdem er dem über Betrügereien beim Lebenslauf gestolperten Europakandidaten Simon Vaut den Rückzug nahegelegt hatte, trat Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) zusammen mit seinem Generalsekretär Erik Stohn (SPD) und der Ersatzkandidatin Maja Wallstein vor die Kameras im Potsdamer Regine-Hildebrandt-Haus. Und der Ministerpräsident gab sich zunächst zerknirscht. „Es sind Dinge passiert, die nicht hätten passieren dürfen“, sagte Woidke. „Ich bin immer noch erschüttert über das Ausmaß von Verantwortungslosigkeit und enttäuschtem Vertrauen.“ Simon Vaut habe „die SPD getäuscht und eine junge Frau um die Kandidatur zum Europaparlament betrogen.“

Die „junge Frau“ freilich geriet am Mittwoch zur Nebendar­stellerin. Die gebürtige Cottbuserin Wallstein, stellte sich kurz vor, nannte sich eine „überzeugte Europäerin“ und erklärte, dass sie davon überzeugt sei, dass es ein soziales Europa geben müsse. Doch Wallstein hat als Ersatzkandidatin für Vaut wohl nur theoretische Chancen auf einen Einzug ins Europaparlament. Hätte sie die Brandenburger SPD zu ihrer Spitzenkandidatin gemacht, wäre sie auf der Bundesliste wohl besser platziert gewesen.

Hätten die Sozialdemokraten das Geschehene verhindern können? Woidke und Stohn stritten gestern ab, dass die SPD eine Chance gehabt hätte, den Betrug früher zu erkennen. Obwohl Vaut zunächst in Berlin gemeldet war und sich dann nach Brandenburg ummeldete. Obwohl er nach seiner Vorstellungsrede von der Geschäftsführerin des Kreisverbands nach seiner neuen Postanschrift in der Havelstadt gefragt wurde. Und obwohl er sich schließlich bei der Brandenburger Landtagskandidatin Britta Kornmesser (SPD) einmietete, dort aber nie wirklich einzog. Nur ein Namensschild am Eingang sorgte dafür, dass der Kommunalpolitikerin in Brandenburg (Havel) sogar Affären mit Vaut angedichtet wurden. Doch Kornmesser sei „genau so eine Betrogene wie die ganze Öffentlichkeit“, sagte Woidke. Und Stohn ergänzte, Vaut habe die Geschichte erfunden, dass er sich von seiner Lebensgefährtin getrennt habe und deswegen eine Übernachtungsmöglichkeit brauche. „Wir sind eine solidarische Partei“, sagte Stohn. „Da hat Britta Kornmesser gesagt, ich helfe Dir.“ Wieso es dann nicht auffiel, dass Vaut die Übernachtungsmöglichkeit nicht nutzte, konnten weder Woidke noch der oft sichtlich um Worte ringende Stohn erklären. „Ich glaube, dass der Zustand der Brandenburger SPD ein sehr guter Zustand ist“, sagte Woidke stattdessen. Ideen, wie man solche Fehler künftig vermeiden könne, hatte der Parteivorsitzende Woidke indes nicht. Und mehr noch: Der Landesvorsitzende der SPD hielt fest, dass er selbst „niemanden dazu veranlassen werde“, den Hintergrund eines Kandidaten zu überprüfen. „Es ist immer die Frage, wie weit man Menschen vertraut, die so einen Vorschlag machen“, sagte Dietmar Woidke. „Es wäre der größte Fehler für uns alle gewesen, während die Kandidatur läuft, den Background zu recherchieren.“ Er wolle niemandem „Privatdetektive hinterherschicken“, sagte Woidke.

Und zumindest mittelbar kritisierte der Ministerpräsident dann auch noch die eigene Partei. Als die Landesdelegiertenkonferenz statt der von ihm favorisierten Maja Wallstein Simon Vaut wählte, sei dies in der Öffentlichkeit als Niederlage von Woidke und Stohn interpretiert worden. „Heute zeigt sich, dass es diese Niederlage wohl besser nicht gegeben hätte.“

 Brandenburgs SPD-Chef Dietmar Woidke mit der wohl chancenlosen Ersatzkandidatin für die Europawahl, der in Cottbus geborenen  Maja Wallstein.
Brandenburgs SPD-Chef Dietmar Woidke mit der wohl chancenlosen Ersatzkandidatin für die Europawahl, der in Cottbus geborenen  Maja Wallstein. FOTO: dpa / Bernd Settnik