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| 19:05 Uhr

Brandenburg
Wahl-Wahnsinn bei der brandenburgischen AfD

 In der Nacht zu Montag waren Andreas Kalbitz (l.) und Daniel Freiherr von Lützow noch auf Platz eins und zwei – was später korrigiert wurde.
In der Nacht zu Montag waren Andreas Kalbitz (l.) und Daniel Freiherr von Lützow noch auf Platz eins und zwei – was später korrigiert wurde. FOTO: dpa / Julian Stähle
Rangsdorf. Spitzenkandidat soll Andreas Kalbitz sein. Doch um das in einem chaotischen Verfahren festzustellen, brauchte die Partei tagelang. Von Benjamin Lassiwe

Es ist der frühe Montagmorgen. Im Seehotel in Rangsdorf sitzt eine Handvoll Menschen in einem leeren Saal. Am Sonntag vormittag hatte Brandenburgs Landesverband der „Alternative für Deutschland“ (AfD) hier mit der Wahl ihres Spitzenkandidaten für die Landtagswahl am 1. September begonnen. Bereits am Samstag hatten sich 86 Kandidaten rund zwölf Stunden lang den versammelten Parteimitgliedern vorgestellt. Am Sonntag dann sollte die Wahl erfolgen: Mehr als 500 AfD-Mitglieder – am Tag zuvor waren nur etwa 350 anwesend – erhielten Stimmzettel, auf denen sie hinter den Namen aller Bewerber jeweils „Ja“, „Nein“ und „Enthaltung“ ankreuzen durften. Wer mehr „Ja“- als „Nein“-Stimmen erhält, ist gewählt. Über die Reihenfolge auf der Landesliste entscheidet die Zahl der „Ja“-Stimmen – und der Kandidat mit den meisten Stimmen ist der Spitzenkandidat.

„Akzeptanzwahl“ nennt man dieses System. In Brandenburg ist die AfD die einzige Partei, die dieses System anwendet. Und das aus gutem Grund: Was auf den ersten Blick wie Basisdemokratie wirkt, ist in Wirklichkeit ein aufgeblähtes, unüberschaubares Monstrum. Denn die Partei, die nach Aussage des Landesvorsitzenden Andreas Kalbitz das Land Brandenburg nach der nächsten Wahl regieren möchte, benötigte sechs Stunden allein für die Stimmabgabe. Ab 16.30 Uhr wurde dann ausgezählt – auf den fast 500 Zetteln waren bis zu 40 000 Stimmkreuze auszuwerten. Andere Parteien brauchen für die Vorstellungsreden, die Stimmabgabe und das Auszählen des Ergebnisses einen Nachmittag. Bei der „Alternative für Deutschland“ war zunächst kein Ende absehbar. Die ehrenamtlichen Mitglieder der Zählkommission zählten, zählten - und verzählten sich. Zwischenzeitlich wurde eine weitere Zählkommission in einem Nebenraum eingerichtet. Vor dem Seehotel in Rangsdorf parkte in dieser Zeit ein Lautsprecherwagen mit der Aufschrift „Sei schlau, wähl blau!“.

Nach mehr als neun Stunden Auszählens ein Lichtblick. Um 01.34 Uhr tritt der stellvertretende Versammlungsleiter, der sächsische Landtagsabgeordnete Carsten Hütter, vor die Tür des Raumes der Zählkommission. Er kündigt eine „Prognose“ an – in 40 Minuten. Zwischenzeitlich gibt es Salzstangen für die zählenden Parteimitglieder. Im Plenarsaal liegt ein AfDler und hielt auf einer Stuhlreihe ein Nickerchen, an der Bar warteten die letzten Unentwegten. Um zwei Uhr betritt die Versammlungsleitung dann den Saal. „Meine Damen und Herren, im Namen des Wahl- und Zählkommissionsleiters kann ich Ihnen mitteilen, dass wir in der Zeit leider nur so weit gekommen sind, dass wir eine grobe Prognose abgeben können. Wir sind noch dabei, sämtliche Wahlzettel noch einmal querzukontrollieren“, sagt Hütter. Dann nennt er den Spitzenkandidaten: Es wird der Landesvorsitzende Andreas Kalbitz. Auf Listenplatz zwei folgt Daniel Freiherr von Lützow, auf Platz drei der Gründer des rechtsgerichteten Vereins „Zukunft Heimat“ aus Golßen im Spreewald, Christoph Berndt. Die Abgeordnete Birgit Bessin ist auf Platz vier, der Kreisvorsitzende von Spree-Neiße, Steffen Kubitzki, auf Platz fünf. Stimmenzahlen nennt Hütter nicht: Denn es handelt sich eben nur um eine Prognose. Und bis zu einem Endergebnis könne es noch zweieinhalb Stunden dauern.

Am nächsten Morgen – der Reporter ist um drei Uhr nachts übermüdet abgereist – stellt sich heraus, dass die Prognose wohl aus gutem Grund so hieß. Per Pressemitteilung teilt die AfD mit, dass Christoph Berndt, zu dessen „Zukunft Heimat“-Demonstrationen regelmäßig bekannte Rechtsextremisten anreisen, Listenplatz zwei erreicht hat. Damit hat die Partei den sich abzeichnenden Schulterschluss mit rechtsradikalen „Bürgerbewegungen“ vollzogen – Bündnis 90/Die Grünen forderten am Montag deswegen eine Beobachtung durch den Verfassungsschutz.

Kandidaten, die wie die Cottbuserin Marianne Spring-Räumschüssel für ihre Sacharbeit auf kommunaler Ebene bekannt sind, wurden vom Parteitag gar nicht erst auf die Landesliste gesetzt. Auch der Vorsitzende des Landwirtschaftsausschusses im Landtag, Sven Schröder, oder der bei der Aufklärung des Lunapharm-Skandals durchaus aktive Rainer van Raemdonck schafften es nicht auf die Landesliste.

Aber sie haben ja noch eine Chance: Denn den Mitgliedern, die zum Landesparteitag nach Rangsdorf kamen, gelang es nicht, eine vollständige, vierzig Plätze umfassende Landesliste zu wählen. Nur 28 Kandidaten kamen durch. Die übrigen Positionen sollen nun auf einem gesonderten Parteitag Anfang Februar bestimmt werden. Der Wahl-Wahnsinn der AfD geht also weiter.