ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 17:56 Uhr

Medizin
Wie das Handy Leben retten kann

Conrad Lürmann (v.l.n.r.), Sachbearbeiter Grundsatz Rettungsdienst, Dr. Thomas Lembcke, Ärztlicher Leiter vom Rettungsdienst, und Frank Fitzner, Lagedienstführer, zeigen den absoluten Idealfall bei einer Wiederbelebung: Einer führt eine Herzdruckmassage aus, einer beatmet, einer bereitet einen mobilen Defibrillator vor, um, wenn nötig, einen Elektroschock zur Wiederbelebung auszulösen. Wenn nur einer im Notfall da ist, um zu helfen, dann hat eine Sache Vorrang: die Herzdruckmassage.
Conrad Lürmann (v.l.n.r.), Sachbearbeiter Grundsatz Rettungsdienst, Dr. Thomas Lembcke, Ärztlicher Leiter vom Rettungsdienst, und Frank Fitzner, Lagedienstführer, zeigen den absoluten Idealfall bei einer Wiederbelebung: Einer führt eine Herzdruckmassage aus, einer beatmet, einer bereitet einen mobilen Defibrillator vor, um, wenn nötig, einen Elektroschock zur Wiederbelebung auszulösen. Wenn nur einer im Notfall da ist, um zu helfen, dann hat eine Sache Vorrang: die Herzdruckmassage. FOTO: LR / Lydia Schauff
Cottbus. Schnelle Hilfe bei Kreislaufstillstand: Cottbuser Berufsfeuerwehr will smartphonebasierte Ersthelferalarmierung auf den Weg bringen.

Es kann jeden treffen. Der Kreislauf bricht plötzlich zusammen, das Herz gerät aus dem Takt oder hört ganz auf zu arbeiten. Der plötzliche Herztod ist mit schätzungsweise 80 000 bis 100 000 Fällen pro Jahr eine der häufigsten Todesursachen in Deutschland. In dieser Situation ist vor allem eines wichtig: schnelle Hilfe. Nur eine Herzdruckmassage, die sobald wie möglich eingeleitet wird, erhöht die Chancen, dass der Betroffene überlebt.

Dr. Thomas Lembcke, Ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes der Cottbuser Berufsfeuerwehr, weiß aus Erfahrung: „Die Zeit vom Notruf und bis zu dem Zeitpunkt, an dem der Rettungsdienst beim Patienten ist, ist regelmäßig zu lang.“ Der Grund dafür ist nicht, dass die Rettungskräfte zu langsam sind, sondern dass bei einem Herzstillstand jede Sekunde zählt. Die ersten Minuten sind wichtig. Je mehr Zeit vergeht, desto größer wird das Risiko für Folgeschäden oder dass der Betroffene stirbt.

Laut der Initiative „Ein Leben retten – 100 pro Reanimation“ vom Berufsverband Deutscher Anästhesisten und der Deutschen Gesellschaft für Intensivmedizin verringert sich pro Minute, die bis zum Beginn der Reanimation verstreicht, die Überlebenswahrscheinlichkeit des Betroffenen um etwa zehn Prozent. Schnelles Handeln ist also entscheidend. 10 000 Leben könnten jedes Jahr in Deutschland zusätzlich gerettet werden, wenn sofort mit einer Herzdruckmassage begonnen würde. In Cottbus wären das jedes Jahr zwölf gerettete Menschenleben, in ganz Brandenburg fast 300.

Das große Problem: Viele trauen sich in einer solche Situation nicht zu helfen. „Man kann nichts falsch machen“, sagt Lembcke. „Das Einzige, was wirklich falsch wäre, ist nichts zu tun.“ Trotzdem gibt es immer wieder Menschen, die lieber auf den Rettungsdienst warten, nicht helfen. „Wir erleben auch immer wieder, dass eine begleitete Telefon-Reanimation abgelehnt wird, oft auch in Fällen, in denen den Betroffenen so geholfen werden könnte und das möglich wäre“, sagt der ärztliche Leiter. Bei der Telefon-Reanimation leiten die Disponenten der Rettungsleitstelle einen Ersthelfer an, erklären, was und wie er es tun muss.

Wenn Passanten unsicher sind, können voll- oder halbautomatisierte Defibrillatoren eine Hilfe sein. Die kleinen technischen Geräte für die Reanimation sind in Einkaufszentren, Firmengebäuden oder in öffentlichen Einrichtungen zu finden. Vorausgesetzt, die betreffenden Institutionen haben sich aktiv dafür entschieden, ein solches Gerät aufzuhängen. Pflicht ist das nicht.

Die mobilen Defis haben einen Sprachassistenten, der erklärt, was gemacht werden muss. Damit eindeutig ist, wohin die Pads auf dem Brustkorb geklebt werden müssen, gibt es meist eine einfache Skizze. Das Gerät erstellt eigenständig ein Elektrokardiogramm, misst, was das Herz tut oder vielmehr, was es nicht tut und löst gegebenenfalls einen Elektroschock aus, um das Herz wieder zum Schlagen zu bringen, erklärt Lembcke. Bei halbautomatisierten Geräten muss dafür noch ein Knopf gedrückt werden.

Doch ob mit oder ohne Defi: Erleidet ein Mensch einen Kreislaufstillstand, ist es oberstes Gebot, den Kreislauf durch eine Herzdruckmassage in Gang zu halten, bis der Notarzt kommt. Im Idealfall kann der Betroffene noch beatmet werden. Dafür findet sich bei den mobilen Defis oftmals ein Beatmungsfilter, der auf den Mund gelegt wird, um Hemmungen oder Ekel abzubauen.

Mit Blick auf andere Länder kreidet Lembcke an, dass in Deutschland im Bezug auf erste Hilfe viel auf „Wollen“ hinauslaufe. In anderen europäischen Ländern hingegen seien Erste-Hilfe-Kurse in Schulen Pflicht. Und das zeigt, wie aus der Statistik hervorgeht, Wirkung. So würden in diesen Ländern viel mehr Patienten durch Ersthelfer gerettet. Im Gegensatz zu skandinavischen Ländern, in denen die Reanimationsquote durch Laien teilweise bei über 60 Prozent liegt, sind es in Deutschland zurzeit nur 37 Prozent.

Um daran etwas zu ändern, engagieren sich Ärzte des Carl-Thiem-Klinikums Cottbus, Mitarbeiter des Rettungsdienstes und der Schulsanitätsdienste ehrenamtlich und gemeinsam. Sie zeigen Kindern und Jugendlichen unter dem Titel „Schüler retten Leben“ – ein Projekt im Rahmen der schon erwähnten Initiative „Ein Leben retten“ –, wie Herzdruckmassage funktioniert. Besonders Kinder seien laut Thomas Lembcke sehr neugierig und würden viel unbefangener mit dem Thema umgehen als Erwachsene.

„Ich hatte mal einen Kurs und die Kinder kamen dann selbst auf die Idee, zu zweit mit vier Händen zu drücken, um die Wiederbelebung richtig durchführen zu können. Das ist schon toll.“ Auf lange Sicht jedoch, so der Ärztliche Leiter des Cottbuser Rettungsdienstes, müssten Reanimationskurse auch in deutschen Schulen Pflicht werden. Der Weg dorthin ist geebnet.

Die Kultusministerkonferenz hat bereits 2014 einen Beschluss zur Einführung eines verpflichtenden Reanimationsunterrichtes in der Bundesrepublik Deutschland gefasst. Doch an der Umsetzung hapert es. Erst im Februar dieses Jahres wandte sich deshalb der Brandenburger Landesverband der Ärztlichen Leiter Rettungsdienst in einem Schreiben an Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD).

Darin wird die Landesregierung aufgefordert, den Beschluss landesweit zügig umzusetzen. „Zur Steigerung der Zahl der Ersthelfer, die das entscheidende behandlungsfreie Intervall bis zum Eintreffen des professionellen Rettungsdienstes überbrücken können, spielt (...) die Unterrichtung von Schülern eine entscheidende Rolle“, heißt es in dem Schreiben weiter.

Doch aktuell wollen oder können viele die Verantwortung in so einer Situation nicht übernehmen. Deshalb arbeitet die Cottbuser Berufsfeuerwehr außerdem daran, ein smartphonebasiertes Ersthelfersystem in der Region an den Start zu bringen. In anderen großen deutschen Städten, darunter Gütersloh, Lübeck oder Marburg, gibt es so etwas schon. Dabei gibt es Varianten, die sich nur an qualifizierte Helfer richten, andere Apps beziehen auch Laien mit ein.

Auch wenn es verschiedene Systemanbieter gibt. Das Prinzip ist immer ähnlich. Geht bei einer Rettungsleitstelle ein Notruf ein, wird dies in der App sichtbar und über ein Signal außerdem hörbar. Ersthelfer in der Nähe, die das sehen, können zum Ort des Unglücks eilen und sofort helfen. Die App soll erst im Leitstellengebiet der Regionalleitstelle Lausitz verfügbar sein und später auf ganz Brandenburg ausgeweitet werden.

In der Smartphone-Anwendung sollen auch Daten darüber hinterlegt werden, wo es mobile Defibrillatoren gibt und zu welchen Zeiten diese zugänglich sind. Denn, dass es nur unzureichende Daten gibt, wo solche Geräte verfügbar sind, ist ein Problem, das in diesem Zuge behoben werden soll. Es gibt zwar Webseiten, die Infos über Defi-Standorte sammeln, allerdings beruhen die Angaben dort auf Freiwilligkeit, da keine öffentliche Institution darüber wacht. Für die App wollen die Initiatoren diese Daten dann zusammentragen.

Aktuell gibt es laut Lembcke Gespräche mit einem Anbieter, der die App entwickeln soll. Der Plan ist, dass diese Anfang 2019 ihren Dienst aufnimmt. Dann sollen vorerst nur qualifizierte Ersthelfer, die beruflich im Rettungsdienst, in Krankenhäusern, bei der Polizei oder ähnlichen Berufen, bei denen Erste Hilfe zum Berufsalltag gehört, arbeiten, die Anwendung nutzen können

In einem weiteren Schritt sei dann geplant, die Ersthelfer-App auch für Laien mit Erste-Hilfe-Ausbildung zu öffnen. Das Innenministerium und das Gesundheitsministerium haben laut Zellmann angekündigt, das Projekt und die Entwicklung der App finanziell zu unterstützen.

Was es bedeutet, gerettet worden zu sein, und wie es ist, gerettet zu haben, davon berichten jedes Jahr Menschen bei der „Woche der Wiederbelebung“, die vom 17. bis 23. September in ganz Deutschland stattfindet. Ärzte und Fachkräfte initiieren Aktionen, um noch mehr Menschen zu ermutigen, im Ernstfall Leben zu retten.

Auch Cottbus ist dabei. Am 17. September laden der Cottbuser Rettungsdienst und das Carl-Thiem-Klinikum wieder ins Cottbuser Stadthaus ein. Dort werden die Gäste von 16 bis 18 Uhr den Erfahrungen von Überlebenden, die einen Kreislaufstillstand erlitten haben, und deren Rettern lauschen und weitere Informationen über die genannten Projekte erhalten können. Außerdem gibt es die Möglichkeit, das Erste-Hilfe-Wissen noch einmal aufzufrischen. Doch warum sollte man überhaupt ein Leben retten? Für den Ärztlichen Leiter des Rettungsdienstes von der Cottbuser Berufsfeuerwehr, Thomas Lembcke, ist die Antwort darauf ziemlich einfach: „Weil es wichtig ist.“


Auf dieser Webseite stellen Anästhesisten die einfachen Schritte der Wiederbelebung vor:

www.einlebenretten.de