Was ist passiert?

Ein 30-jähriger Mann hat am Dienstagabend gegen 18.30 Uhr an drei Stellen auf der Autobahn A100 im Westteil Berlins mit seinem Auto andere Fahrzeuge wie Autos und Motorräder gerammt.
Der Angreifer habe mit seinem Auto „quasi Jagd“ auf Motorradfahrer gemacht, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Martin Steltner. Der krasse Ausdruck sei angemessen.
Das stark beschädigte Auto des Fahrers stand zuletzt auf der Autobahnausfahrt Alboinstraße in Berlin-Tempelhof in Fahrtrichtung Osten und Neukölln. Dort in der Nähe hatte sich wohl der dritte Crash ereignet. Auf der Fahrbahn lagen einige Trümmer und ein Motorradhelm. Ein Motorrad war quer in die Front des Wagens geklemmt, wie auf Fotos zu sehen war. Offenbar hatte der Fahrer das Motorrad mit großer Gewalt gerammt.
Von der Polizei mit Kreide markierte Bremsspuren sind auf der A 100 in Höhe der Ausfahrt Alboinstraße zu sehen. Dort kam am späten Dienstagabend ein Mann mit seinem Auto zum stehen, der zuvor mehrere Unfälle verursacht hatte.
Von der Polizei mit Kreide markierte Bremsspuren sind auf der A 100 in Höhe der Ausfahrt Alboinstraße zu sehen. Dort kam am späten Dienstagabend ein Mann mit seinem Auto zum stehen, der zuvor mehrere Unfälle verursacht hatte.
© Foto: Paul Zinken/dpa
Die anderen beiden Zwischenfälle, bei denen der Mann andere Fahrzeuge rammte, geschahen weiter westlich auf der Autobahn in Wilmersdorf und Schöneberg.

Gab es eine Bombe?

Laut Polizei hatte der Verdächtige eine vermeintliche Munitionskiste dabei. Als er gestoppt wurde, habe er angekündigt, in der Kiste befände sich ein „gefährlicher Gegenstand“, hatte eine Polizeisprecherin gesagt. Das bewahrheitete sich nicht: Die Kiste enthielt nach Angaben der Polizei lediglich Werkzeug. Sprengstoffspuren seien im Auto nicht gefunden worden.

Was wissen wir über die Opfer?

Sechs Menschen wurden laut Staatsanwaltschaft verletzt, drei davon schwer. Ein Motorradfahrer habe schwerste Verletzungen an Kopf und Wirbelsäule erlitten. Zunächst hatte es geheißen, dass drei Menschen schwer und drei weitere leicht verletzt worden seien.
Zur Identität der Verletzten macht die Staatsanwaltschaft keine Angaben, auch nicht zu ihrer Herkunft.
19.08.2020, Berlin: Hier steht ein Fahrzeug auf der Fahrbahn. Nach dem mutmaßlichen islamistischen Anschlag mit einem Auto auf der Berliner Stadtautobahn hat die Polizei am Mittwoch die Untersuchungen vor Ort zum größeren Teil beendet.
19.08.2020, Berlin: Hier steht ein Fahrzeug auf der Fahrbahn. Nach dem mutmaßlichen islamistischen Anschlag mit einem Auto auf der Berliner Stadtautobahn hat die Polizei am Mittwoch die Untersuchungen vor Ort zum größeren Teil beendet.
© Foto: Tino Schöning/dpa

Was wissen wir über den Täter?

Als Täter festgenommen wurde ein 30-jähriger Iraker, der laut Staatsanwaltschaft in Deutschland geduldet wird. Vor der Tat veröffentlichte er im Internet Hinweise auf die geplante Tat. Auf seiner Facebook-Seite postete er Fotos des Autos, mit dem er später absichtlich mehrere Fahrzeuge rammte, sowie religiöse Sprüche.
Es gibt aber auch „Hinweise auf eine psychische Labilität“, wie die Berliner Generalstaatsanwaltschaft und die Polizei gemeinsam mitteilten.

War es ein Terroranschlag?

„Nach jetzigem Stand der Erkenntnisse gehen wir von einem islamistischen Anschlag aus“, sagte Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) am Mittwoch.
Gegen den Iraker werde wegen versuchten Mordes in mehreren Fällen ermittelt, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft. Die Zusammenstöße seien absichtlich verursacht worden. „Aufgrund der Umstände gehen wir nicht von einem zufälligen Unfallgeschehen aus.“

Gibt es weitere Verdächtige?

Ob weitere Personen in den Anschlag verwickelt gewesen seien, werde untersucht, so der Sprecher der Staatsanwaltschaft. „Wir werden jeden Stein umdrehen.“
Aus Sicherheitskreisen erfuhr die Deutsche Presse-Agentur, dass der Iraker in Kontakt gestanden habe zu einem als Gefährder bekannten Islamisten. Beide sollen im vergangenen Jahr vier Monate lang in der gleichen Flüchtlingsunterkunft gewohnt.
Der Berliner „Tagesspiegel“ berichtete, der Gefährder werde dem Spektrum der Terrormiliz Islamischer Staat zugeordnet. Die unter anderem für Terrorismus zuständige Bundesanwaltschaft in Karlsruhe ließ sich über die Entwicklungen in Berlin informieren. „Wir stehen im ständigen engen Austausch mit den ermittelnden Behörden in Berlin“, sagte ein Sprecher auf Anfrage.

Wie sehen die Reaktionen auf den Vorfall aus?

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller hat mit Entsetzen auf den mutmaßlich islamistisch motivierten Anschlag auf der Stadtautobahn reagiert. „Es schockiert mich zutiefst, dass der Unfall auf der A 100 offenbar absichtlich herbeigeführt wurde und der Vorfall auf der Autobahn von der Ermittlern inzwischen als Anschlag eingestuft wird“, erklärte der SPD-Politiker am Mittwoch auf Twitter. „Ich wünsche allen Opfern schnelle Genesung und viel Kraft für diese schwere Zeit. Meine Gedanken sind bei den Verletzten und deren Angehörigen.“
Bischof Dr. Christian Stäblein und Erzbischof Dr. Heiner Koch sagten: „Unsere Gedanken und Gebete gelten den Opfern der offenbar bewusst herbeigeführten Unfälle und ihren Angehörigen. Gleichzeitig verwahren wir uns erneut gegen jegliche Versuche, die Religion für die Begründung von Terror und Gewalt zu missbrauchen.“
Der Extremismusforscher Peter Neumann ist nicht überrascht von dem islamistischen Anschlag auf der Berliner Stadtautobahn. „Die Bedrohung war ja niemals ganz weg“, sagte der Terrorismusexperte vom Londoner King's College am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur. Auch wenn der sogenannte Islamische Staat geschwächt sei, gebe es nach wie vor Einzeltäter, „die nicht trainiert, sondern eher inspiriert sind“.