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| 12:37 Uhr

Spektakuläre Kriminalfälle
Wie ein Ex-Minister den Mord an der Ehefrau plante

 Tief gefallen: Jochen Wolf rückt sich am 27. Februar 2002 im Potsdamer Landgericht vor Prozessbeginn die Brille gerade. Der frühere Bauminister wurde wegen versuchter Anstiftung zum Mord zu fünf Jahren Haft verurteilt.
Tief gefallen: Jochen Wolf rückt sich am 27. Februar 2002 im Potsdamer Landgericht vor Prozessbeginn die Brille gerade. Der frühere Bauminister wurde wegen versuchter Anstiftung zum Mord zu fünf Jahren Haft verurteilt. FOTO: picture-alliance / dpa/dpaweb / Bernd_Settnik
Potsdam. Die vier Landgerichte in Brandenburg feiern ihr 25-jähriges Bestehen – und blicken dabei auch auf zahlreiche spektakuläre Kriminalprozesse zurück. Einige dieser unvergessenen Fälle rollen wir in einer Serie noch mal auf. Heute: Wie ein Ex-Minister einen Mörder anheuerte. Von Mathias Hausding

Es war eine der Schlüsselszenen im Prozess vor dem Landgericht Potsdam, die dem Publikum gleichzeitig gute Unterhaltung bot. In verteilten Rollen lasen die Richter am 15. Januar 2002 die Abschrift einer abgehörten Unterhaltung vor. Jochen Wolf: „Anderthalb Jahre habe ich gewartet und bin drei Mal verarscht worden. Ich zahle erst, wenn ich die offizielle Bestätigung habe, dass das Problem beseitigt wurde.“ Auftragskiller: „Soll ich Dir eine Schaufel geben? Willst Du sie ausbuddeln?“ Die Richter ließen dabei schauspielerisches Talent erkennen. Prompt beschwerte sich die Verteidigung, dass die Betonungen die Zuhörer beeinflussen könnten.

An der Schuld von Jochen Wolf ließen die Sätze wenig Zweifel. Fünf Jahre Haft lautete schließlich das Urteil wegen versuchter Anstiftung zum Mord. Und dieser Mann wäre zwölf Jahre davor fast Ministerpräsident geworden! Als die letzte DDR-Regierung Jochen Wolf zum Beauftragten für die Bildung des Landes Brandenburg ernannte, machte sich der Oberlausitzer Ingenieur Hoffnungen, von seiner Partei, der SPD, zum Spitzenkandidat für die erste Landtagswahl erkoren zu werden. Aber Manfred Stolpe machte das Rennen.

Jochen Wolfs Karriere als erster Bau- und Verkehrsminister des neu gegründeten Bundeslands endete 1993 mit seinem Rücktritt wegen einer Grundstücksaffäre. Er vermutete dahinter eine Intrige seiner Partei, verscherzte es sich daraufhin mit vielen Genossen. Dafür klagte sich der Geschasste in den Landesdienst, erhielt im Wirtschaftsministerium einen Posten in der „Bescheinigungsstelle für Energieleitrechte“.

Der bescherte ihm monatlich 10 000 D-Mark. Aber das reichte nicht, beziehungsweise es blieb zu wenig übrig, denn ab 1997 führte er einen Rosenkrieg gegen seine vierte Ehefrau. Sie erhielt Unterhalt und mochte partout nicht in die Scheidung einwilligen. Obwohl Jochen Wolf doch wieder heiraten wollte, und zwar Oksana aus Samara. Außerdem wollte er die Russisch-Dolmetscherin, die er auf einer Dienstreise kennengelernt hatte, als Unterwäsche-Model groß herausbringen.

Das Verhängnis nahm seinen Lauf. Kurz vor Weihnachten 1998 wurde die junge Frau tot in der Badewanne ihres Geliebten aufgefunden. Selbstmord per Kopfschuss, mit einer Waffe des Sportschützen Jochen Wolf. Wie sich herausstellte, hatte Oksana K. tags zuvor versucht, Wolfs Ehefrau zu erschießen. Das Attentat scheiterte. Offenbar eine Verzweiflungstat. Das Touristen-Visum der 25-Jährigen war abgelaufen, und dauerhaftes Bleiberecht bekam sie nicht, weil eine Hochzeit mit dem verheirateten Jochen Wolf unmöglich war.

Der galt fortan als gebrochener Mann, musste sich zu allem Überfluss 1999 wegen Korruption in Zusammenhang mit dem Grundstücksdeal vor Gericht verantworten. In erster Instanz wurde er zu einer geringen Geldstrafe verurteilt, in der Berufungsverhandlung wurde die Sache gegen Zahlung einer Geldauflage wegen Geringfügigkeit eingestellt.

Wolfs Geldsorgen wurden größer, und für seine Ehefrau hatte er eine hohe Lebensversicherung abgeschlossen. Wobei später verschiedene Motive für das zur Sprache kamen, was dann folgte. Ein Bekannter, ebenfalls in Geldnot, hatte Wolf schon Mitte der 1990er-Jahre angeboten, das Scheidungsproblem für 15 000 Mark „endgültig zu lösen“. Es passierte jedoch nichts, Wolf forderte sein Geld zurück.

Im Jahre 2000 nun empfahl jener Bekannte den früheren Fremdenlegionär Ralf M. als Auftragsmörder. 10 000 Mark gab es als Anzahlung, der potenzielle Killer schlich sich bei Wolfs Ehefrau als Gärtner ein, unternahm dann aber ebenfalls nichts. Oder doch, er ging nämlich zur Polizei. Das hätte man fast ahnen können. Wie sich im Prozess zeigte, hatte Ralf M. bereits eine Karriere als V-Mann der Polizei Wuppertal hinter sich.

Weil die Brandenburger Ermittler erkannten, dass Wolfs Ehefrau keine Gefahr drohte, es aber noch an Beweisen für den geplanten Auftragsmord fehlte, wurde das Telefon des Ex-Ministers überwacht und ihm schließlich eine Falle gestellt. Ralf M. meldete sich bei ihm, erklärte, die Ehefrau „auf Reisen geschickt“ zu haben und verlangte das ausstehende Geld. Ende Juli 2001 wurde Jochen Wolf bei der vermeintlichen Übergabe am Berliner Bahnhof Zoo festgenommen.

Europaweit berichteten Medien über den zu diesem Zeitpunkt 60 Jahre alten „Killer-Minister“. Wolf unternahm in der U-Haft einen Selbstmordversuch. Seine Ehefrau ging mit dem Familiendrama in Talkshows. Tenor: „Wenn er nicht so viel Geld für Anwälte, Killer und Detektive ausgegeben hätte, wäre er klargekommen.“

Im Prozess vor dem Landgericht Potsdam strebte die Verteidigung einen Freispruch an. Und das, obwohl Wolf unmittelbar nach seiner Festnahme und im späteren Gespräch mit einem psychiatrischen Sachverständigen ein Geständnis abgelegt hatte. Es sei zwar in den Gesprächen über einen Mord spekuliert worden, einen Auftrag habe es aber nicht gegeben, so die etwas hilflose Argumentation des Verteidigers. Ralf M. sagte vor Gericht, dass sich Wolf präzise ausgedrückt habe: „Die muss einfach weg.“ Der Gutachter erklärte den Angeklagten für „schizoid-depressiv“, aber voll schuldfähig.

Am ersten Verhandlungstag hatte Wolf noch mit Journalisten gescherzt. „Ich weiß nicht, wie es mir geht“, antwortete er auf die Frage eines Fotografen und versuchte ein Lächeln. „Wenn ich es weiß, sage ich es Ihnen.“ Das war Wolfs Humor. Danach schwieg er regungslos während des gesamten Prozesses, nur einmal strafte er seine Ehefrau mit einem Blick voller Verachtung, als die Zeugin schilderte, wie grob er auch zu den Kindern war.

Jochen Wolf brach sein Schweigen erst vor vier Jahren im Gespräch mit der „Bild“-Zeitung. „Ich bin ein Opfer meiner familiären Umstände in der Kindheit. Ich hätte nichts anders machen können“, sagte er. Seine Mutter sei in seinem Beisein von einem Rotarmisten vergewaltigt worden, als er drei war.

Vor einem Jahr wurde in einem Buch irrtümlich der Tod von Jochen Wolf vermeldet. Eine Sprecherin der Stadt Brandenburg/Havel erklärte daraufhin, dass er dort nach wie vor lebe.