ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 01:06 Uhr

Von der Faszination eines versperrten Bunkers

Der Wegweiser im Zentrum von Reitwein lässt es erahnen. Das südlichste Oderbruch-Dorf ist nicht irgendein Ort, sondern gewissermaßen der Nabel der Region. Von Jeanette Bederke

Das suggerieren die Hinweise auf den Theodor-Fontane-Radweg, den Europa-Wanderweg E 11, den Oder-Neiße-Radweg und die Hochwassergedenkeiche von 1997. Abgesehen von den Slawen und Burgundern, weilten auch der Dichter Fontane und selbst Preußenkönig Friedrich II. - vor und nach der Schlacht bei Kunersdorf - einst im Ort Reitwein.

Befehl zur Schlacht
Berühmt wird das erstmals 1316 urkundlich erwähnte Dorf jedoch erst Jahrhunderte später durch ein weiteres Kriegsgetümmel: Der russische Marschall Georgi Konstantinowitsch Shukov gab als Befehlshaber der 1. Belorussischen Front vom Reitweiner Sporn aus den Befehl zur Schlacht um die Seelower Höhen und leitete damit das schlimmste Gemetzel des Zweiten Weltkrieges auf deutschem Boden ein. In den frühen Morgenstunden des 16. April 1945 löste das gefunkte Codewort „Sirene“ den Angriff aus. 260 russische Geschütze donnerten in Richtung Westen los, 143 Flakscheinwerfer erhellten 20 Minuten später das Oderbruch. Rund zehn Wochen stand die Front in jenem Frühjahr hier, rund 100 000 Menschen ließen in den erbitterten Gefechten ihr Leben - bis der russische Durchbruch auf dem Weg nach Berlin erreicht war.

Erbitterte Gefechte
Einschusslöcher in der Kirche, im Pfarrhaus und in anderen Gebäuden zeugen noch heute von den erbitterten Gefechten. Doch nicht nur das: Erhalten geblieben ist auch der legendäre, so genannte Shukov-Bunker im Reitweiner Sporn, einer bis zu 81,5 Meter hohen Erhebung, die von hier aus weit in das ansonsten platte Oderbruch hineinragt. Heute steht der Hügel unter Denkmalschutz, als kompaktes Zeugnis des Zweiten Weltkrieges. Was der neugierige Wanderer dort heute noch zu sehen bekommt, ist allerdings weniger spektakulär. Zwar wirkt der langgestreckte Hügel noch immer löchrig wie ein Schweizer Käse - Zeugnisse der zahllosen Unterstände für Fahrzeuge, Nachrichtentruppen und Sicherungsposten sind erhalten. Doch der mit Baumstämmen gefestigte Eingang zum Shu-kov-Bunker ist aus Sicherheitsgründen versperrt. Das mangels Beton 25 Meter in den Berg getriebende Stollen-Labyrinth ist heute einsturzgefährdet. Die Lehmwände wurden damals mit Flammenwerfern verfestigt und dann verschalt. Zeugnisse der Kriegsgeschichte sind hier ohnehin nicht mehr zu finden, noch im Oktober 1989 hatten NVA-Soldaten die verschüttete Anlage freigelegt, leergeräumt, vermessen und dokumentiert. Auch der ehemalige Gefechtsstand auf dem Hügelkamm ist nur noch anhand der Vertiefungen im Boden zu erkennen. „Von hier aus hatte man einen weiten Blick ins künftige Hauptkampfgebiet bis zu den Seelower Höhen“ , erläutert Kaiser. 58 Jahre danach ist die Aussicht von Robinien-Bäumen versperrt.

Geschichte nacherlebbar
Bei den geführten Wanderungen und ausführlichen Schilderungen des gebürtigen Reitweiners Kaiser lassen sich die historischen Ereignisse trotz der spärlichen Zeitzeugnisse nachempfinden. Wohl auch deshalb ist der Reitweiner Sporn inzwischen zum wichtigsten Anziehungspunkt neben der eigentlichen Gedenkstätte auf den Seelower Höhen geworden. Die Reitweiner selbst haben von dem historischen Schlach-tenstart 1945 nicht viel mitbekommen.

Geheimnisumwittert
„Anfang Februar sahen Volkssturmleute die ersten Soldaten der Roten Armee über das Odereis kommen. Am 2. Februar waren sie bereits in Reitwein, wurden von der herbeigeeilten Wehrmacht bis zum Abend jedoch zurück hinter den Dorfrand gedrängt. Erst da durften die zuvor in den Kellern versteckten Einwohner flüchten“ , informiert der 53-jährige Hobby-Historiker. „Wer vorher das Feld räumte, galt als Vaterlandsverräter.“
Der Shukov-Bunker ist seitdem geheimnisumwittert. Hartnäckig halten sich Gerüchte, dass noch weitere Einstiege zu dem Stollensystem existierten. Kaiser winkt schmunzelnd ab. „Wenn da ein Fuchsbau zufällig in einem versteckten Schützengraben endet, hat das mit der Kriegshistorie nichts zu tun.“