| 02:38 Uhr

Von Donnerbalken bis Massage-Örtchen

Storkow. Lokus, Leibstuhl und Latrine – das Kulturzentrum auf der Burg Storkow widmet sich einem Tabuthema, zu dem jeder eine Beziehung hat und erhofft sich von der Ausstellung einen neuen Besuchermagneten. Jeanette Bederke

Die Stadt Storkow (Oder-Spree) ist stolz auf ihren historischen Stadtkern mit den engen, mittelalterlichen Gassen und dem holprigen Kopfsteinpflaster. Was kaum noch jemandem bewusst ist: Bis in die 1980er-Jahre hinein gab es hier keine Kanalisation, kein fließendes Wasser. Die Bewohner mussten ihre Notdurft auf Plumpsklos verrichten. Da lag es wohl nahe, sich mit dieser Thematik näher zu beschäftigen. Und so steht die Geschichte der Toilette - von den antiken Anfängen, über die derben Donnerbalken bis hin zu den supermodernen Klosetts inklusive Radio, Massagefunktion und Sitzheizung - im Mittelpunkt einer neuen Sonderausstellung, die am 30. Januar auf der mittelalterlichen Burg Storkow eröffnet und anschließend ein Jahr lang gezeigt wird.

Neuer Besuchermagnet?

"Wir haben nach einem neuen Besuchermagneten gesucht", sagt der Storkower Tourismusmanager Andreas Gordalla unumwunden. Das Kulturzentrum auf der Burg habe mit einer Sonderschau zur legendären DDR-Rockband "Die Puhdys" gute Erfahrungen gemacht, zu der das Publikum in Scharen strömte.

Durch einen Freund, der Toilettenhäuschen in aller Welt fotografiert, entstand die Idee mit dem Klo. Zumal es auf der geschichtsträchtigen Burg selbst sechs Aborte gab: hölzerne, an die Außenmauern gebaute Erker mit Sitzbank, von denen die Notdurft direkt in dem mit Wasser gefüllten Burggraben landete. "Im Mittelalter eine saubere Sache", kommentiert Gordalla und verweist auf die heute zugemauerten, aber noch deutlich sichtbaren Zugänge in der Burgmauer.

Für Franziska Kreis, Kuratorin der neuen Ausstellung, ist die Tabu-Thematik Klo aber nicht nur etwas zum Schmunzeln. "Jeder dritte Mensch weltweit hat noch immer keine sichere und saubere Toilette zur Verfügung. Etwa 1000 Kinder sterben täglich an Durchfallerkrankungen, hervorgerufen durch mangelnde Hygiene", hat sie mit Unterstützung der German Toilet Organization (GTO) recherchiert.

Hygienebewusstsein wecken

Wenn dieses Thema nicht öffentlich gemacht werde, könne sich die Situation auch nicht verbessern, ist die studierte Museumspädagogin überzeugt. "Um das Toiletten-Tabu zu brechen und das Hygienebewusstsein auch innerhalb Deutschlands zu entwickeln, ist Öffentlichkeitsarbeit sehr wichtig", sagt Svenja Ksoll von der GTO, die bei der Ausstellungsvorbereitung geholfen hat. Sie ist besonders angetan von der Bildungsarbeit, die Kuratorin Kreis vorhat. Gerade Kindern will die Museumspädagogin im Begleitprogramm zur Ausstellung bewusst machen, wie komfortabel man heute in Deutschland lebe, und wie wichtig auch das Händewaschen nach der Klo-Benutzung ist.

Um das Bewusstsein auf den sparsamen Verbrauch von Toilettenpapier zu lenken, wird Kreis gemeinsam mit Jungen und Mädchen Papier schöpfen, mit Jugendlichen einen Werbefilm für den Welttoilettentag am 19. November drehen. Und sie will mit Besuchern auch über Ressourcenschonung diskutieren. "Wir spülen unsere Toiletten mit Trinkwasser, angesichts der weltweiten Wasserknappheit ist das eigentlich ein Unding", deutet die Kuratorin an, die ihre Führungen durch die Ausstellung "öffentliche Stuhlgänge" nennt.

Viele der rund 200 Exponate stammen aus der Sammlung der Staatlichen Schlösser, Burgen und Gärten Sachsens GmbH. Wertvollstes Stück ist laut Gordalla die Nachbildung eines bemalten Keramik-Kinderhochstuhls mit Töpfchen aus der römischen Antike. Seltenheitswert haben aber auch hölzerne "Kackstühle" mit raffinierten Klappmechanismen, die aussehen wie wertvolle hölzerne Kommoden und im 18. sowie 19. Jahrhundert dem Adel vorbehalten waren. Regionale Nachttöpfe, Bettpfannen und Toilettenstühle hat Kreis von Privatleuten und aus Heimatstuben der Region zusammengetragen. Mehrere ganz moderne, viele Tausend Euro teure Konstruktionen in der Schau sind Leihgaben einer japanischen Firma. Der in Storkow beheimatete Tüftler kurioser Fahrräder, Didi Senft, steuert einen extra für die Ausstellung konstruierten Klo-Drahtesel bei.

Verschiedene Örtchen-Kulturen

Thematisiert werden unterschiedliche Kulturen des Prozederes auf dem stillen Örtchen - ob nun Sitzen oder Hocken, die Entstehung öffentlicher Pissoirs oder Abtrittsgebäude sowie die auf dem Lande beliebten Brautgeschenke - Nachttöpfe mit derben Sprüchen drauf. Zudem erfahren Besucher, dass das erste Wasserklosett Ende des 19. Jahrhunderts für die englische Queen erfunden worden war, sich die Toilette mit Wasserabflussrohr aber erst viel später durchsetzte. Und, dass sich das aktuell teuerste Klo der Welt, das Urin wieder in Trinkwasser verwandelt, auf der Raumstation ISS befindet.