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| 18:30 Uhr

Schwimmen und Retten
Wenn der (Schwimm-)Unterricht Leben rettet 

Cottbus. 2017 sind in Deutschland 404 Menschen ertrunken. Die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) beklagt in ihrer Bilanz, dass etwa ein Viertel aller Grundschulen keinen Schwimmunterricht mehr anbietet, weil ihnen kein Bad zur Verfügung steht. Das staatliche Schulamt Cottbus aber versichert, dass in seinem Bereich die Schwimmausbildung gesichert ist. Von Hannelore Grogorick

Die Zahl der ertrunkenen Menschen ist in Brandenburg im vergangenen Jahr weiter zurückgegangen. 2017 seien 22 Menschen in Flüssen, Seen sowie in einem Fall im Schwimmbad ums Leben gekommen, teilte die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) mit. Das waren neun Ertrunkene weniger als im Vorjahr und zwölf weniger als 2016. Mit zwölf Fällen waren vergangenes Jahr ältere Menschen in der Altersklasse ab 55 Jahren besonders betroffen.

Trotz der rückläufigen Zahlen sieht die DLRG keinen Grund zur Entwarnung: Handlungsbedarf gebe es vor allem in den Kommunen, sagte DLRG-Präsident Achim Haag. 2017 starben laut DLRG fünf Grundschüler und neun Kinder im Vorschulalter bei Badeunfällen. „Jeder zweite Grundschulabsolvent ist kein sicherer Schwimmer mehr“, beklagte er. Wegen knapper Kassen würden zunehmend städtische Bäder geschlossen. „Die Entwicklung ist alarmierend“, sagte Haag. „20 bis 25 Prozent aller Grundschulen bieten keinen Schwimmunterricht mehr an, weil ihnen kein Bad zur Verfügung steht.“ Vereine hätten teils Wartelisten von ein bis zwei Jahren für einen Schwimmkurs.

Da scheint Brandenburg eine löbliche Ausnahme zu sein. „Die Schwimmausbildung für die Kinder in den Schulen des Staatlichen Schulamtes Cottbus ist definitiv gesichert“, bekräftigt Gerald Boese, Leiter des Staatlichen Schulamtes. Dazu führt er aus: In den vier Landkreisen Spree-Neiße, Dahme-Spreewald, Oberspreewald-Lausitz und Elbe-Elster erfolgt der Schwimmunterricht in den ortsansässigen Schwimmhallen und Freibädern. Für den Landkreis Spree-Neiße sind dies die Schwimmhallen und Freibäder in Spremberg, Forst, Guben und Cottbus. Im Landkreis Dahme-Spreewald werden die Schwimmhallen Wildau und Lübbenau genutzt. Die Schulen im Landkreis Oberspreewald-Lausitz bedienen sich der Hallen in Lübbenau und Senftenberg, und die Schulen im Landkreis Elbe-Elster nutzen die Hallen in Finsterwalde und Doberlug-Kirchhain.

„Schwimmen lernen ist ein verbindlicher Bestandteil des Sportunterrichts. Der sichere Aufenthalt sowie das Bewegen im Wasser ist grundlegendes Ziel der Schwimmausbildung. Dabei unterscheiden wir in das Erlernen der Grundzüge der Schwimmfähigkeit, die Festigung der Schwimmfähigkeit und das Erlernen von Schwimmtechniken in verschiedenen Schwimmarten“, unterstreicht auch Ralph ­Kotsch, Leiter des Referats Presse und Öffentlichkeitsarbeit im Brandenburger Ministerium für Bildung, Jugend und Sport. So stünden für die Erteilung des Schwimmunterrichts den Grundschülern in Brandenburg 47 Hallen-Schwimmbäder im Land zur Verfügung. Aus der Statistik gehe hervor, dass die Anfängerschwimmausbildung im Land aktuell zu etwa 99 Prozent durchgeführt wird. Das beziehe sich auf erteilten Schwimmunterricht an Primarstufen inklusive Primarstufen an Ober- und Gesamtschulen in öffentlicher Trägerschaft bis zum Beginn der 5. Jahrgangsstufe. Allerdings gibt diese Statistik auch preis, dass im Bereich des Schulamtes Cottbus mit Stichtag 4. Oktober 2017 von 4400 Schülern 323 als Nichtschwimmer erfasst sind. Das entspricht 7,34 Prozent. Laut Ralph Kotsch sind das etwa „Angstkinder“ oder Schüler, die von ihren Eltern vom Schwimmunterricht entschuldigt würden.

Doch Kotsch macht eindringlich ebenfalls deutlich: „Den Erziehungsberechtigten obliegt eine sehr hohe Mitverantwortung für das Erlernen der Basisqualifikation Schwimmen ihrer Kinder. Ihre aktive Mitwirkung ist erforderlich, damit Kinder bereits vor Beginn der Schwimmausbildung in der Schule über Vorerfahrungen verfügen und im Anschluss an die schulische Schwimmausbildung ihre Schwimmfähigkeiten weiter vertiefen. Dabei sollten zusätzliche Angebote zur Bewegungserziehung im Vorschulalter genutzt werden, um den Erfolg der Schwimmausbildung zu unterstützen.“

Das Ministerium indes hat sich die Qualitätssteigerung des Schulschwimmens auf die Fahnen geschrieben. Es gelte, die gegebenen Ausbildungsmöglichkeiten weiter auszugestalten. Das für Schulsport zuständige Referat hat laut Kotsch gemeinsam mit der unteren Schulaufsicht auf der Grundlage einer Analyse verschiedene Möglichkeit benannt und ein Lösungsmodell entwickelt. Ein Lösungsansatz biete sich mit der Einrichtung von Schulschwimmzentren (SSZ), in denen mehrere Schulen für die Schwimmausbildung eine gemeinsame Schwimmhalle als Ausbildungsstätte nutzen. In Schulschwimmzentren, wie sie beispielsweise bereits jetzt in Potsdam für Potsdam Stadt und Potsdam-Mittelmark existieren, sei es garantiert, dass Schwimmlehrkräfte mit einer notwendigen methodischen Ausbildung sowie der geforderten Rettungsschwimmausbildung den Unterricht erteilen. Gleichzeitig könne der Unterrichtsausfall gesenkt werden, da eine fachlich kompetente Vertretung problemlos zu realisieren ist. Das Staatliche Schulamt Cottbus ist auch da auf der Höhe der Zeit. Laut Gerald Boese nutzen einige Schulen ausschließlich ihre eigenen Lehrkräfte, andere bilden Schwimmlehrerteams. In der Region Cottbus und Umgebung(Schulstandorte Kolkwitz, Burg, Krieschow, Briesen und Laubsdorf) sei ein solches Verfahren bereits eingeführt worden. Alle Grundschulen nutzen die Schwimmhalle „Lagune“ in Cottbus, eine verantwortliche Lehrkraft koordiniere und ein schulübergreifendes Schwimmlehrerteam sichere den Unterricht ab. „Zur Verbesserung des Schwimmunterrichts gibt es gegenwärtig die Überlegung, alle Landkreise mit festen Schwimmlehrerteams abzusichern“, sagt Gerald Boese weiter.

Während die DLRG beklagt, dass deutschlandweit knapp ein Viertel der Grundschulen wegen fehlender Bäder gar keinen Schwimmunterricht anbieten könne, hat das Land Brandenburg laut Ralph Kotsch als Ziel erklärt, dass der Schwimmunterricht in der Primarstufe zur Qualitätsverbesserung zukünftig ausschließlich in Hallenbädern stattfinden soll. Dies garantierte, dass der Unterricht aufgrund schlechter Witterungsverhältnisse nicht entfallen muss. Gemeinsam mit der unteren Schulaufsicht würden aktuell mehrere Einzelmaßnahmen geprüft beziehungsweise vorbereitet und umgesetzt. Schon bis zum Schuljahr 2018/19 sollen Schulschwimmzentren schrittweise eingerichtet werden. Gegenwärtig gibt es im Bereich des Staatlichen Schulamtes Cottbus nach Auskunft von Gerald Boese Schulen, die ausschließlich Schwimmhallen nutzen, andere nutzen Schwimmhallen und Freibäder, wieder andere nur Freibäder oder Badeseen und bieten ihren Unterricht im Block, in sogenannten Schwimmlagern an. Diese Möglichkeit werde meistens vor oder nach den Sommerferien genutzt.

Jeder Ertrunkene ist ein Toter zu viel. Doch Ralph Kotsch will auch erwähnt wissen: „Die Kausalität Schulschwimmunterricht und Nicht-Ertrinken ist jedoch nicht gegeben. Ein Blick auf die Statistik offenbart, dass die überwiegende Mehrheit der Ertrunkenen Schwimmer sind, die ihre Kraftausdauer überschätzt haben, bereits vorgeschädigt oder alkoholisiert waren.“

Und auch deshalb ist und bleibt die Arbeit der DLRG enorm wichtig. Der Stadtverband Cottbus hat nach Angaben von Robert Büschel rund 230 Mitglieder. Im vergangenen Jahr haben die Einsatzkräfte etwa 5000 Stunden an heimischen Gewässern zur Absicherung von Veranstaltungen und auch an den Stränden von Nord- und Ostsee geleistet. Dabei haben sie 217 Mal Erste Hilfe geleistet und 48 technische Hilfeleistungen gewährt. In der Region sind solche Veranstaltungen abgesichert worden wie Veranstaltungen in und um Cottbus, Festivals am Bergheider See, Wasserfestspiele an der Talsperre Spremberg, Drachenbootrennen auf der Cottbuser Spree. „Die Cottbuser Gewässer sowie die Spree sind nicht dauerhaft bewacht. Dies wäre auch durch unseren Verein nicht im Mindesten zu leisten, da wir ausschließlich ehrenamtlich tätig sind“, stellt Robert Büschel weiter fest. Doch die gegenwärtige „DLRG-Familie“ sei mit Freude bei der Sache und orientiere sich jederzeit an neuen Zielen. „Mit dem entstehenden Cottbuser Ostsee entsteht ein für uns unglaublich interessantes Einsatzgebiet in der Stadt. Seit einigen Jahren bemühen wir uns um die Entwicklung und zu planende Etablierung einer funktionierenden Wasserrettung an diesem Gewässer“, sagt Robert Büschel. Dafür seien bereits Gespräche mit der Verwaltung, dem Ostsee-Management und vielen weiteren Funktionären geführt worden. Auch gehöre der Stadtverband zu den Gründungsmitgliedern des Cottbuser Ostsee Sportvereins als auch des Fördervereins Cottbuser Ostsee. „Doch auch dieses Gewässer wird nicht allein ehrenamtlich zu bewachen sein, dafür sind zu viele Strände und zu viel Wasserfläche vorhanden. Eine Option wäre u.a. eine ehrenamtliche Wasserrettung, welche hauptamtliche Strandabsicherungen (wie zum Beispiel in den Berliner Strandbädern vorhanden) in Spitzenzeiten unterstützt sowie eine Wasserrettungsstation, welche sich auf die Wasserfläche und den darauf befindlichen Bootsverkehr konzentriert. Eine Wasserrettungsstation am Cottbuser Ostsee sollte unserer Meinung nach klar in den Cottbuser Stadthafen integriert sein.“