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| 18:25 Uhr

Geschichte
Wie ein Richter zu einem Gerechten wurde

Gertrud Prochownik (1884 bis 1982)  überlebte als Hilde Jacobi.
Gertrud Prochownik (1884 bis 1982)  überlebte als Hilde Jacobi. FOTO: Familienarchiv Kreyssig/Krausz
Potsdam. Der brandenburgische Jurist Lothar Kreyssig und seine Gattin Johanna retteten 1944 einer Jüdin das Leben.

„Ich durfte bei Ihnen erleben, dass die Nächstenliebe nicht im Bombenhagel starb.“ Das schreibt Gertrud Prochownik 1945 in einem Brief an Lothar Kreyssig. Zwei Jahre zuvor, mitten im Zweiten Weltkrieg, war die Jüdin aus Berlin geflüchtet. Illegal, ohne Lebensmittelkarten, Ausweis und Besitz, verfolgt von den Nationalsozialisten. Eine Schwester und ein Schwager waren da schon tot, deportiert nach Auschwitz.

Doch Prochownik fand Zuflucht: Auf dem Land, in Hohenferchesar bei Brandenburg (Havel), auf dem Hof von Kreyssig und dessen Gattin Johanna. Einem Mann, der sich als Richter in Chemnitz weigerte, der NSDAP beizutreten und der zu den Mitbegründern der „Bekennenden Kirche“ in Sachsen zählte. Einem Mann, der nach seiner Versetzung nach Brandenburg (Havel) als Vormundschaftsrichter die Euthanasie-Aktionen der Nationalsozialisten, den Massenmord an Kranken und Behinderten, bemerkt und deswegen Strafanzeige gegen Hitlers Kanzleichef Philipp Bouhler gestellt hatte.

Dieser Lothar Kreyssig und seine Gattin Johanna nahmen Prochownik auf. Unter dem Namen Hilde Jacobi lebte sie bis zum Kriegsende auf dem Bauernhof in Brandenburg. Das rettete ihr das Leben. 1946 konnte sie zu ihrer schon vor dem Krieg geflohenen Tochter nach London emigrieren.

„Meine Großeltern waren Vorbilder für eine ungehorsame Zivilgesellschaft der bürgerlichen Mitte“, sagt Prof. Martin Kreyssig, der Enkel des 1986 verstorbenen Juristen. „Ihnen ging es um den Kampf für Freiheit und Rechtsstaatlichkeit.“ Kreyssig sprach am Dienstagabend in der Neuen Synagoge an der Oranienburger Straße in Berlin. Dort wurde seinen Großeltern posthum eine außergewöhnliche Ehrung zuteil: Von der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem wurden sie zu „Gerechten unter den Völkern“ ernannt.

Seit 1963 werden mit diesem Titel Menschen ausgezeichnet, die während des Nationalsozialismus verfolgte Juden retteten und dabei ihr eigenes Leben in Gefahr brachten. Bislang wurde diese Auszeichnung 26 973 Mal vergeben. Doch nur 616 „Gerechte unter den Völkern“ kamen aus Deutschland. „Bei meinen Großeltern wuchs diese mutige Haltung aus der christlichen Nächstenliebe und der selbstverständlichen Verpflichtung, Menschen in Not zu helfen“, sagte Kreyssig am Dienstag.

„Die Kreyssigs haben sie wie einen Menschen behandelt“, sagt Julie Krausz, die Enkelin Prochowniks. „Wie ein Mitglied der eigenen Familie.“ In London, zwischenzeitlich sogar einige Jahre in Australien, lebte Prochownik mit der Familie ihrer Tochter. Woche für Woche las sie den „Spiegel“, sprach nur deutsch mit ihren Enkeln und tippte auf der kleinen Schreibmaschine in ihrem Zimmer Briefe an alte Bekannte. Über die Zeit im Nationalsozialismus sprach sie mit ihrer Familie nie. Alles, was die Enkel aus dieser Zeit wissen, kennen sie nur aus den Briefen ihrer Großmutter.

Und manche davon gingen auch nach Magdeburg. Denn auch die Geschichte Lothar Kreyssigs endet nicht mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. In der DDR entscheidet er sich gegen den Staatsdienst und für eine Tätigkeit in der evangelischen Kirche: In der Kirchenprovinz Sachsen mit Sitz in Magdeburg wird er leitender Jurist. 1958 gründete er dort die „Aktion Sühnezeichen Friedensdienste“: Bis heute sendet sie Jahr für Jahr junge Menschen als Freiwillige nach Israel oder Osteuropa, wo sie Gedenkstätten betreuen, beim Erhalt jüdischer Friedhöfe helfen oder sich um die letzten noch lebenden NS-Opfer kümmern.

„Das Vorbild Kreyssigs ist gerade heute von besonderer Bedeutung“, sagt die Geschäftsführerin von „Aktion Sühnezeichen“, Dagmar Pruin. Denn Rechtspopulismus und Rechtsextremismus erhielten in der Gesellschaft neuen Zulauf. So sei etwa die AfD eine Partei, die „nicht aus Versehen, sondern ganz bewusst antisemitische Äußerungen tätigt und dazu beiträgt, dass sich Antisemitismus heute wieder ausbreiten könne“, sagte Pruin. „Unsere Demokratie ist wieder in Gefahr.“

Johanna Kreyssig (1897 bis 1981) wurde als Gerechte geehrt.
Johanna Kreyssig (1897 bis 1981) wurde als Gerechte geehrt. FOTO: Familienarchiv Kreyssig/Krausz
Lothar Kreyssig (1898 bis 1986).
Lothar Kreyssig (1898 bis 1986). FOTO: Familienarchiv Kreyssig/Krausz