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Von Ampeln bis Freikörperkultur

Wie funktioniert das in Deutschland? Pakistaner verfolgen in Lauchhammer den Unterricht im Landeskundekurs für Asylbewerber und Flüchtlinge.
Wie funktioniert das in Deutschland? Pakistaner verfolgen in Lauchhammer den Unterricht im Landeskundekurs für Asylbewerber und Flüchtlinge. FOTO: dpa
Lauchhammer. Wie tickt Deutschland? Flüchtlinge haben im Alltag viele Fragen, wenn sie hierher kommen. Der Landkreis Oberspreewald-Lausitz versucht es deshalb mit einem Kurs über Land und Leute samt Exkursionen. Anna Ringle

In einem Schulungsraum sitzen Frauen und Männer aus vielen Ländern an Tischen zusammen und brüten über Zetteln, die Christiane Barberoswki verteilt. Einige rufen: "Paprika" und "Zwiebel". Es geht ums Einkaufen und Warenkunde in deutschen Supermärkten. Der Oberspreewald-Lausitz-Kreis setzt mit einem eigenen Kurs über Landeskunde auf die Integration von Flüchtlingen.

Die Nachfrage nach dem Projekt seit der Einführung Ende 2015 ist da, wie Landrat Siegurd Heinze am Montag beim Besuch in Lauchhammer sagt. Die Kurse, die freiwillig und auch offen für ganze Familien sind, seien dazu da, dass "man einen guten Anfang findet", betont er.

Einige der 16 Asylbewerber und Flüchtlinge, die unter anderem aus Syrien, Afghanistan und dem Iran kommen, können schon besser Deutsch als andere. Barberowski versucht, alle mitzunehmen und einen Nenner zu finden - sie spricht aber konsequent Deutsch.

Weiter im Stoff: Es geht um die Aufteilung der Landkreise in Brandenburg und die Struktur eines Landratsamts. Rund 300 Teilnehmer gab es bereits seit der Einführung des vierwöchigen Landeskundekurses, der fortgeführt werden soll. Es geht darin auch um Verkehrsregeln auf der Straße oder nach Kreisangaben zum Beispiel auch um ganz Profanes wie die Gepflogenheiten an einem FKK-Strand, die es auch in der Region gibt.

Welche Erfahrungen hat Barberowski nach einer Reihe von Kursen gemacht? "Viele, die herkommen, suchen Kontakt zu Deutschen." Für viele sei es schwer, hier Kontakte zu knüpfen, sagt sie.

Neben einer Theoriephase geht es für die Kursteilnehmer auch in die Umgebung. Nächste Woche steht etwa ein Besuch der ehemaligen Tagebau-Abraumförderbrücke F 60 in Lichterfeld an, um den historischen Bezug der Lausitz zur Braunkohle zu verdeutlichen.

Nach Landkreisangaben ist es in dieser Form der einzige Landeskundekurs in Brandenburg. Die Integrationsbeauftragte der Landesregierung, Doris Lemmermeier, befürwortet solche Projekte. Es sei für Geflüchtete enorm wichtig zu wissen, "wie die Gesellschaft tickt", sagt sie. Von solchen Initiativen könne es gar nicht genug geben.

In eine ähnliche Richtung zielt auch ein bundesweites Projekt, zu dem noch eine Testphase bis Ende Juni läuft und das voraussichtlich Mitte des Jahres an den Start gehen soll.

Die Erstorientierungskurse, bei denen es neben ersten Sprachkenntnissen vor allem um Infos über den Alltag in Deutschland geht, richten sich nach Angaben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge in erster Linie an Menschen mit unklarer Bleibeperspektive. Das Modellprojekt war demnach auch in Eisenhüttenstadt, Frankfurt (Oder), Storkow, Templin und Wriezen angeboten worden.

Laut brandenburgischem Sozialministerium stehen in diesem Jahr dafür etwa 1,2 Millionen Euro zur Verfügung. Lemmermeier zufolge ist ein Drittel der geplanten Kurse in Brandenburg ausschließlich für Frauen reserviert.

Neben dem Oberspreewald-Lausitz-Kreis gibt es auch in anderen Landkreisen Bestrebungen, Geflüchteten mehr zu vermitteln als Sprachkenntnisse. Der Landkreis Havelland etwa teilt mit, dass es zwar keine speziellen Landeskundekurse gebe, man aber versuche, im Rahmen von Willkommenskursen auch die deutsche Kultur und Lebensweise nahe zu bringen. Der Landkreis Oberhavel setzt nach eigenen Angaben auf einen engen persönlichen Kontakt durch Sozialarbeit vor Ort. Im Landkreis Dahme-Spreewald kommen Feuerwehrleute, Polizisten und Einsatzkräfte von Rettungsdiensten in Flüchtlingsunterkünfte, um zum Beispiel Tipps in Brandfällen oder zu Erster Hilfe zu geben.