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| 20:45 Uhr

Zurück in der alten Heimat
Was Brandenburger zurück in die Heimat zieht

 In der Fremde
In der Fremde FOTO: LR / Elisabeth Wrobel
Finsterwalde. Zum ersten Mal hat eine Studie das Thema „Rückkehrer“ aufgegriffen. Sie wollte die Gründe herausfinden, die Menschen in ihre alte Heimat zieht. Von Dieter Babbe

Steffen Franzeck ist einer von Tausenden, die nach der Wende der Lausitz und der Elbbe-Elster-Region den Rücken gekehrt haben. Der gelernte Maurer und Putzer aus Finsterwalde war zwar nicht arbeitslos geworden, wollte aber mal „auf großen Baustellen bauen“, wohnte und arbeitete sechs Jahre lang in der Nähe von Ulm, in Baden-Württemberg. Inzwischen ist er wieder in seine Heimatstadt zurückgekehrt. Hauptgrund: Die Lebensgefährtin sei „einfach nicht warm geworden“ in der Fremde. Franzecks Lebensgeschichte ist eine von vielen, von denen viele so oder so ähnlich klingen.

Warum haben Brandenburger anfangs in Scharen ihre Heimat verlassen? Wie sind sie in der Fremde aufgenommen worden? Warum kommen jetzt viele wieder zurück? Wie werden die Rückkehrer hier aufgenommen? Und wie erleben sie ihre alte Heimatstadt neu? Das alles sind Fragen, auf die eine aufwendige Studie der Initiative „Ankommen in Brandenburg“ in drei Städten Brandenburgs – neben Finsterwalde auch Guben und Wittstock – jetzt zum ersten Mal konkrete Antworten gibt.

Öffentlich ausgewertet wurde die Befragung jetzt zuerst in Finsterwalde. In Guben und Wittstock sollen die genauen Zahlen in den kommenden Wochen präsentiert werden. Sie unterscheiden sich in den drei Orten aber nicht fundamental voneinander.

Die ausgewählten Städte zeichnen sich alle drei durch ihre ländliche Lage, weitab von den großen Ballungsräumen aus. Alle Städte verloren seit den 1990er-Jahren durch massive Abwanderung viele Einwohner.

In Finsterwalde waren die sechs DIN-A-4-Seiten des Untersuchungsfragebogens an insgesamt 527 Frauen und Männer verschickt worden. Sie alle hatten nach der Wende die Sängerstadt verlassen und waren in den Jahren zwischen 2012 bis 2017 dorthin wieder zurückgekehrt. Aber auch einige neue Zuzügler hatten die Fragebögen bekommen. Geantwortet hatten insgesamt 98.

„Das Ergebnis ist zwar nicht repräsentativ, aber dennoch sehr aufschlussreich“, sagt Sandra Spletzer von der Rückkehrer-Initiative „Comback Elbe-Elster“ bei der Vorstellung der Studie.

Die Sängerstadt hatte in ihrer langen Geschichte nach der Wende einen derart bis dahin wohl einmaligen Exodus erlebt. Finsterwalde hat in knapp drei Jahrzehnten immerhin mehr als 30 Prozent der Einwohner verloren.

Andere Städte traf es noch härter, Guben ist fast um die Hälfte geschrumpft. Der Finsterwalder Bürgermeister Jörg Gampe spricht von einem regelrechten Aderlass, den viele Kommunen im Osten Deutschlands erleiden mussten – und, wenn auch abgeschwächt, noch immer müssen.

Bis ins Jahr 2030 werde Finsterwalde wohl noch einmal fast elf Prozent der Bevölkerung verlieren, sagen die Demografen – auch wenn inzwischen wieder ein Babyboom seit einigen Jahren anhält. Es sterben deutlich mehr Menschen als geboren werden. Das ist die Folge der Überalterung in der Region, in der immer weniger Junge und mehr Ältere leben.

Es war schon vor der Studie zu vermuten: Fast 80 Prozent aller Wegzügler hatten Finsterwalde der Arbeit wegen verlassen, auch weil sie woanders lernen oder studieren wollten. Dabei zog nur etwa die Hälfte „in den Westen“ oder ins Ausland, die anderen blieben in den neuen Bundesländern oder in Berlin. Das sorgte in Finsterwalde für einen Einwohnerschwund, der noch immer nachwirkt: Fast 70 Prozent jener, die Finsterwalde verließen, waren nicht älter als 25 Jahre. Es kommen noch einmal 18 Prozent 26- bis 45-Jährige dazu.

Meist mit viel Euphorie in der Fremde angekommen, war es dort  wie erhofft? Fast 60 Prozent der Betroffenen waren sowohl mit ihrer Lebens-, als auch der Arbeitssituation zufrieden oder gar sehr zufrieden. Aber immerhin mehr als jeder Fünfte hatte sich das Leben und Arbeiten in seinem neuen Zuhause anders vorgestellt und war unzufrieden, ja sogar sehr unzufrieden. 93 Prozent aller Wegzügler hatten den Kontakt zu ihrer Heimatstadt in Südbrandenburg nie abreißen lassen, teils weil dort die Eltern, Bekannte und Freunde oder bei sogar 56 Prozent noch Ehepartner wohnten.

Während nur bei 13 Prozent der Wegzügler von Anfang an klar war, dass der Ortswechsel nicht auf Dauer ist, entschieden sich 54 Prozent erst nach längerer Zeit dazu, wieder zurückzukehren, für ein Viertel kam diese Idee ganz plötzlich.

Die Gründe für den Rück­zug sind vielfältig: Den meisten Rückkehrern (25 Prozent) ging es wie der Lebenspartnerin von Steffen Franzeck: Sie haben sich in der Fremde nicht heimisch gefühlt. Andere (23 Prozent) waren von der Mieterhöhung geschockt und befürchteten, die Wohnkosten langfristig nicht mehr bezahlen zu können. Probleme auf der Arbeit (18 Prozent), die Geburt eines Kindes (18 Prozent), das soziale Klima (16 Prozent) und die unzureichende Kinderbetreuung (14 Prozent) waren weitere Gründe für die Rückkehr. Aber auch die Erbschaft eines Hauses und die Einschulung eines Kinders führten in die alte Heimat zurück.

In der alten Heimat wieder eine passende Wohnung oder einen Bauplatz für ein Haus zu finden, war für fast die Hälfte kein Problem. 33 Prozent der Rückkehrer ist bei ihrer Ankunft in Finsterwalde das neu gestaltete Stadtbild der Sängerstadt ganz besonders ins Auge gestochen. Als sie die Stadt verließen, war die meist noch grau in grau und an vielen Stellen verfallen.

Aber auch das kannte man früher nicht: In der einstigen Einkaufsstadt stehen jetzt viele Geschäfte leer. Doch obwohl man in Finsterwalde Abstriche – mitunter deutliche beim Lohn, bei den Einkaufs- und kulturellen Möglichkeiten sowie bei der fachärztlichen Versorgung machen musste, 90 Prozent aller Rückkehrer sind insgesamt mit ihrer Lebenssituation hier zufrieden. Viele würdigen die Kultur- und Freizeit- sowie Kita- (jeweils 40 Prozent) und Sportangebote (50 Prozent). Mehr als die Hälfte schätzen „den netten Menschenschlag“, die Nähe zu Freunden und Bekannten (über 60 Prozent), den guten Kontakt zu Nachbarn (70 Prozent), den kurzen Weg zur Familie (80 Prozent), ihre Wohnungssituation in Finsterwalde (mehr als 80 Prozent) und die Atmosphäre in der Stadt und die schöne Landschaft in der Region (90 Prozent). 67 Prozent aller Befragten geben an, gute Arbeitsmöglichkeiten für sich und ihre Familienangehörigen gefunden zu haben. Finsterwalde und Region haben Zukunft, sagen 64 Prozent, nur fünf Prozent sind da eher pessimistisch.

Im Vergleich der drei Städte Finsterwalde, Wittstock und Guben schneidet die Sängerstadt in den Studien sehr gut ab. 73 Prozent der Rückkehrer sind zufrieden und sehr zufrieden mit ihrer Lebenssituation, in Guben sind das nach Angaben der Autoren der Studie gerade einmal 60 Prozent.

Im Fazit stellt die Studie fest: Die Befragten sind aus beruflichen Gründen weggezogen und kommen aus sozialen Gründen wieder zurück. Sie sind trotz größerer Abstriche, die sie in Kauf nehmen, so bei der Qualität und dem Verdienst beim Arbeitsplatz sowie beim kulturellen Angebot, zufrieden mit ihrer Entscheidung. Die Landschaft, die Wohnsituation und die sozialen Kontakte wiegen die Nachteile auf, sagen viele.

Auch Steffen Franzeck hat sich inzwischen in Finsterwalde wieder eingelebt. Der junge Mann hat sich mit einer kleinen Firma selbstständig gemacht. Von seiner damaligen Partnerin ist er zwar getrennt – „dafür habe ich in Finsterwalde meine Frau und mein Glück gefunden“.

Damit noch mehr Rückkehrer den Weg nach Finsterwalde – und hier ihr Glück finden, hat die Sängerstadt beispielsweise im Jahre 2015 eine finanzielle Förderung als Umzugshilfe beschlossen, wie Wirtschaftsförderer Torsten Drescher sagt. 1000 Euro gibts dabei für den Familienvorstand und 500 Euro für jedes weitere Familienmitglied.

 Rückkehrer Freisteller
Rückkehrer Freisteller FOTO: New Africa, M Four Studio/shutterstock.com / Grafik: Janetzko/lr