ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 06:51 Uhr

Nutzung von Wassern aus Seen schon verboten
Hitze macht Fachleute immer unruhiger: Geht der Lausitz das Wasser aus?

 Die renaturierte Spreeaue wäre ohne das ausgeklügelte Wassermanagement der Fachleute in Brandenburg und Sachsen möglicherweise inzwischen wieder ziemlich ausgetrocknet. Damit das Spreewasser weiter sprudelt, sind in den kommenden Wochen Augenmaß und Sparsamkeit angesagt.
Die renaturierte Spreeaue wäre ohne das ausgeklügelte Wassermanagement der Fachleute in Brandenburg und Sachsen möglicherweise inzwischen wieder ziemlich ausgetrocknet. Damit das Spreewasser weiter sprudelt, sind in den kommenden Wochen Augenmaß und Sparsamkeit angesagt. FOTO: M. Behnke
Cottbus. Die anhaltende Trockenheit in der Lausitz sorgt für Nervosität bei den Wasserfachleuten in Brandenburg und Sachsen.

In den nächsten Tagen bekommen die Unteren Wasserbehörden in den Lausitzer Landratsämtern Post aus dem Potsdamer Umweltministerium. Es ist ein Brief von Kurt Augustin, dem Leiter der Abteilung 2 „Wasser und Bodenschutz“. In dem Schreiben weist der Ministerialbeamte auf die angespannte Wassersituation in den Flüssen Spree und Schwarze Elster hin und fordert die Unteren Wasserbehörden auf, Vorsorgemaßnahmen zu ergreifen.

Das Verfahren läuft darauf hinaus, dass die Lausitzer Landräte, wie bereits im vorigen Sommer, Allgemeinverfügungen erlassen werden, die die Nutzung von Oberflächenwasser einschränken. Bei den sächsischen Nachbarn im Landkreis Bautzen gilt eine entsprechende Verfügung bereits seit Freitag, in Brandenburg ist bereits die Region um Oranienburg betroffen.

Tatsächlich sorgen die anhaltende Trockenheit und zusätzlich die enorme Hitze in der Lausitz bereits jetzt für Stirnrunzeln bei den Wasserwirtschaftlern in der Region. Denn auch in den Wintermonaten hatte es in der Lausitz nicht besonders ausgiebig geregnet oder geschneit. Trotzdem waren die Speicherbecken – von denen es in der Lausitz besonders viele gibt und die zur Stützung der Flusspegel in den trockenen Sommermonaten dienen – im Frühjahr gut gefüllt. „Derzeit haben wir an unseren wichtigsten Messpegeln noch mittlere Abflüsse, aber die Tendenz ist sinkend“, sagt Kurt Augustin.

Um das Wassermanagement in der Lausitz auch in trockenen Perioden beherrschen zu können, hatten die Länder Brandenburg, Sachsen und Berlin vor geraumer Zeit schon die Ad-hoc-Arbeitsgruppe „Flussgebietsbewirtschaftung Spree/Schwarze Elster“ gegründet. Dort arbeiten auch die Wasserexperten des Energieunternehmens Leag und der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbauverwaltungsgesellschaft (LMBV) mit. Fachleute aus der Berliner Senatsverwaltung sitzen mit am Tisch, weil die Hauptstadt nicht nur beim Trinkwasser, sondern vor allem auch bei der Schifffahrt von den Wasserlieferungen der Spree aus der Lausitz direkt abhängig ist.

Die Ad-hoc-Arbeitsgruppe hat sich in der vorigen Woche getroffen und bedenkliche Zahlen registriert. Um die Pegel beispielsweise in der Spree in Trockenperioden zu stützen, stehen in den Becken Bautzen, Quitzdorf, Bärwalde, Burghammer, Lohsa II und im Spremberger Stausee bei voller Auslastung 88 Millionen Kubikmeter Wasser zur Verfügung. Rund ein Drittel davon – nämlich 30 Millionen Kubikmeter – fehlte schon Ende Juni, dem Monat, in dem der Sommer eigentlich erst richtig beginnt. Die Kette der Speicherbecken für die Spree, die von Sachsen bis nach Brandenburg reicht, ist ein Segen für die Wasserwirtschaftler, die damit einigermaßen flexibel arbeiten können.

In der für die Spree wichtigen Talsperre Spremberg stand der Wasserpegel am 24. Juni 2018 bei 91,73 m ü. NN (Meter über Normal-Null). Vor einer Woche, am 24. Juni 2019, wurde ein Pegelstand von 91,45 m ü. NN gemessen. Das sind fast 30 Zentimeter weniger als im Jahr davor. Und der Pegel fällt weiter. Aktuell fließen acht Kubikmeter Spreewasser pro Sekunde in die Talsperre, am Abfluss aber entnommen werden zehn Kubikmeter pro Sekunde, um die Spree zu speisen.

„Die Aussichten sind durchaus dramatisch“, sagt Kurt Augustin. Bedrohlich werde es, wenn die Trockenheit, die die Lausitz im vorigen Jahr erst im Juli, August und September geplagt hatte, auch in diesem Jahr so lange anhält. Bisher ist weit und breit jedenfalls kein Regenwetter in Sicht. Die Wassermanager haben deshalb schon einmal die Schieber an den Speichern ein Stück zugedreht, um auch bei anhaltender Trockenheit noch genügend Reserven und Spielraum zu haben. Sichtbar ist das beispielsweise in einem Abschnitt der Schwarzen Elster vor dem Senftenberger See bei Buchwalde. „Dort gleicht das ausgetrocknete Flussbett inzwischen einem ,mallorquinischen Wanderweg‘“, sagt Doris Mischke. Sie leitet als Fachreferentin die Flutungszentrale der LMBV und gehört mit zur Ad-hoc-Arbeitsgruppe. Normalerweise kümmert sie sich mit ihren Mitarbeitern um das Befüllen der Lausitzer Tagebaurestloch-Seen. „Aber in den trockenen Monaten fluten wir natürlich nirgends“, sagt sie der RUNDSCHAU. Im Gegenteil: Um die Schwarze Elster hinter Senftenberg nicht austrocknen zu lassen, wird beispielsweise auch Wasser aus dem Sedlitzer See und Grundwasser aus Absenkungen in der Senftenberger Region über eine Aufbereitungsanlage der Rainitza genutzt, um die Schwarze Elster in Gang zu halten. Das ist wichtig, weil das geklärte Wasser aus dem tatsächlich hochmodernen Klärwerk des Chemieunternehmens BASF stets mit Flusswasser gemischt werden muss.

Wichtigster Speicher für die Schwarze Elster ist eigentlich der Senftenberger See, den Bergleute nach dem dort einst versunkenen Tagebau auch heute immer noch als „Speicherbecken Niemtsch“ bezeichnen. Doch dort sind den Wassermanagern Grenzen gesetzt. Das hat das vorige Jahr erschreckend gezeigt, als es im Herbst zu Rutschungen im See kam, weil der Pegel zu niedrig war.  Insgesamt stehen im Senftenberger See zur Stützung der Schwarzen Elster daher nur 7,4 Millionen Kubikmeter Wasser zur Verfügung.

Für zusätzlichen Druck auf die Wasserwirtschaftler sorgt an windigen und heißen Sommertagen wie jetzt die enorme Verdunstung. „Sie kann bei großen Seen durchaus pro Tag einen Zentimeter betragen. Das sind riesige Wassermengen“, sagt Doris Mischke.

Entscheidender Grund dafür, dass der gesamte Wasserhaushalt in der seit vielen Jahrzehnten vom Bergbau geprägten Lausitz nicht kollabiert, ist die Einspeisung von Grubenwasser durch die Leag. Das Unternehmen pumpt jeden Tag etwa eine Million Kubikmeter davon aus großen Tiefen vor allem rund um die derzeit noch vier aktiven Tagebaue in der Lausitz, um den Bergleuten die Füße trocken zu halten. Ein Teil dieses Wassers wird als Brauchwasser in die Großkraftwerke gepumpt. Rund 25 000 Kubikmeter – so viel verbraucht die Stadt Cottbus etwa pro Tag – werden im Wasserwerk Schwarze Pumpe als Trinkwasser aufbereitet, das beispielsweise nach Weißwasser, Spremberg, Senftenberg, Hoyerswerda und sogar nach Kamenz gepumpt wird.

Ein Großteil des Grubenwassers aber fließt inzwischen nach der Ausfällung eines Großteils des unansehnlichen braunen Eisenhydroxids direkt in die Spree. Dabei haben die Wasserwirtschaftler in den vergangenen Jahren auch auf Druck der Öffentlichkeit einige Erfolge erzielt. Auch wenn gerade in Spremberg immer wieder braune Fluten registriert werden.

„Mehr als die Hälfte – rund 55 Prozent – des Spree-Wassers in Spremberg ist Grubenwasser“, sagt Ingolf Arnold, der Leiter der Abteilung Geotechnik bei der Leag. „Vor dem Spreewald steigt der Anteil des Grubenwassers in der Spree auf 60 Prozent, weil aus Richtung Jänschwalde auch eingeleitet wird.“

Die Zahlen lassen erahnen, welche Folgen ein Ende der Tagebaue in der Lausitz auf den Wasserhaushalt in Ostsachsen und Südbrandenburg bis nach Berlin hat. Dass der Wasser-Gesichtspunkt beim Ende der Braunkohleförderung eine entscheidende Rolle spielen muss, beweist die Tatsache, dass er sich sogar im Abschlussbericht der Kohlekommission wiederfindet. Dort heißt es: „Es ist verbindlich zu regeln, dass bei einem vorfristigen Ausstieg aus der Braunkohleförderung das Wassermanagement insbesondere für die Spree abgesichert wird. Ein Trockenfallen der Spree muss, auch im Hinblick auf den Tourismus im Spreewald, unbedingt verhindert werden.“

 Bis zum Buchwalder Wehr ist die Schwarze Elster auch in diesem Jahr weit- gehend trockengefallen.
Bis zum Buchwalder Wehr ist die Schwarze Elster auch in diesem Jahr weit- gehend trockengefallen. FOTO: Torsten Richter-Zippack
 Die Spreeaue bei Dissen – wo sich das Wasser der Spree jetzt mal in Strudeln und Wirbeln, mal ganz gemächlich vorwärtsbewegt, durcheilte bis zur Renaturierung eher die Lausitz. Experten lassen aber keinen Zweifel daran, dass die Zeit der Wasserautobahn Spree vorbei ist. Fotos: Mario Behnke
Die Spreeaue bei Dissen – wo sich das Wasser der Spree jetzt mal in Strudeln und Wirbeln, mal ganz gemächlich vorwärtsbewegt, durcheilte bis zur Renaturierung eher die Lausitz. Experten lassen aber keinen Zweifel daran, dass die Zeit der Wasserautobahn Spree vorbei ist. Fotos: Mario Behnke FOTO: M. Behnke
 Bis zum Buchwalder Wehr ist die Schwarzheide Elster weitgehend trockengefallen. Foto: T. Richter-Zppack
Bis zum Buchwalder Wehr ist die Schwarzheide Elster weitgehend trockengefallen. Foto: T. Richter-Zppack FOTO: Torsten Richter-Zippack